Die 35. Internationalen Bonner Stummfilmtage – Das Video zum Festival

Weltpremiere: Nach den ganzen schriftlichen Eindrücken gibt es hier noch ein paar bewegte Bilder dazu. Viel Spaß!

Standard

Da war doch noch was…

Von Elmar Podlasly

Willi´s Zukunftstraum (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

WILLI‘S ZUKUNFTSTRAUM (Deutschland 1929) war ein süßer 5-minütiger Animationsfilm, der als Vorfilm zu PETER PAN, DER TRAUMELF gezeigt wurde. Die Hauptfigur „Willi Schmierfink“ war Held einer ganzen Reihe von Filmen des russisch-stämmigen Animators Paul Peroff. Den Film kann man hier nachgucken, leider ohne die Harfenbegleitung von Elizabeth-Jane Baldry:

Kavaliere für 24 Stunden (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Laurel und Hardys erster gemeinsamer Auftritt als Duo im Kurzfilm KAVALIERE FÜR 24 STUNDEN (THE SECOND 100 YEARS, USA 1927, Regie: Fred L. Guiol) wurde in einer neu restaurierten Fassung gezeigt – jetzt in besserer, aber immer noch nicht überragender Bildqualität. Das tat dem Spaß jedoch keinen Abbruch. Stan Laurels Persona ist hier vielleicht noch etwas weniger kindlich als später, aber davon abgesehen sind alle Elemente der beiden Charaktere vorhanden und ihr Timing ist auch hier schon exzellent. Richard Siedhoff spielte dazu klassisch und temporeich. Der Film wurde als Vorfilm zu DAS LIED VOM ALTEN MARKT gezeigt, in der Hoffnung, mehr Zuschauer in den eher schwierigen russischen Film zu locken. Für Laurel und Hardy musste der Hof dann auch das einzige Mal dieses Jahr wegen Überfüllung geschlossen werden, aber es sind doch eine Menge Leute in der Pause gegangen und haben sich so selbst um die Erfahrung eines ganz besonderen Films gebracht.

Das Bleichgesicht (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Auch Buster Keaton durfte nicht fehlen, als Vorfilm zu DER BETTELPOET lief der 20-minütige DAS BLEICHGESICHT (THE PALEFACE) von 1922. Alles in allem ein schwächerer Keaton, aber trotzdem voller grandioser Gags und großartiger Stunts. Die Zeichnung der Indianer ist erst rassistisch, dann stellt sich der Film konsequent auf ihre Seite, wird dann aber wieder etwas rassistisch – aber da die Indianer eh wenig Ähnlichkeit mit irgendeinem realen Stamm haben, kann man es Buster nicht übelnehmen. Im Gegenteil: Für seine Zeit ist die Darstellung sogar geradezu progressiv. Ein Set mit einer gigantischen Schlucht erinnert stark an die viele Jahre später entstandenen Warner-Brothers-Cartoons mit Road Runner und Wile E. Coyote. Bei dem deutschen Titel hat man hier in Bonn geschummelt. Normalerweise entscheidet man sich immer für den deutschen Erstaufführungstitel, aber der wäre hier DAS BLASSGESICHT gewesen…

Richard Siedhoff (Flügel) und Mykyta Siereov (Oboe) begleiteten den Film hervorragend.

Anders als die anderen (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Der nur als Fragment erhaltene Aufklärungsfilm ANDERS ALS DIE ANDEREN (Regie: Richard Oswald, laut Vorspann der „Reinhardt des Films“) ist durch neu entdecktes Material immerhin anderthalb Minuten länger geworden, weswegen er in Bonn bereits zum zweiten Mal gezeigt wurde (das erste Mal war allerdings nur im Rahmenprogramm und nicht auf dem Hof). Das neue Material bestand, wenn ich es richtig erinnere, u.a. aus mehr Szenen mit Dr. Magnus Hirschfeld. Der Film bleibt sehr lückenhaft, aber wenigstens sind die meisten Szenen mit Conrad Veidt erhalten, so dass man in den Genuss einer weiteren sehr guten Performance des Ausnahmeschauspielers kam. Günter Buchwald spielte rührend dazu am Flügel und mit der Geige. Auch war die Einführung von Stefan Drößler diesmal etwas länger als üblich. Er erinnerte u.a. daran, dass der im Film angeklagte Paragraph 175 des deutschen Strafgesetzbuches, welcher sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte, erst 1994 (!!!) ersatzlos gestrichen wurde. In einer Zeit in der ein Mahnmal für die homosexuellen Opfer der Nazis immer wieder beschädigt und geschändet wird, kann man sich gar nicht oft genug daran erinnern. Der Film lief am Freitagabend im Doppelprogramm mit DIE ROTE HERBERGE.

(Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Passend zu DIE LICHTER DES BROADWAY wiederum gab es am Sonntag, den 25.08.2019, im Kulturzentrum Brotfabrik einen Vortrag von Ulrich Rüdel über die Anfänge von Technicolor. Der Vortrag ging sehr in technische Details, aber verzauberte auch mit einer Fülle von Ausschnitten, wobei mich besonders die Farbsequenzen aus DAS PHANTOM DER OPER (1925) beeindruckt haben.

Walter und Ise Gropius im Wohnzimmer im Haus Gropiusâ¨Foto: Lucia Moholy, Bauhaus-Archiv Berlin / (c) VG BILD-KUNST Bonn 2014

Einen weiteren Vortrag gab es gleich im Anschluss, wo Martina Müller sehr kritisch über das Thema DAS BAUHAUS IM FILM referierte. Im Anschluss wurden 3 Filme gezeigt. Nur unvollständig erhalten sind zwei (sehr) lange Werbefilme WIE WOHNEN WIR GESUND UND WIRTSCHAFTLICH? und DAS BAUHAUS UND SEINE BAUWEISE (beide 1927), in denen sich das Bauhaus mit wenig cineastischem Gespür selbst abfeiert und dabei manchmal in plumpe Propaganda abdriftet. László Moholy-Nagy, der am Bauhaus unterrichtete, wollte dort gerne eine Filmabteilung einrichten, was er aber nie durchsetzen konnte – was schade ist. Sein als letzter Film des Programms gezeigter BERLINER STILLEBEN (1926) ist ein wunderbares dokumentarisches Zeitdokument, das denselben unmittelbaren semi-amateurhaften Blick hat, wie sein Film GROSS­STADTZIGEUNER (1932), den es vor zwei Jahren auf den Stummfilmtagen zu sehen gab.

Am Mittwochnachmittag gab es eine von StattReisen Bonn veranstaltete Führung durch die Bonner Innenstadt, bei der Festivalleiter Stefan Drößler an viele ehemalige Kinos erinnerte. Er hatte viel Bildmaterial mitgebracht und garnierte seine Ausführungen mit persönlichen Erinnerungen und kritischen Anmerkungen zur Stadtpolitik. Eine ziemlich große Gruppe folgte ihm dabei und schwelgte gemeinsam in Kinoerinnerungen, oft begleitet von den irritierten Blicken von Passanten, für die nicht immer ersichtlich war, warum eine bestimmte Wand so viel Aufmerksamkeit auf sich zog.

Fotos: Elmar Podlasly

Und mir fällt gerade auf, dass ich überhaupt nicht mehr über das Wetter geschrieben habe, was einfach daran liegt, dass es ab dem 3. Tag durchgehend perfekt war.

Bleibt nur noch, mich ganz herzlich zu bedanken bei Andrea Kirchhartz für das Korrekturlesen, die Diskussionen, die Unterbringung und die Unterstützung. Weiterer Dank gilt Stefan Drößler für das tolle Programm und für die Gelegenheit, darüber schreiben zu dürfen. Vielen Dank auch an Sigrid Limprecht, Kristina Wydra und Franziska Kremser-Klinkertz für die Unterstützung.

Standard

Sonntag, der 18.08.2019 (II)

von Elmar Podlasly

DIE WEISSE HÖLLE VOM PIZ PALÜ (Deutschland 1929, Arnold Fanck, G.W. Pabst)

Leni Riefenstahl & Gustav Diessl in DIE WEISSE HÖLLE VOM PIZ PALÜT (Foto: DFF Deutsches Filminstitut und Filmmuseum)

