Da war doch noch was…

Von Elmar Podlasly

Willi´s Zukunftstraum (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

WILLI‘S ZUKUNFTSTRAUM (Deutschland 1929) war ein süßer 5-minütiger Animationsfilm, der als Vorfilm zu PETER PAN, DER TRAUMELF gezeigt wurde. Die Hauptfigur „Willi Schmierfink“ war Held einer ganzen Reihe von Filmen des russisch-stämmigen Animators Paul Peroff. Den Film kann man hier nachgucken, leider ohne die Harfenbegleitung von Elizabeth-Jane Baldry:

Kavaliere für 24 Stunden (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Laurel und Hardys erster gemeinsamer Auftritt als Duo im Kurzfilm KAVALIERE FÜR 24 STUNDEN (THE SECOND 100 YEARS, USA 1927, Regie: Fred L. Guiol) wurde in einer neu restaurierten Fassung gezeigt – jetzt in besserer, aber immer noch nicht überragender Bildqualität. Das tat dem Spaß jedoch keinen Abbruch. Stan Laurels Persona ist hier vielleicht noch etwas weniger kindlich als später, aber davon abgesehen sind alle Elemente der beiden Charaktere vorhanden und ihr Timing ist auch hier schon exzellent. Richard Siedhoff spielte dazu klassisch und temporeich. Der Film wurde als Vorfilm zu DAS LIED VOM ALTEN MARKT gezeigt, in der Hoffnung, mehr Zuschauer in den eher schwierigen russischen Film zu locken. Für Laurel und Hardy musste der Hof dann auch das einzige Mal dieses Jahr wegen Überfüllung geschlossen werden, aber es sind doch eine Menge Leute in der Pause gegangen und haben sich so selbst um die Erfahrung eines ganz besonderen Films gebracht.

Das Bleichgesicht (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Auch Buster Keaton durfte nicht fehlen, als Vorfilm zu DER BETTELPOET lief der 20-minütige DAS BLEICHGESICHT (THE PALEFACE) von 1922. Alles in allem ein schwächerer Keaton, aber trotzdem voller grandioser Gags und großartiger Stunts. Die Zeichnung der Indianer ist erst rassistisch, dann stellt sich der Film konsequent auf ihre Seite, wird dann aber wieder etwas rassistisch – aber da die Indianer eh wenig Ähnlichkeit mit irgendeinem realen Stamm haben, kann man es Buster nicht übelnehmen. Im Gegenteil: Für seine Zeit ist die Darstellung sogar geradezu progressiv. Ein Set mit einer gigantischen Schlucht erinnert stark an die viele Jahre später entstandenen Warner-Brothers-Cartoons mit Road Runner und Wile E. Coyote. Bei dem deutschen Titel hat man hier in Bonn geschummelt. Normalerweise entscheidet man sich immer für den deutschen Erstaufführungstitel, aber der wäre hier DAS BLASSGESICHT gewesen…

Richard Siedhoff (Flügel) und Mykyta Siereov (Oboe) begleiteten den Film hervorragend.

Anders als die anderen (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Der nur als Fragment erhaltene Aufklärungsfilm ANDERS ALS DIE ANDEREN (Regie: Richard Oswald, laut Vorspann der „Reinhardt des Films“) ist durch neu entdecktes Material immerhin anderthalb Minuten länger geworden, weswegen er in Bonn bereits zum zweiten Mal gezeigt wurde (das erste Mal war allerdings nur im Rahmenprogramm und nicht auf dem Hof). Das neue Material bestand, wenn ich es richtig erinnere, u.a. aus mehr Szenen mit Dr. Magnus Hirschfeld. Der Film bleibt sehr lückenhaft, aber wenigstens sind die meisten Szenen mit Conrad Veidt erhalten, so dass man in den Genuss einer weiteren sehr guten Performance des Ausnahmeschauspielers kam. Günter Buchwald spielte rührend dazu am Flügel und mit der Geige. Auch war die Einführung von Stefan Drößler diesmal etwas länger als üblich. Er erinnerte u.a. daran, dass der im Film angeklagte Paragraph 175 des deutschen Strafgesetzbuches, welcher sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte, erst 1994 (!!!) ersatzlos gestrichen wurde. In einer Zeit in der ein Mahnmal für die homosexuellen Opfer der Nazis immer wieder beschädigt und geschändet wird, kann man sich gar nicht oft genug daran erinnern. Der Film lief am Freitagabend im Doppelprogramm mit DIE ROTE HERBERGE.

(Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Passend zu DIE LICHTER DES BROADWAY wiederum gab es am Sonntag, den 25.08.2019, im Kulturzentrum Brotfabrik einen Vortrag von Ulrich Rüdel über die Anfänge von Technicolor. Der Vortrag ging sehr in technische Details, aber verzauberte auch mit einer Fülle von Ausschnitten, wobei mich besonders die Farbsequenzen aus DAS PHANTOM DER OPER (1925) beeindruckt haben.

Walter und Ise Gropius im Wohnzimmer im Haus Gropiusâ¨Foto: Lucia Moholy, Bauhaus-Archiv Berlin / (c) VG BILD-KUNST Bonn 2014

Einen weiteren Vortrag gab es gleich im Anschluss, wo Martina Müller sehr kritisch über das Thema DAS BAUHAUS IM FILM referierte. Im Anschluss wurden 3 Filme gezeigt. Nur unvollständig erhalten sind zwei (sehr) lange Werbefilme WIE WOHNEN WIR GESUND UND WIRTSCHAFTLICH? und DAS BAUHAUS UND SEINE BAUWEISE (beide 1927), in denen sich das Bauhaus mit wenig cineastischem Gespür selbst abfeiert und dabei manchmal in plumpe Propaganda abdriftet. László Moholy-Nagy, der am Bauhaus unterrichtete, wollte dort gerne eine Filmabteilung einrichten, was er aber nie durchsetzen konnte – was schade ist. Sein als letzter Film des Programms gezeigter BERLINER STILLEBEN (1926) ist ein wunderbares dokumentarisches Zeitdokument, das denselben unmittelbaren semi-amateurhaften Blick hat, wie sein Film GROSS­STADTZIGEUNER (1932), den es vor zwei Jahren auf den Stummfilmtagen zu sehen gab.

Am Mittwochnachmittag gab es eine von StattReisen Bonn veranstaltete Führung durch die Bonner Innenstadt, bei der Festivalleiter Stefan Drößler an viele ehemalige Kinos erinnerte. Er hatte viel Bildmaterial mitgebracht und garnierte seine Ausführungen mit persönlichen Erinnerungen und kritischen Anmerkungen zur Stadtpolitik. Eine ziemlich große Gruppe folgte ihm dabei und schwelgte gemeinsam in Kinoerinnerungen, oft begleitet von den irritierten Blicken von Passanten, für die nicht immer ersichtlich war, warum eine bestimmte Wand so viel Aufmerksamkeit auf sich zog.

Fotos: Elmar Podlasly

Und mir fällt gerade auf, dass ich überhaupt nicht mehr über das Wetter geschrieben habe, was einfach daran liegt, dass es ab dem 3. Tag durchgehend perfekt war.

Bleibt nur noch, mich ganz herzlich zu bedanken bei Andrea Kirchhartz für das Korrekturlesen, die Diskussionen, die Unterbringung und die Unterstützung. Weiterer Dank gilt Stefan Drößler für das tolle Programm und für die Gelegenheit, darüber schreiben zu dürfen. Vielen Dank auch an Sigrid Limprecht, Kristina Wydra und Franziska Kremser-Klinkertz für die Unterstützung.

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Dienstag, der 20.08.2019

von Elmar Podlasly

PETER PAN, DER TRAUMELF (PETER PAN, USA 1924, Regie: Herbert Brenon)

Peter Pan, der Traumelf (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

„…it is necessary that all of you –
no matter what age you may have
individually attained – should be
children. PETER PAN will laughingly
blow the fairy dust in your eyes and
presto! You’ll all be back in the nursery,
and once more you’ll believe in fairies,
and the play moves on.”

