Die 35. Internationalen Bonner Stummfilmtage – Das Video zum Festival

Weltpremiere: Nach den ganzen schriftlichen Eindrücken gibt es hier noch ein paar bewegte Bilder dazu. Viel Spaß!

Standard

Dienstag, der 20.08.2019

von Elmar Podlasly

PETER PAN, DER TRAUMELF (PETER PAN, USA 1924, Regie: Herbert Brenon)

Peter Pan, der Traumelf (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

„…it is necessary that all of you –
no matter what age you may have
individually attained – should be
children. PETER PAN will laughingly
blow the fairy dust in your eyes and
presto! You’ll all be back in the nursery,
and once more you’ll believe in fairies,
and the play moves on.”

J.M. Barries “Vorwort” zur Filmversion seines Stückes.

Viele amerikanische Filme aus der Stummfilmzeit waren Adaptionen von Theaterstücken, und da bildet PETER PAN, DER TRAUMELF keine Ausnahme. Er will seine Herkunft aber auch nicht verleugnen, im Gegenteil. Mit der Nähe zum Theaterstück und dem Segen des Autors J.M. Barrie versuchte man, an den Erfolg des beliebten Theaterstücks anzuknüpfen. Viele Szenenbilder erinnern vom Aufbau her an die Bühne. Dann werden alle Tiere im Film von Menschen in Tierkostümen gespielt, prominent vor allem der Familienhund Nana und das Krokodil, das es auf Captain Hook abgesehen hat. In beiden steckte der Schauspieler George Ali, der auf Tierdarstellungen im Theater spezialisiert war. Bemerkenswert ist Nanas Kopf, der durch Ali von innen gesteuert werden und eine ganze Reihe verschiedener Ausdrücke produzieren konnte. Nebenbei bemerkt, der Film war auf dem Hof sehr gut besucht und jemand hatte seinen Hund mitgebracht, der gelegentlich störend auf sich aufmerksam machte. Aber einmal war sein Bellen zufällig so gut auf das Erscheinen Nanas auf der Leinwand abgestimmt, dass es einen Lacher gab.

Wenn man vom Stummfilm als einem Medium ausgeht, dass dann am stärksten ist, wenn es möglichst wenig Dialoge/Zwischentitel gibt und sich ganz auf die Kraft der musikalisch unterstützten Bilder verlassen wird, sind zu viele Dialoge natürlich hinderlich. Dialoge hat der Film leider sehr viele, die größtenteils aus dem Theaterstück stammen, so dass man am Ende des Films eigentlich das ganze Stück mitgelesen hat. Immerhin wird dadurch viel von der Original-Geschichte bewahrt. Die größte Sünde des Films bleibt jedoch, Stummfilmstar Anna May Wong als Tiger Lily zu besetzten und sie dann völlig zu verschwenden. Sie taucht gerade mal in 2 Szenen kurz auf und hat einen einzigen Satz.

Dafür gibt es immer wieder für die Entstehungszeit grandiose Spezialeffekte. Vor allem die Darstellung von Tinkerbell (die damals in der deutschen Fassung „Glühweiße“ genannt wurde) ist sehr gelungen und auch die fliegenden Kinder sind überzeugend.

Peter Pan wird von der 17jährigen Betty Bronson mit viel Sinn für Theatralik gespielt. Bereits in den Theateraufführungen wurden gerne junge Frauen besetzt, da es für einen kleinen Jungen schlicht unmöglich ist, so viel Text zu lernen.

Nur in einer Großaufnahme irritiert es, dass man unter Peters Wams Brüste erahnen kann. Eine zeitgenössische Kritik aus der New York Times, die auszugsweise im Programmheft abgedruckt ist, meint hingegen, onduliertes Haar entdeckt zu haben, das das Geschlecht der Hauptdarstellerin verrate. Bronson hatte eine Ballett-Ausbildung, was ihr sehr zugute kam, da sie den physischen Anforderungen der Rolle gewachsen war.

Captain Hook wird mit Gusto von Charakterdarsteller Ernest Torrence gespielt, „the man you loved to hiss“, bei dem ich immer sofort an seine Rolle als Buster Keatons Vater in STEAMBOAT BILL JR. (1928) denken muss. Sein Captain Hook liest Bücher über gutes Benehmen, welches er Frauen gegenüber auch umsetzt, und benutzt einen Zigarrenhalter, mit dem er zwei Zigarren gleichzeitig rauchen kann.