Das frisch vermählte Paar Hans (Ernst Petersen) und Maria (Leni Riefenstahl) macht eine Bergtour in die Dolomiten. Die Zweisamkeit in einer Berghütte unterbrochen als Dr. Johannes Krafft (Gustav Diessl) in der Hütte auftaucht. Krafft hat vor einigen Jahren seine Verlobte verloren, die nach einer Lawine in eine Gletscherspalte gestürzt ist und deren Leiche nie geborgen werden konnte. Seitdem klettert er in den Bergen herum, in der Hoffnung seine Verlobte wiederzufinden. Die Einheimischen nennen ihn deswegen den „Geist des Berges“. Doch Maria findet Zugang zu dem verschlossenen Krafft und hat Mitleid mit ihm, was Hans eifersüchtig macht. Als Krafft am nächsten Tag einen gefährlichen Aufstieg wagen will, an der er bereits mehrfach gescheitert ist, will Hans ihn begleiten, um vor Maria anzugeben, die er in der Hütte zurücklassen will. Doch Maria lässt sich nicht abhängen und sie klettern zu dritt den Berg hoch. Ihnen auf den Fersen ist eine Gruppe Studenten, die, als sie von weitem Krafft erkennen, diesen aus sportlichen Gründen unbedingt überholen wollen auf dem Weg zum Gipfel und beschließen eine noch gefährlichere Route zu versuchen. Nach einer Weile als dritter Mann in der Seilschaft besteht der ungestüme Hans darauf, die Führung zu übernehmen, was fatale Folgen hat. Er stürzt ab und Krafft muss ihn retten, wobei dieser sich ein Bein bricht. Es löst sich auch noch eine Lawine und begräbt die Gruppe Studenten unter sich, bzw. schubst sie tief in die Gletscherspalten hinab, während Maria, Krafft und der schwerverletzte Hans in der Wand festhängen. Krafft muss seine ganze Erfahrung aufwenden um die drei am Leben zu halten und den Bergführer im Dorf auf sich aufmerksam zu machen. Dieser startet eine Rettungsexpedition doch kann die drei nicht finden. Die Studenten werden nur noch tot geborgen. Schließlich bietet der Flieger Ernst Udet, der zufällig mit Hans und Maria befreundet ist, seine Hilfe an und versucht sie vom Flugzeug aus ausfindig zu machen…

„Die weiße Hölle vom Piz Palü“ (Foto: DFF Deutsches Filminstitut und Filmmuseum)

Der Produzent Harry R. Sokal stellte Fanck, dem Bergfilm-Spezialisten, den Regisseur G.W. Pabst an die Seite, damit dieser sich um die Personenregie in den Innenaufnahmen kümmern sollte, weil Fanck nicht gut mit Schauspielern umgehen konnte. Pabst mischte sich aber auch in andere Teile der Dreharbeiten ein, was Fanck nicht gefallen haben kann. Man erkennt aber die Handschriften beider in dem Film wieder. Die bombastischen überwältigenden Bergaufnahmen, in denen die Schauspieler klein und verloren wirken und dem gegenüber die Intimität des jungen Paares, mit Gesichtern in Großaufnahme. Ich glaube es ist auch der einzige Film, in dem ich Leni Riefenstahl als Schauspielerin etwas abgewinnen kann. Gustav Diessl hat eine wahnsinnig starke Leinwandpräsenz und man glaubt ihm auch den erfahrenen Bergsteiger. Ernst Petersen bleibt etwas blass, aber das passt auch zu seiner Rolle. Alle Beteiligten wurden vor der Kamera Situationen ausgesetzt, die lebensbedrohlich wirken und es wohl auch in Wirklichkeit waren. Was letztendlich den Reiz des Films ausmacht, da er sich durch Authentizität von allen Pappmaché-Kunstschnee-Bergsteigerdramen abhebt. Dafür waren neben den zwei Regisseuren gleich 3 Kameramänner nötig: Sepp Allgeier, Richard Angst und Hans Schneeberger.

Vor allem die unglaubliche Sequenz, wo die Retter mit den brennenden Pechfackeln durch die Gletscherspalten kraxeln um nach den Vermissten zu suchen, ist so beeindruckend, dass man diese im Tonfilm-Remake von 1950 unter dem Titel FÖHN (mit Hans Albers, Lilo Pulver und Adrian Hoven) einfach nochmal verwendet hat.