J.M. Barries “Vorwort” zur Filmversion seines Stückes.

Viele amerikanische Filme aus der Stummfilmzeit waren Adaptionen von Theaterstücken, und da bildet PETER PAN, DER TRAUMELF keine Ausnahme. Er will seine Herkunft aber auch nicht verleugnen, im Gegenteil. Mit der Nähe zum Theaterstück und dem Segen des Autors J.M. Barrie versuchte man, an den Erfolg des beliebten Theaterstücks anzuknüpfen. Viele Szenenbilder erinnern vom Aufbau her an die Bühne. Dann werden alle Tiere im Film von Menschen in Tierkostümen gespielt, prominent vor allem der Familienhund Nana und das Krokodil, das es auf Captain Hook abgesehen hat. In beiden steckte der Schauspieler George Ali, der auf Tierdarstellungen im Theater spezialisiert war. Bemerkenswert ist Nanas Kopf, der durch Ali von innen gesteuert werden und eine ganze Reihe verschiedener Ausdrücke produzieren konnte. Nebenbei bemerkt, der Film war auf dem Hof sehr gut besucht und jemand hatte seinen Hund mitgebracht, der gelegentlich störend auf sich aufmerksam machte. Aber einmal war sein Bellen zufällig so gut auf das Erscheinen Nanas auf der Leinwand abgestimmt, dass es einen Lacher gab.

Wenn man vom Stummfilm als einem Medium ausgeht, dass dann am stärksten ist, wenn es möglichst wenig Dialoge/Zwischentitel gibt und sich ganz auf die Kraft der musikalisch unterstützten Bilder verlassen wird, sind zu viele Dialoge natürlich hinderlich. Dialoge hat der Film leider sehr viele, die größtenteils aus dem Theaterstück stammen, so dass man am Ende des Films eigentlich das ganze Stück mitgelesen hat. Immerhin wird dadurch viel von der Original-Geschichte bewahrt. Die größte Sünde des Films bleibt jedoch, Stummfilmstar Anna May Wong als Tiger Lily zu besetzten und sie dann völlig zu verschwenden. Sie taucht gerade mal in 2 Szenen kurz auf und hat einen einzigen Satz.

Dafür gibt es immer wieder für die Entstehungszeit grandiose Spezialeffekte. Vor allem die Darstellung von Tinkerbell (die damals in der deutschen Fassung „Glühweiße“ genannt wurde) ist sehr gelungen und auch die fliegenden Kinder sind überzeugend.

Peter Pan wird von der 17jährigen Betty Bronson mit viel Sinn für Theatralik gespielt. Bereits in den Theateraufführungen wurden gerne junge Frauen besetzt, da es für einen kleinen Jungen schlicht unmöglich ist, so viel Text zu lernen.

Nur in einer Großaufnahme irritiert es, dass man unter Peters Wams Brüste erahnen kann. Eine zeitgenössische Kritik aus der New York Times, die auszugsweise im Programmheft abgedruckt ist, meint hingegen, onduliertes Haar entdeckt zu haben, das das Geschlecht der Hauptdarstellerin verrate. Bronson hatte eine Ballett-Ausbildung, was ihr sehr zugute kam, da sie den physischen Anforderungen der Rolle gewachsen war.

Captain Hook wird mit Gusto von Charakterdarsteller Ernest Torrence gespielt, „the man you loved to hiss“, bei dem ich immer sofort an seine Rolle als Buster Keatons Vater in STEAMBOAT BILL JR. (1928) denken muss. Sein Captain Hook liest Bücher über gutes Benehmen, welches er Frauen gegenüber auch umsetzt, und benutzt einen Zigarrenhalter, mit dem er zwei Zigarren gleichzeitig rauchen kann.