Drollig sind auch die patriotischen Einschübe, die zumindest für das hiesige Publikum natürlich komisch wirken, wenn z.B. die Kinder lieber über die Planke gehen wollen, als bei Captain Hook als Schiffsjunge anzuheuern, weil dieser sich nicht den „Stars and Stripes“ verpflichtet sieht. Und kaum hat Peter Pan das Piratenschiff in seine Gewalt gebracht, wird die Piratenflagge eingeholt und die amerikanische Flagge gehisst.

Eine Überraschung war für mich eine interaktive Szene etwa zu Beginn des letzten Drittels des Films, wo Peter Pan plötzlich die vierte Wand durchbricht und sich ganz unvermittelt ans Publikum wendet und um Hilfe bittet. Tinkerbell, die Peters von Captain Hook vergiftete Medizin ausgetrunken hat, damit Peter sie nicht trinkt, liegt im Sterben. Ihr Licht wird schwächer. Es kann nur vor dem Erlöschen bewahrt werden, wenn wieder viele Kinder an Feen glauben. Peter Pan fragt das Publikum: „Glaubt ihr? Dann klatscht ganz doll in die Hände!“ Eine Aufforderung, der das Bonner Publikum gerne nachkam, und Tinkerbell konnte gerettet werden.

Der Film wurde von Elizabeth-Jane Baldry ausschließlich an der Harfe begleitet. PETER PAN, DER TRAUMELF ist ihr Lieblingsfilm, was der Grund ist, dass Festivalleiter Stefan Drößler ihn ins Programm genommen hat.

Elizabeth-Jane Baldry (Foto: Elmar Podlasly)
Franziska Kremser-Klinkertz (Foto: Elmar Podlasly)
Stefan Drößler (Foto: Elmar Podlasly)
Standard

Donnerstag, der 15.08.2019

von Elmar Podlasly

Die 35. Ausgabe des Bonner Sommerkinos wurde am Donnerstagabend eröffnet, trotz laufender Renovierungsarbeiten in der gewohnten Location, dem Arkadenhof der Universität.

Da es wohl den ganzen Tag immer wieder Regenschauer gegeben hatte, war der Hof zur Eröffnung leider nicht voll besetzt, aber trotzdem noch gut besucht. Das Stammpublikum lässt sich von etwas Wetter nicht abschrecken, und der harte Kern erst recht nicht. Von den 35 Festivals habe ich zwar leider nur 5 selbst erlebt, aber ich kann mich an Vorstellungen im strömenden Regen erinnern, wo trotzdem hunderte Besucher geblieben sind. Und wer nicht an seine Regenjacke gedacht hat, kann im Eingangsbereich einen Poncho erwerben. Es gibt also keine Ausreden und die hatte man auch gar nicht nötig, denn das Wetter blieb uns gewogen, mal von ein paar verirrten Tropfen kurz vor Schluss abgesehen. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Bonner Bürgermeister Ashok-Alexander Sridharan ergriffen die Festivalleiter Sigrid Limprecht und Stefan Drössler nacheinander das Wort.

Stefan Drössler erzählte dabei, dass er immer wieder gefragt werde, was denn das Thema des Festivals wäre, wobei es eigentlich keins gibt, es geht mehr darum möglichst viele Epochen und Stilrichtungen der Stummfilmzeit abzudecken. Aber es ergeben sich bei der Filmauswahl immer wieder thematische Bezüge, „rote Fäden“, die sich durch das Festival ziehen. Ein solcher thematischer Faden sind dieses Jahr Filme, die sich mit Geschlechterfragen auseinandersetzten. Seit #metoo wird sich verstärkt an Filme von Frauen erinnert, von denen viele, vergessen sind, vor allem aus der Frühzeit des Films (also sowohl die Filme als auch die Macherinnen). Ein besonderes Beispiel ist Alice Guy, die als erste Filmemacherin der Welt gilt, von 1897 bis 1906 das Studio von Léon Gaumont leitete und der als Regisseurin über 1000 Filme zugeschrieben werden. In der Frühzeit des Films waren die Macher hinter der Kamera in der Regel unbekannt, bzw. sie wurden selten namentlich genannt oder in Programmen erwähnt. Da Alice Guy derzeit Thema eines neuen amerikanischen Dokumentarfilms ist und einiges über sie geschrieben wird (und wir auch schon letztes Jahr einige ihrer kurzen Filme hier in Bonn zu sehen bekamen), war es naheliegend, das Festival mit 2 Filmen von ihr zu eröffnen.