DIE WEISSE HÖLLE VOM PIZ PALÜ ist aber mit 2 Stunden und 15 Minuten Laufzeit ein ziemlicher Klopper, der mir bei früheren Sichtungen immer zu lang vorkam. Spätestens wenn sie die dritte Nacht in in Folge in der Wand ausharren und Ernst Udet seine endlosen Loopings fliegt, hatte der Film meine Geduld überbeansprucht. Da zeigte sich hier in Bonn mal wieder, was eine gute Musikbegleitung ausmachen kann. Sabrina Zimmermann (Geige) und Mark Pogolski (Flügel) haben es geschafft, mit der von Zimmermann komponierten Musik (die wieder Motive ihres Vaters Aljoscha Zimmermann aufgreift, die dieser für andere Bergfilme von Arnold Fanck komponiert hat) die Längen des Films zu verkürzen. Stetig treibend und aufwühlend, konnte durch Musik die Spannung gehalten werden und die vielen Szenen mit Beinahe-Abstürzen und Menschen die am Seil über dem Abgrund baumeln wurden mit zusätzlicher Dramatik aufgeladen, so das ich einige Male wirklich wirklich kurz die Luft angehalten habe. Die Vorführung verfehlte auch die Wirkung beim Publikum nicht, was dieses mit stehenden Ovationen bekundete.

Sigrid Limprecht, Sabrina Zimmermann, Mark Pogolski (Foto: Elmar Podlasly)
Sigrid Limprecht, Sabrina Zimmermann, Mark Pogolski (Foto: Elmar Podlasly)
Standard

Donnerstag, der 15.08.2019

von Elmar Podlasly

Die 35. Ausgabe des Bonner Sommerkinos wurde am Donnerstagabend eröffnet, trotz laufender Renovierungsarbeiten in der gewohnten Location, dem Arkadenhof der Universität.

Da es wohl den ganzen Tag immer wieder Regenschauer gegeben hatte, war der Hof zur Eröffnung leider nicht voll besetzt, aber trotzdem noch gut besucht. Das Stammpublikum lässt sich von etwas Wetter nicht abschrecken, und der harte Kern erst recht nicht. Von den 35 Festivals habe ich zwar leider nur 5 selbst erlebt, aber ich kann mich an Vorstellungen im strömenden Regen erinnern, wo trotzdem hunderte Besucher geblieben sind. Und wer nicht an seine Regenjacke gedacht hat, kann im Eingangsbereich einen Poncho erwerben. Es gibt also keine Ausreden und die hatte man auch gar nicht nötig, denn das Wetter blieb uns gewogen, mal von ein paar verirrten Tropfen kurz vor Schluss abgesehen. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Bonner Bürgermeister Ashok-Alexander Sridharan ergriffen die Festivalleiter Sigrid Limprecht und Stefan Drössler nacheinander das Wort.

Stefan Drössler erzählte dabei, dass er immer wieder gefragt werde, was denn das Thema des Festivals wäre, wobei es eigentlich keins gibt, es geht mehr darum möglichst viele Epochen und Stilrichtungen der Stummfilmzeit abzudecken. Aber es ergeben sich bei der Filmauswahl immer wieder thematische Bezüge, „rote Fäden“, die sich durch das Festival ziehen. Ein solcher thematischer Faden sind dieses Jahr Filme, die sich mit Geschlechterfragen auseinandersetzten. Seit #metoo wird sich verstärkt an Filme von Frauen erinnert, von denen viele, vergessen sind, vor allem aus der Frühzeit des Films (also sowohl die Filme als auch die Macherinnen). Ein besonderes Beispiel ist Alice Guy, die als erste Filmemacherin der Welt gilt, von 1897 bis 1906 das Studio von Léon Gaumont leitete und der als Regisseurin über 1000 Filme zugeschrieben werden. In der Frühzeit des Films waren die Macher hinter der Kamera in der Regel unbekannt, bzw. sie wurden selten namentlich genannt oder in Programmen erwähnt. Da Alice Guy derzeit Thema eines neuen amerikanischen Dokumentarfilms ist und einiges über sie geschrieben wird (und wir auch schon letztes Jahr einige ihrer kurzen Filme hier in Bonn zu sehen bekamen), war es naheliegend, das Festival mit 2 Filmen von ihr zu eröffnen.

MADAME IN NÖTEN (Madame a des envies, Frankreich 1906)

Eine hochschwangere Frau zieht durch die Stadt, stets gefolgt von ihrem gestressten Ehemann mit bereits einem Baby im Kinderwagen, und nimmt sich alles, wonach es ihr gelüstet: Sie klaut einem Kind den Lutscher, einem Bettler den Hering, einem Zecher den Absinth und auch vor der Pfeife eines Straßenkehrers macht sie nicht halt. Das verursacht allerlei Tumult, was die Frau aber nicht abschreckt. Die Binge-Tour endet in einem Kohl-Beet, wo ihr Baby innerhalb einer Sekunde auf die Welt kommt. 5 sehr kurzweilige Minuten, die mit einer wunderbaren Leichtigkeit die Verhältnisse seiner Zeit auf die Schippe nehmen. Die Schwangere setzt sich über alles hinweg, aber letztendlich kann ihr dank ihrer Umstände keiner lange böse sein, schon gar nicht das Publikum.