Drollig sind auch die patriotischen Einschübe, die zumindest für das hiesige Publikum natürlich komisch wirken, wenn z.B. die Kinder lieber über die Planke gehen wollen, als bei Captain Hook als Schiffsjunge anzuheuern, weil dieser sich nicht den „Stars and Stripes“ verpflichtet sieht. Und kaum hat Peter Pan das Piratenschiff in seine Gewalt gebracht, wird die Piratenflagge eingeholt und die amerikanische Flagge gehisst.

Eine Überraschung war für mich eine interaktive Szene etwa zu Beginn des letzten Drittels des Films, wo Peter Pan plötzlich die vierte Wand durchbricht und sich ganz unvermittelt ans Publikum wendet und um Hilfe bittet. Tinkerbell, die Peters von Captain Hook vergiftete Medizin ausgetrunken hat, damit Peter sie nicht trinkt, liegt im Sterben. Ihr Licht wird schwächer. Es kann nur vor dem Erlöschen bewahrt werden, wenn wieder viele Kinder an Feen glauben. Peter Pan fragt das Publikum: „Glaubt ihr? Dann klatscht ganz doll in die Hände!“ Eine Aufforderung, der das Bonner Publikum gerne nachkam, und Tinkerbell konnte gerettet werden.

Der Film wurde von Elizabeth-Jane Baldry ausschließlich an der Harfe begleitet. PETER PAN, DER TRAUMELF ist ihr Lieblingsfilm, was der Grund ist, dass Festivalleiter Stefan Drößler ihn ins Programm genommen hat.

Elizabeth-Jane Baldry (Foto: Elmar Podlasly)
Franziska Kremser-Klinkertz (Foto: Elmar Podlasly)
Stefan Drößler (Foto: Elmar Podlasly)
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Montag, der 19.08.2019

von Elmar Podlasly

NOGENT (NOGENT, ELDORADO DU DIMANCHE, Frankreich 1929, Regie: Marcel Carné)

Nogent (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Nogent an der Marne war (ist?) ein beliebtes Ausflugsziel der Pariser Arbeiter und einfachen Leute. Der kurze dokumentarische Film zeigt einen typischen Sonntag. Er bündelt seine Eindrücke vom Ablauf des Tages in einer rhythmischen Montage schöner, unverfremdeter Bilder. Die Bahnfahrt nach Nogent wird kurz unterschnitten mit einer stillstehenden Fabrik und einem leeren Großraumbüro mit abgedeckten Schreibmaschinen.Dann gilt es, sich zu amüsieren, hauptsächlich mit Aktivitäten am und im Wasser. Rudern, Schwimmen, ein Sonnenbad Nehmen. Schatten, glitzerndes Sonnenlicht auf dem Wasser. Oder im Ort Tanzen, Trinken und Postkarten Schreiben. Am Abend geht es wieder zurück in die Stadt.

Regisseur Marcel Carné, später ein erfolgreicher Filmemacher mit Meisterwerken wie HAFEN IM NEBEL oder DIE KINDER DES OLYMP, war hier erst 20 Jahre alt und noch einige Jahre von seinem Spielfilmdebüt entfernt, weswegen diese erste Arbeit, über deren Produktionsbedingungen ich leider nichts weiß, als Amateurfilm eingestuft wird. Was man aber eher als eine Auszeichnung als eine Abwertung verstehen sollte, denn der Film hat etwas Frisches, Unmittelbares und auch Freches. Carné kommt ohne Zwischentitel aus, aber über die Montage findet doch ein Kommentar statt, indem er zum Beispiel den Pulk von Badegästen im Wasser mit Fischen in einem Aquarium unterschneidet, oder eine Einstellung von am Strand liegenden Männern zeigt, von denen einer ausgiebig in der Nase bohrt. Der Film erinnert wegen des Themas an MENSCHEN AM SONNTAG (1930), wobei Carné keine Geschichte erzählt, die über das Dokumentieren vom Geschehen in Nogent hinausgeht und auch keine Protagonisten hat.

