Montag, der 19.08.2019

von Elmar Podlasly

NOGENT (NOGENT, ELDORADO DU DIMANCHE, Frankreich 1929, Regie: Marcel Carné)

Nogent (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Nogent an der Marne war (ist?) ein beliebtes Ausflugsziel der Pariser Arbeiter und einfachen Leute. Der kurze dokumentarische Film zeigt einen typischen Sonntag. Er bündelt seine Eindrücke vom Ablauf des Tages in einer rhythmischen Montage schöner, unverfremdeter Bilder. Die Bahnfahrt nach Nogent wird kurz unterschnitten mit einer stillstehenden Fabrik und einem leeren Großraumbüro mit abgedeckten Schreibmaschinen.Dann gilt es, sich zu amüsieren, hauptsächlich mit Aktivitäten am und im Wasser. Rudern, Schwimmen, ein Sonnenbad Nehmen. Schatten, glitzerndes Sonnenlicht auf dem Wasser. Oder im Ort Tanzen, Trinken und Postkarten Schreiben. Am Abend geht es wieder zurück in die Stadt.

Regisseur Marcel Carné, später ein erfolgreicher Filmemacher mit Meisterwerken wie HAFEN IM NEBEL oder DIE KINDER DES OLYMP, war hier erst 20 Jahre alt und noch einige Jahre von seinem Spielfilmdebüt entfernt, weswegen diese erste Arbeit, über deren Produktionsbedingungen ich leider nichts weiß, als Amateurfilm eingestuft wird. Was man aber eher als eine Auszeichnung als eine Abwertung verstehen sollte, denn der Film hat etwas Frisches, Unmittelbares und auch Freches. Carné kommt ohne Zwischentitel aus, aber über die Montage findet doch ein Kommentar statt, indem er zum Beispiel den Pulk von Badegästen im Wasser mit Fischen in einem Aquarium unterschneidet, oder eine Einstellung von am Strand liegenden Männern zeigt, von denen einer ausgiebig in der Nase bohrt. Der Film erinnert wegen des Themas an MENSCHEN AM SONNTAG (1930), wobei Carné keine Geschichte erzählt, die über das Dokumentieren vom Geschehen in Nogent hinausgeht und auch keine Protagonisten hat.

Es war auch ein interessanter Kontrast zum restlichen Programm des Festivals, mal wieder einen völlig unrestaurierten Film zu sehen. Es handelte sich laut Programmheft um eine 35mm-Kopie, die sicher nicht von einem Original-Negativ gezogen worden ist und wirkte, wie eine Kopie 2. oder 3. Generation. Unscharf, mit ausgerissenen Kontrasten, musste man an manchen Stellen ganz schön die Augen zusammenkneifen, um etwas zu erkennen. Aber bei einer Lauflänge von gerade mal 17 Minuten, und weil es den Film vermutlich nicht anders gibt, nimmt man das gerne in Kauf.

Einen kurzen Ausschnitt kann man hier sehen:

NACH RECHT UND GESETZ (PRÄSTÄNKAN, Schweden 1920, Regie: Carl Theodor Dreyer)

Nach Recht und Gesetz (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

In einem schwedischen Dorf im 17. Jahrhundert ist eine Pfarrstelle neu zu besetzen, weil der alte Pastor gestorben ist. Der arme, aber quirlige Söfren (Einar Röd) braucht die Stelle dringend, weil er sonst nicht seine geliebte Mari (Greta Almroth) heiraten kann. Es gelingt ihm, seine wohlhabenderen Mitbewerber aus Kopenhagen zu schlagen. Doch Söfren hat nicht damit gerechnet, dass die Pfarrstelle an eine archaische Tradition gebunden ist. Die Witwe des alten Pfarrers, Frau Margarete (Hildur Carlberg) hat das Recht den neuen Pfarrer zu ehelichen, wenn sie es will. Und sie will es, obwohl sie bereits 3 Pastoren überlebt hat und hart auf die 80 zugeht (ihr Alter wird nicht genannt, aber Hildur Carlberg war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits 77 und verstarb kurz danach). Sie will den Pfarrhof und ihr gewohntes Leben nicht aufgeben müssen. Mit Hilfe von gutem Essen und einer Flasche Schnaps bringt sie Sören dazu, einzuwilligen. Mari gibt er als seine Schwester aus, und vertröstet diese damit, dass Frau Margarete ja bereits Erde in der Tasche habe und es nicht lange dauern könne, bis er den Hof erben wird. Es wird Hochzeit gefeiert und Mari kommt mit auf dem Pfarrhof unter. Ziemlich schnell wird klar, dass Frau Margerete weder kurz vor dem Ableben ist, noch sich in irgendeiner Weise von Söfren einwickeln lässt. Sie bleibt der Herr im Haus. Alle Versuche Söfrens, mit Mari allein zu sein, scheitern. Schließlich versucht er, dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen, aber er ist der Alten einfach nicht gewachsen, die obendrein noch ihre altgedienten Hausangestellten, den tumben Kraftprotz Steinar (Emil Helsengreen) und die schräge Gunvor (Mathilde Nielsen), als ständige Verbündete vor Ort hat. Als schließlich durch einen von Söfrens beknackten Einfällen versehentlich Mari schwer verletzt wird, ist er auf Frau Margeretes Hilfe angewiesen, die sich um Mari kümmert. Schließlich gesteht Söfren ihr die Wahrheit. Frau Margaretes Reaktion ist überraschend…