EMANZIPATION DER FRAUEN (Les résultats du féminisme, Frankreich 1906)

In einer fiktiven Umkehrsituation haben Männer und Frauen die Rollen getauscht. Und zwar nicht in der üblichen Klamauk-Variante, wo Männer für einen Lacher in Frauenklamotten rumlaufen, sondern konsequent zu Ende gedacht. Die Frauen sitzen bewaffnet in der Kneipe und saufen, während die Männer daheim nähen und bügeln und sich um die Kinder kümmern müssen. Obendrein sind sie auf der Straße den ständigen Belästigungen von Frauen ausgesetzt. Es kommt dank der ständigen Misshandlung und Unterdrückung zur Revolte, bei der die Männer sich gegen die Frauen auflehnen.

Der Film wird von manchen auch als anti-feministisch gedeutet, aber mir schien er eindeutig das Gegenteil zu wollen. Unter dem Deckmantel der Komödie hält er der Geschlechterordnung schonungslos den Spiegel vor und zeigt den Aufstand der Unterdrückten (hier ist wohl besonders die Suffragetten-Bewegung gemeint) nur als logische und verständliche Konsequenz. Man(n) sollte sich auch während des 8-Minutenfilms fragen, warum das Gezeigte über 100 Jahre später immer noch so komisch ist.

GLEICHE MORAL (The Single Standard, USA 1929, R:John S. Robertson)

Als erster Langfilm des Festivals lief einer von Greta Garbos letzten Stummfilmen, THE SINGLE STANDARD.

Der Film zeigt die 20er Jahre als eine Zeit der Doppelmoral. Während die Männer sich im Nachtleben mit leichten Mädchen vergnügen, müssen die Frauen daheim nicht nur Heim und Herd hüten, sondern auch ihre Tugend.

Ada (oder Arden, wie sie in der US-Version heißt), gespielt von Greta Garbo, ist jung, vermögend und alleinstehend, und hat ihren eigenen Willen. Die Heiratsanträge von Tommy (Johnny Mack Brown) lehnt sie ab und vergnügt sich lieber mit dessen Chauffeur. Dieser ist ein verarmter Adeliger und gesellschaftlich abgestuft, aber sie begegnet ihm auf Augenhöhe. Als Tommy davon Wind bekommt, feuert er den Chauffeur, der mit dieser erneuten Abstufung nicht klarkommt und sich auf der Stelle und vor Adas Augen mit seinem Wagen in den Tod fährt.

Einige Zeit später gerät Ada durch Zufall in eine Ausstellung des erfolgreichen Malers Cannon (Nils Asther), der seine Boxerkarriere für die Kunst aufgegeben hat. Zwischen den beiden herrscht sofort eine starke Anziehungskraft. Noch während der Ausstellung wird Cannon zu einem Boxkampf herausgefordert, der unverzüglich ausgeführt wird und aus dem er natürlich als Sieger hervorgeht. Während des Kampfes gibt es diverse Zwischenschnitte auf Ada, und der Ausdruck auf ihrem Gesicht ist eine Mischung aus Sorge, Abscheu und Erregung – einer von Garbos besten Momenten im Film.

So viel Männlichkeit kann sie schwer widerstehen und sie begibt sich spontan mit ihm auf eine Segelreise mit seinem Schiff, der „All Alone“. Dort erleben die beiden eine traumhaft romantische Zeit, und der Zuschauer einige sehr schön fotografierte Sequenzen (ein Bild daraus ist das diesjährige Plakatmotiv des Festivals geworden). Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer, der Name des Schiffs hätte ihr eine Warnung sein müssen. Der „malende Matrosenboxer“(Zitat aus der Lichtbild-Bühne, laut Programmheft) trennt sich von ihr, da er nur für seine Kunst lebt und frei sein will. Die enttäuschte Ada kehrt zurück in ihr ödes Society-Leben, wo man ihr ihre Affären sehr übel genommen hat. Da erscheint Tommy wieder auf dem Plan und erneuert seinen Heiratsantrag. 4 Jahre später haben Ada und Tommy einen kleinen Sohn und führen ein scheinbar glückliches Familienleben. Doch dann kehrt Cannon aus dem „fieberverseuchten Inneren Chinas“ zurück und läuft durch Zufall Ada in die Arme, nach der er sich die ganze Zeit gesehnt hat. Die Gefühle flammen sofort wieder auf und Cannon will sie wiederhaben, diesmal für immer. Wie wird Ada sich entscheiden?