Es war auch ein interessanter Kontrast zum restlichen Programm des Festivals, mal wieder einen völlig unrestaurierten Film zu sehen. Es handelte sich laut Programmheft um eine 35mm-Kopie, die sicher nicht von einem Original-Negativ gezogen worden ist und wirkte, wie eine Kopie 2. oder 3. Generation. Unscharf, mit ausgerissenen Kontrasten, musste man an manchen Stellen ganz schön die Augen zusammenkneifen, um etwas zu erkennen. Aber bei einer Lauflänge von gerade mal 17 Minuten, und weil es den Film vermutlich nicht anders gibt, nimmt man das gerne in Kauf.

Einen kurzen Ausschnitt kann man hier sehen:

NACH RECHT UND GESETZ (PRÄSTÄNKAN, Schweden 1920, Regie: Carl Theodor Dreyer)

Nach Recht und Gesetz (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

In einem schwedischen Dorf im 17. Jahrhundert ist eine Pfarrstelle neu zu besetzen, weil der alte Pastor gestorben ist. Der arme, aber quirlige Söfren (Einar Röd) braucht die Stelle dringend, weil er sonst nicht seine geliebte Mari (Greta Almroth) heiraten kann. Es gelingt ihm, seine wohlhabenderen Mitbewerber aus Kopenhagen zu schlagen. Doch Söfren hat nicht damit gerechnet, dass die Pfarrstelle an eine archaische Tradition gebunden ist. Die Witwe des alten Pfarrers, Frau Margarete (Hildur Carlberg) hat das Recht den neuen Pfarrer zu ehelichen, wenn sie es will. Und sie will es, obwohl sie bereits 3 Pastoren überlebt hat und hart auf die 80 zugeht (ihr Alter wird nicht genannt, aber Hildur Carlberg war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits 77 und verstarb kurz danach). Sie will den Pfarrhof und ihr gewohntes Leben nicht aufgeben müssen. Mit Hilfe von gutem Essen und einer Flasche Schnaps bringt sie Sören dazu, einzuwilligen. Mari gibt er als seine Schwester aus, und vertröstet diese damit, dass Frau Margarete ja bereits Erde in der Tasche habe und es nicht lange dauern könne, bis er den Hof erben wird. Es wird Hochzeit gefeiert und Mari kommt mit auf dem Pfarrhof unter. Ziemlich schnell wird klar, dass Frau Margerete weder kurz vor dem Ableben ist, noch sich in irgendeiner Weise von Söfren einwickeln lässt. Sie bleibt der Herr im Haus. Alle Versuche Söfrens, mit Mari allein zu sein, scheitern. Schließlich versucht er, dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen, aber er ist der Alten einfach nicht gewachsen, die obendrein noch ihre altgedienten Hausangestellten, den tumben Kraftprotz Steinar (Emil Helsengreen) und die schräge Gunvor (Mathilde Nielsen), als ständige Verbündete vor Ort hat. Als schließlich durch einen von Söfrens beknackten Einfällen versehentlich Mari schwer verletzt wird, ist er auf Frau Margeretes Hilfe angewiesen, die sich um Mari kümmert. Schließlich gesteht Söfren ihr die Wahrheit. Frau Margaretes Reaktion ist überraschend…

Mit Regisseur Carl Theodor Dreyer assoziiert man sofort Meisterwerke wie JOHANNA VON ORLÉANS (1928) oder VAMPYR (1932), aber hier beweist er, dass er auch Komödien inszenieren konnte. Dabei zeigt er ein gutes Händchen für komische Details, die wiederum viel über die Figuren aussagen, z.B. als Söfren darauf wartet, dass er seine Bewerbungspredigt halten kann, malt er sich, um die Löcher in seiner Kleidung zu kaschieren, die Haut unter den Löchern schwarz an. Und mein Lieblingsgag: Der Küster der Dorfkirche hat eine lange Stange, deren einziger Zweck es ist, alle bei der Predigt Eingenickten wach zu stupsen. Aber nur, wenn wiederum ihn jemand rechtzeitig weckt.