Mit Regisseur Carl Theodor Dreyer assoziiert man sofort Meisterwerke wie JOHANNA VON ORLÉANS (1928) oder VAMPYR (1932), aber hier beweist er, dass er auch Komödien inszenieren konnte. Dabei zeigt er ein gutes Händchen für komische Details, die wiederum viel über die Figuren aussagen, z.B. als Söfren darauf wartet, dass er seine Bewerbungspredigt halten kann, malt er sich, um die Löcher in seiner Kleidung zu kaschieren, die Haut unter den Löchern schwarz an. Und mein Lieblingsgag: Der Küster der Dorfkirche hat eine lange Stange, deren einziger Zweck es ist, alle bei der Predigt Eingenickten wach zu stupsen. Aber nur, wenn wiederum ihn jemand rechtzeitig weckt.

Unter der Komödie verbirgt sich eine genaue Studie der dargestellten Zeit. Um größtmöglicher Authentizität willen ließ Dreyer den Film im Freilicht-Museum Maihaugen

in Norwegen drehen, sowohl die Innen- als auch die Außenaufnahmen, was bei dem damals noch sehr lichtunempfindlichen Filmmaterial und dem engen Holzbauten große Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten verursacht haben wird. Aber das Ergebnis ist, dass man sich wirklich in diese Zeit hineinversetzt fühlt und meint, das Holz knarren zu hören und riechen zu können. Dreyer verwendete auch Originalrequisiten, die er im Museum fand. Besonders gut ist eine Szene, in der Söfren auf seiner Hochzeit mit Frau Margarete zum Löffel greift um ein Stück des Hochzeitskuchens zu essen und feststellen muss, dass sein Löffel mit einer sehr kurzen Kette am Löffel von Frau Margarete befestigt ist. Ein authentisches Objekt, dass hier als Metapher für die zentrale Idee der Geschichte fungiert.

Auffällig ist auch, wie meisterhaft Dreyer – es war immerhin erst sein zweiter Film! – eine mit dem Stummfilm aus der Mode gekommene Technik einsetzt, nämlich die Abdeckung von Teilen des Bildes. Wenn Mari während der Predigt mit dem Einschlafen kämpft, ist sie nur in einer Ecke des Bildes zu erkennen, der Rest ist schwarz verdeckt. Als die Abdeckung gleich darauf entfernt wird und den Blick freigibt auf die anderen Frauen in der Kirche, sieht man diese ebenfalls alle tief und fest schlafen. Die „Enthüllung“ des Bildes sorgt für einen wasserfesten Lacher. Heute würde so etwas über einen Schnitt gelöst werden.

Im letzten Teil des Films wird aus der Komödie ein Drama, in dem die Hauptfiguren eine nachvollziehbare Wandlung durchleben, was mich sehr berührt hat. Den Richtungswechsel des Films vollzogen Stephen Horne (Flügel, Akkordeon, Flöte) und Elizabeth-Jane Baldry (Harfe) meisterhaft mit.

Im übrigen war die neue Restaurierung vom schwedischen Filminstitut hervorragend. Magnus Rosborn vom schwedischen Filminstitut führte, wie schon in vergangenen Jahren, auf deutsch in den Film ein.

Einer meiner Favoriten dieses Festivals, und jetzt schon sicher einer meiner Lieblingsfilme des Jahres.

Nach Recht und Gesetz (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)
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