1929 war der Siegeszug des Tonfilms in Amerika bereits weit fortgeschritten und der Stummfilm eigentlich erledigt. Große Ausnahmen waren Chaplin, der sich dem Tonfilm noch lange verweigerte, und die Garbo. Der Grund für die Verzögerung ihres Tonfilmdebüts soll gewesen sein, dass man bei MGM fürchtete, das Publikum mit dem schwedischen Akzent der Diva zu verschrecken; sie brauchte noch Zeit, um ihr Englisch zu verbessern. Sicherheitshalber spielte sie dann in ihrem ersten richtigen Tonfilm, ANNA CHRISTIE, eine schwedische Prostituierte. Auch THE SINGLE STANDARD wurde in den USA bereits als Tonfilm vermarktet, auf der Tonspur war jedoch lediglich Musik mit ein paar Soundeffekten. Da die Tonspur auf den Filmstreifen platziert wird, man das beim Dreh des Films aber noch nicht eingeplant hatte, wurde das Bild seitlich beschnitten, um Platz für den Ton zu haben. Es fehlte also bei der amerikanischen Fassung links ein Teil des Bildes. In Europa und anderen Teilen der Welt, wo noch nicht alle Kinos auf Tonfilm umgerüstet waren, lief der Film als Stummfilm, dafür mit intaktem Bild. Zu sehen war die österreichische Version mit dem Titel GLEICHE MORAL (in Deutschland lief der Film unter dem passenderen Titel UNSICHTBARE FESSELN). Die hier in Bonn gezeigte 35mm-Kopie war nicht restauriert, etwas dunkel und mit ein paar Unschärfen, aber immer noch sehr schön anzusehen, so dass man die zwei großen Stärken des Films genießen konnte. Da ist einmal die „Göttliche“ Garbo, in einer für sie bis dato eher ungewöhnlichen Rolle. Sie spielt sehr gut und sieht fantastisch aus – zum Anschmachten schön – aber ist eben nicht der typische „Vamp“, wie sie ihn in ihren vorherigen amerikanischen Filmen so erfolgreich verkörperte (zum Beispiel in FLESH AND THE DEVIL, der letztes Jahr hier bei den Stummfilmtagen zu sehen war). Sie ist vielmehr eine moderne, selbstbewusste Frau, die unter den „unsichtbaren Fesseln“ leidet, die die Gesellschaft ihr anlegt: Wer sich nicht an die Regeln hält, dem droht gesellschaftliche Ächtung. Und auch wenn der Film diese Ansätze nie vertieft und eben Hollywood-typisch an der glänzenden Oberfläche bleibt, leidet man mit Ada, deren Freiheit sich am Ende darauf beschränkt, zwischen dem boxenden Matrosenmaler und der Mutterrolle entscheiden zu müssen. Wobei man der Garbo die Mutterrolle vollends abnimmt und die Szenen mit ihr und dem Kind sehr schön sind.

Ausschnitt aus der amerikanischen Fassung: Garbo mit Kind

Die andere Stärke ist der wunderschöne Look des Films, mit der exzellenten Kameraarbeit von Oliver T. Marsh (der die Garbo bereits ein Jahr zuvor in THE DIVINE WOMAN vor der Linse hatte) sowie exquisiten Art-Deco-Sets und -Kleidern.

Irgendwie ist es auch mal ganz nett, dass der Film nicht damit endet, dass sich jemand erschießt oder ins Wasser geht, was ja in den Dramen der Zeit durchaus häufiger passiert.

Der Film wurde von Stephen Horne am Piano begleitet, der gelegentlich auch zur Flöte und anderen Instrumenten griff. Dabei gelang es ihm auch, einige komödiantische Momente hervorzuheben, die in dem ansonsten ernsten Drama vielleicht untergegangen wären. Die Szenen mit Garbo und dem Kind waren mit der Flöte gut unterstützt.

Standard