Unter der Komödie verbirgt sich eine genaue Studie der dargestellten Zeit. Um größtmöglicher Authentizität willen ließ Dreyer den Film im Freilicht-Museum Maihaugen

in Norwegen drehen, sowohl die Innen- als auch die Außenaufnahmen, was bei dem damals noch sehr lichtunempfindlichen Filmmaterial und dem engen Holzbauten große Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten verursacht haben wird. Aber das Ergebnis ist, dass man sich wirklich in diese Zeit hineinversetzt fühlt und meint, das Holz knarren zu hören und riechen zu können. Dreyer verwendete auch Originalrequisiten, die er im Museum fand. Besonders gut ist eine Szene, in der Söfren auf seiner Hochzeit mit Frau Margarete zum Löffel greift um ein Stück des Hochzeitskuchens zu essen und feststellen muss, dass sein Löffel mit einer sehr kurzen Kette am Löffel von Frau Margarete befestigt ist. Ein authentisches Objekt, dass hier als Metapher für die zentrale Idee der Geschichte fungiert.

Auffällig ist auch, wie meisterhaft Dreyer – es war immerhin erst sein zweiter Film! – eine mit dem Stummfilm aus der Mode gekommene Technik einsetzt, nämlich die Abdeckung von Teilen des Bildes. Wenn Mari während der Predigt mit dem Einschlafen kämpft, ist sie nur in einer Ecke des Bildes zu erkennen, der Rest ist schwarz verdeckt. Als die Abdeckung gleich darauf entfernt wird und den Blick freigibt auf die anderen Frauen in der Kirche, sieht man diese ebenfalls alle tief und fest schlafen. Die „Enthüllung“ des Bildes sorgt für einen wasserfesten Lacher. Heute würde so etwas über einen Schnitt gelöst werden.

Im letzten Teil des Films wird aus der Komödie ein Drama, in dem die Hauptfiguren eine nachvollziehbare Wandlung durchleben, was mich sehr berührt hat. Den Richtungswechsel des Films vollzogen Stephen Horne (Flügel, Akkordeon, Flöte) und Elizabeth-Jane Baldry (Harfe) meisterhaft mit.

Im übrigen war die neue Restaurierung vom schwedischen Filminstitut hervorragend. Magnus Rosborn vom schwedischen Filminstitut führte, wie schon in vergangenen Jahren, auf deutsch in den Film ein.

Einer meiner Favoriten dieses Festivals, und jetzt schon sicher einer meiner Lieblingsfilme des Jahres.

Nach Recht und Gesetz (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)
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Sonntag, der 18.08.2019 (I)

von Elmar Podlasly

An den Sonntagen des Bonner Festivals findet immer noch ein Rahmenprogramm statt, dieses Jahr nicht wie gewohnt im Landesmuseum, da dieses gerade renoviert wird, sondern im Kulturzentrum Brotfabrik.

Alice Guy, 1906 (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Der erste Sonntag war ganz der Regisseurin und Produzentin Alice Guy gewidmet, mit deren Filmen MADAME IN NÖTEN und EMANZIPATION DER FRAUEN das Festival ja am Donnerstag eröffnet wurde. Als besondere Überraschung wurden noch zwei Filme wiederholt, die es letztes Jahr bereits in Bonn zu sehen gab, DIE FRÜHLINGSFEE und DIE MAUS IN DER KRINOLINE. Grund hierfür war, dass Festivalleiter Stefan Drößler mit den Farben in der digitalisierten Version von der FRÜHLINGSFEE nicht zufrieden war und jetzt eine bessere Fassung vorliegt.