MADAME IN NÖTEN (Madame a des envies, Frankreich 1906)

Eine hochschwangere Frau zieht durch die Stadt, stets gefolgt von ihrem gestressten Ehemann mit bereits einem Baby im Kinderwagen, und nimmt sich alles, wonach es ihr gelüstet: Sie klaut einem Kind den Lutscher, einem Bettler den Hering, einem Zecher den Absinth und auch vor der Pfeife eines Straßenkehrers macht sie nicht halt. Das verursacht allerlei Tumult, was die Frau aber nicht abschreckt. Die Binge-Tour endet in einem Kohl-Beet, wo ihr Baby innerhalb einer Sekunde auf die Welt kommt. 5 sehr kurzweilige Minuten, die mit einer wunderbaren Leichtigkeit die Verhältnisse seiner Zeit auf die Schippe nehmen. Die Schwangere setzt sich über alles hinweg, aber letztendlich kann ihr dank ihrer Umstände keiner lange böse sein, schon gar nicht das Publikum.

EMANZIPATION DER FRAUEN (Les résultats du féminisme, Frankreich 1906)

In einer fiktiven Umkehrsituation haben Männer und Frauen die Rollen getauscht. Und zwar nicht in der üblichen Klamauk-Variante, wo Männer für einen Lacher in Frauenklamotten rumlaufen, sondern konsequent zu Ende gedacht. Die Frauen sitzen bewaffnet in der Kneipe und saufen, während die Männer daheim nähen und bügeln und sich um die Kinder kümmern müssen. Obendrein sind sie auf der Straße den ständigen Belästigungen von Frauen ausgesetzt. Es kommt dank der ständigen Misshandlung und Unterdrückung zur Revolte, bei der die Männer sich gegen die Frauen auflehnen.

Der Film wird von manchen auch als anti-feministisch gedeutet, aber mir schien er eindeutig das Gegenteil zu wollen. Unter dem Deckmantel der Komödie hält er der Geschlechterordnung schonungslos den Spiegel vor und zeigt den Aufstand der Unterdrückten (hier ist wohl besonders die Suffragetten-Bewegung gemeint) nur als logische und verständliche Konsequenz. Man(n) sollte sich auch während des 8-Minutenfilms fragen, warum das Gezeigte über 100 Jahre später immer noch so komisch ist.

GLEICHE MORAL (The Single Standard, USA 1929, R:John S. Robertson)

Als erster Langfilm des Festivals lief einer von Greta Garbos letzten Stummfilmen, THE SINGLE STANDARD.

Der Film zeigt die 20er Jahre als eine Zeit der Doppelmoral. Während die Männer sich im Nachtleben mit leichten Mädchen vergnügen, müssen die Frauen daheim nicht nur Heim und Herd hüten, sondern auch ihre Tugend.

Ada (oder Arden, wie sie in der US-Version heißt), gespielt von Greta Garbo, ist jung, vermögend und alleinstehend, und hat ihren eigenen Willen. Die Heiratsanträge von Tommy (Johnny Mack Brown) lehnt sie ab und vergnügt sich lieber mit dessen Chauffeur. Dieser ist ein verarmter Adeliger und gesellschaftlich abgestuft, aber sie begegnet ihm auf Augenhöhe. Als Tommy davon Wind bekommt, feuert er den Chauffeur, der mit dieser erneuten Abstufung nicht klarkommt und sich auf der Stelle und vor Adas Augen mit seinem Wagen in den Tod fährt.

Einige Zeit später gerät Ada durch Zufall in eine Ausstellung des erfolgreichen Malers Cannon (Nils Asther), der seine Boxerkarriere für die Kunst aufgegeben hat. Zwischen den beiden herrscht sofort eine starke Anziehungskraft. Noch während der Ausstellung wird Cannon zu einem Boxkampf herausgefordert, der unverzüglich ausgeführt wird und aus dem er natürlich als Sieger hervorgeht. Während des Kampfes gibt es diverse Zwischenschnitte auf Ada, und der Ausdruck auf ihrem Gesicht ist eine Mischung aus Sorge, Abscheu und Erregung – einer von Garbos besten Momenten im Film.