Der 4minütige DIE FRÜHLINGSFEE (La fée printemps, Frankreich 1906) ist ein besonderer Genuss, da hier bereits viele technische Möglichkeiten des noch jungen Mediums in poetischer Weise genutzt werde. Ein Mann und eine Frau wohnen in einer ärmlichen Hütte, draußen ist tiefster Winter. Sie nehmen eine alte Bettlerin auf, die sich als „Frühlingsfee“ entpuppt, welche den Winter in einen bunten Frühling verwandelt und dem Paar einen Strauß Blumen schenkt. Als das Paar die Blumen im Haus auf den Tisch legt, finden sich darin zwei Babys. Die Frühlingsfee und die Blumenpracht sind in verschiedenen leuchtenden Farben handkoloriert. Alice Guy benutzt zudem Stopptricks, Überblendungen, Zeitlupe und rückwärts laufenden Film um die kurze märchenhafte Geschichte zu erzählen. Mit der Begleitung von Elizabeth-Jane Baldry an der Harfe war das einfach zauberhaft.

Elizabeth-Jane Baldry (Foto: Elmar Podlasly)

DIE MAUS IN DER KRINOLINE (La crinoline, Frankreich 1906) ist eine in 2 Minuten flott inszenierte Slapstickkomödie über die Probleme einer Frau mit ihrer Krinoline (ein weit abstehender Unterrock, auch Reifrock genannt), weil man sich damit weder hinsetzen kann, noch durch eine Zugtür passt. Zumindest nicht, ohne allen zu zeigen, was sie drunter trägt, was wiederum ihr Ehemann unbedingt zu verhindern sucht.

Anschließend gab es einen Dokumentarfilm mit dem Titel ALICE GUY-BLACHÉ (1873 – 1968) – HOMMAGE AN DIE ERSTE FILMEMACHERIN DER WELT (Deutschland 1997, Regie: Katja Raganelli). Ein schöner Film über das Leben und Werk von Alice Guy, produziert als Teil einer Reihe von Filmen über Filmregisseurinnen für Arte. Der Film kombiniert Archivmaterial und Interviews mit Spielszenen in denen Eva Mattes Alice Guy darstellt.

Highlights des Films waren für mich Original-Aufnahmen von Dreharbeiten einer Phonoscène, wo man Alice Guy hinter der Kamera bei der Inszenierung einer Operntruppe beobachten konnte, sowie die Interviews. Regisseurin Katja Raganelli hatte bereits Anfang der 80er Gelegenheit, die Tochter von Alice Guy in Amerika zu interviewen, wo diese, bereits hochbetagt, mit ihrem Bruder zusammen wohnte, der sich aber nicht interviewen lassen wollte. Die Tochter Simone, die ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Mutter gehabt hatte, gibt viele Einblicke in deren fast vergessene Geschichte und gewährte Raganelli Zugriff auf eine Fülle von Material, was diese Dokumentation zu einem einzigartigen Zeitdokument macht. Ein weiteres schönes Interview im Film führt Raganelli mit dem Stummfilmstar Bessie Love in London.

Im letzten Jahr entstand in Amerika unter dem Titel BE NATURAL: THE UNTOLD STORY OF ALICE GUY-BLACHÉ (Regie: Pamela B. Green) ein neuer Dokumentarfilm über Alice Guy, der sicher auch in Deutschland zu sehen sein wird – das wäre eigentlich ein schöner Anlass, Katja Raganellis Film mal wieder im Fernsehen zu wiederholen.

Katja Raganelli, Stefan Drößler (Foto: Elmar Podlasly)
Katja Raganelli (Foto: Elmar Podlasly)

Im zweiten Teil des Nachmittags wurden 5 jeweils zwischen 12 und 16 Minuten lange Filme aus Alice Guys amerikanischer Periode gezeigt, wobei sich Joachim Bärenz, Stephen Horne (beide Flügel) und Elizabeth-Jane Baldry (Harfe) die Musikbegleitung teilten.

Joachim Bärenz (Foto: Elmar Podlasly)

WENN DIE BLÄTTER FALLEN (FALLING LEAVES, USA 1912) beinhaltet einen schönen Gedanken über die ganz eigene Logik von Kindern und macht aus daraus einen Plot Point. Ein kleines Mädchen, deren große Schwester mit Schwindsucht im Bett liegt, hört wie der Arzt sagt, wenn das letzte Blatt gefallen ist, wird die Schwester gestorben sein. Also versucht das Mädchen im Vorgarten die Blätter an den Bäumen festzubinden, denn wenn diese nicht fallen, kann auch die Schwester nicht sterben. Dies beobachtet ein Passant, der stehen bleibt und sich über das Verhalten des Kindes wundert. Es stellt sich heraus, dass der Mann ein berühmter Arzt ist, der gerade ein Heilmittel entdeckt hat, mit dem er die Schwester erst retten, dann heiraten kann.

Dann gab es einen Western, ZWEI KLEINE RANGER (TWO LITTLE RANGERS, USA 1912), in dem völlig selbstverständlich zwei junge Mädchen als Revolverhelden vorkommen, die den Bösewicht besiegen und ihren Vater retten, ohne dass es irgendwie von Männern kommentiert oder in Frage gestellt wird. Sehr unterhaltsam.

DER PREIS DES LEBENS (THE HIGH COST OF LIVING, USA 1912) Ein Drama in dem es um einen Streikbrecher geht, das ich leider überhaupt nicht kapiert habe und deswegen leider auch keinen Zugang gefunden habe. Kommt auch mal vor.

DER SONNENSTRAHL (THE COMING OF SUNBEAM, USA 1913) Ein Melodram, in dem ein verbitterter alter Mann, der „Colonel“, seine Tochter verstößt, weil er ihrer Heirat nicht zustimmen will. Einige Jahre später wird vor seinem Haus in einem Wäschekorb ein kleines Mädchen namens „Sunbeam“ abgegeben, die seine Enkelin ist. Der alte Mann will zunächst nichts von dem Kind wissen, aber nach und nach erbarmt er sich ihrer, die beiden werden ein Herz und eine Seele und der alte Mann blüht auf. Als Sunbeam schwer erkrankt, trifft es den Colonel hart und er ist verzweifelt. Er sitzt in seinem Schaukelstuhl und umarmt das Spielzeug, dass er für Sunbeam gekauft hat. Die Haushälterin holt die Tochter des Colonels zurück ins Haus, die sich als Krankenschwester ausgibt, damit sie sich um Sunbeam kümmert. Schließlich wird die Familie vereint. Der Film hat mich wirklich berührt, nicht nur wegen der wundervollen Harfenmusik von Elizabeth-Jane Baldry, sondern weil hier schnörkellos eine simple Geschichte erzählt wird, von durchaus überzeugenden Darstellern getragen, was erahnen lässt, was Alice Guy als Filmemacherin noch hätte leisten können, wäre es ihr später möglich gewesen, lange Filme zu drehen.

HEIRAT IM EILTEMPO (MATRIMONY´S SPEED LIMIT, USA 1913) ist wiederum eine Slapstickkomödie, ein filmischer Vorfahr von Buster Keatons SEVEN CHANCES (USA 1925). Ein Mann, der sein Vermögen bei einem Börsencrash verloren hat, will aus stolz seine Geliebte nicht mehr heiraten, obwohl diese selber vermögend ist. Da schmiedet sie einen Plan, ihn doch noch zur Hochzeit zu bewegen und schickt ihm einen Brief, der ihn über eine angebliche Erbschaft von einer alten Tante informiert. Doch an die Erbschaft ist eine eine Bedingung geknüpft: Er muss bis um 12:00 Uhr verheiratet sein, und es ist bereits 11:30 Uhr. In einer wilden Hetzjagd durch die Stadt versucht er, irgendeine eine Frau aufzutreiben, die bereit ist, ihn zu heiraten, da er nicht weiß, wo seine Geliebte sich befindet, dabei ist diese nur schnell einen Priester holen… Bemerkenswert ist hier, wie sich die Frau als der klügere Partner über den männlichen Stolz hinwegsetzt. Auch wie gegen Ende des Films versucht wird, in Echtzeit zu erzählen, ist interessant.

Heirat im Eiltempo (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

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