So viel Männlichkeit kann sie schwer widerstehen und sie begibt sich spontan mit ihm auf eine Segelreise mit seinem Schiff, der „All Alone“. Dort erleben die beiden eine traumhaft romantische Zeit, und der Zuschauer einige sehr schön fotografierte Sequenzen (ein Bild daraus ist das diesjährige Plakatmotiv des Festivals geworden). Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer, der Name des Schiffs hätte ihr eine Warnung sein müssen. Der „malende Matrosenboxer“(Zitat aus der Lichtbild-Bühne, laut Programmheft) trennt sich von ihr, da er nur für seine Kunst lebt und frei sein will. Die enttäuschte Ada kehrt zurück in ihr ödes Society-Leben, wo man ihr ihre Affären sehr übel genommen hat. Da erscheint Tommy wieder auf dem Plan und erneuert seinen Heiratsantrag. 4 Jahre später haben Ada und Tommy einen kleinen Sohn und führen ein scheinbar glückliches Familienleben. Doch dann kehrt Cannon aus dem „fieberverseuchten Inneren Chinas“ zurück und läuft durch Zufall Ada in die Arme, nach der er sich die ganze Zeit gesehnt hat. Die Gefühle flammen sofort wieder auf und Cannon will sie wiederhaben, diesmal für immer. Wie wird Ada sich entscheiden?

1929 war der Siegeszug des Tonfilms in Amerika bereits weit fortgeschritten und der Stummfilm eigentlich erledigt. Große Ausnahmen waren Chaplin, der sich dem Tonfilm noch lange verweigerte, und die Garbo. Der Grund für die Verzögerung ihres Tonfilmdebüts soll gewesen sein, dass man bei MGM fürchtete, das Publikum mit dem schwedischen Akzent der Diva zu verschrecken; sie brauchte noch Zeit, um ihr Englisch zu verbessern. Sicherheitshalber spielte sie dann in ihrem ersten richtigen Tonfilm, ANNA CHRISTIE, eine schwedische Prostituierte. Auch THE SINGLE STANDARD wurde in den USA bereits als Tonfilm vermarktet, auf der Tonspur war jedoch lediglich Musik mit ein paar Soundeffekten. Da die Tonspur auf den Filmstreifen platziert wird, man das beim Dreh des Films aber noch nicht eingeplant hatte, wurde das Bild seitlich beschnitten, um Platz für den Ton zu haben. Es fehlte also bei der amerikanischen Fassung links ein Teil des Bildes. In Europa und anderen Teilen der Welt, wo noch nicht alle Kinos auf Tonfilm umgerüstet waren, lief der Film als Stummfilm, dafür mit intaktem Bild. Zu sehen war die österreichische Version mit dem Titel GLEICHE MORAL (in Deutschland lief der Film unter dem passenderen Titel UNSICHTBARE FESSELN). Die hier in Bonn gezeigte 35mm-Kopie war nicht restauriert, etwas dunkel und mit ein paar Unschärfen, aber immer noch sehr schön anzusehen, so dass man die zwei großen Stärken des Films genießen konnte. Da ist einmal die „Göttliche“ Garbo, in einer für sie bis dato eher ungewöhnlichen Rolle. Sie spielt sehr gut und sieht fantastisch aus – zum Anschmachten schön – aber ist eben nicht der typische „Vamp“, wie sie ihn in ihren vorherigen amerikanischen Filmen so erfolgreich verkörperte (zum Beispiel in FLESH AND THE DEVIL, der letztes Jahr hier bei den Stummfilmtagen zu sehen war). Sie ist vielmehr eine moderne, selbstbewusste Frau, die unter den „unsichtbaren Fesseln“ leidet, die die Gesellschaft ihr anlegt: Wer sich nicht an die Regeln hält, dem droht gesellschaftliche Ächtung. Und auch wenn der Film diese Ansätze nie vertieft und eben Hollywood-typisch an der glänzenden Oberfläche bleibt, leidet man mit Ada, deren Freiheit sich am Ende darauf beschränkt, zwischen dem boxenden Matrosenmaler und der Mutterrolle entscheiden zu müssen. Wobei man der Garbo die Mutterrolle vollends abnimmt und die Szenen mit ihr und dem Kind sehr schön sind.

Ausschnitt aus der amerikanischen Fassung: Garbo mit Kind

Die andere Stärke ist der wunderschöne Look des Films, mit der exzellenten Kameraarbeit von Oliver T. Marsh (der die Garbo bereits ein Jahr zuvor in THE DIVINE WOMAN vor der Linse hatte) sowie exquisiten Art-Deco-Sets und -Kleidern.

Irgendwie ist es auch mal ganz nett, dass der Film nicht damit endet, dass sich jemand erschießt oder ins Wasser geht, was ja in den Dramen der Zeit durchaus häufiger passiert.

Der Film wurde von Stephen Horne am Piano begleitet, der gelegentlich auch zur Flöte und anderen Instrumenten griff. Dabei gelang es ihm auch, einige komödiantische Momente hervorzuheben, die in dem ansonsten ernsten Drama vielleicht untergegangen wären. Die Szenen mit Garbo und dem Kind waren mit der Flöte gut unterstützt.

Standard