Da war doch noch was…

Von Elmar Podlasly

Willi´s Zukunftstraum (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

WILLI‘S ZUKUNFTSTRAUM (Deutschland 1929) war ein süßer 5-minütiger Animationsfilm, der als Vorfilm zu PETER PAN, DER TRAUMELF gezeigt wurde. Die Hauptfigur „Willi Schmierfink“ war Held einer ganzen Reihe von Filmen des russisch-stämmigen Animators Paul Peroff. Den Film kann man hier nachgucken, leider ohne die Harfenbegleitung von Elizabeth-Jane Baldry:

Kavaliere für 24 Stunden (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Laurel und Hardys erster gemeinsamer Auftritt als Duo im Kurzfilm KAVALIERE FÜR 24 STUNDEN (THE SECOND 100 YEARS, USA 1927, Regie: Fred L. Guiol) wurde in einer neu restaurierten Fassung gezeigt – jetzt in besserer, aber immer noch nicht überragender Bildqualität. Das tat dem Spaß jedoch keinen Abbruch. Stan Laurels Persona ist hier vielleicht noch etwas weniger kindlich als später, aber davon abgesehen sind alle Elemente der beiden Charaktere vorhanden und ihr Timing ist auch hier schon exzellent. Richard Siedhoff spielte dazu klassisch und temporeich. Der Film wurde als Vorfilm zu DAS LIED VOM ALTEN MARKT gezeigt, in der Hoffnung, mehr Zuschauer in den eher schwierigen russischen Film zu locken. Für Laurel und Hardy musste der Hof dann auch das einzige Mal dieses Jahr wegen Überfüllung geschlossen werden, aber es sind doch eine Menge Leute in der Pause gegangen und haben sich so selbst um die Erfahrung eines ganz besonderen Films gebracht.

Das Bleichgesicht (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Auch Buster Keaton durfte nicht fehlen, als Vorfilm zu DER BETTELPOET lief der 20-minütige DAS BLEICHGESICHT (THE PALEFACE) von 1922. Alles in allem ein schwächerer Keaton, aber trotzdem voller grandioser Gags und großartiger Stunts. Die Zeichnung der Indianer ist erst rassistisch, dann stellt sich der Film konsequent auf ihre Seite, wird dann aber wieder etwas rassistisch – aber da die Indianer eh wenig Ähnlichkeit mit irgendeinem realen Stamm haben, kann man es Buster nicht übelnehmen. Im Gegenteil: Für seine Zeit ist die Darstellung sogar geradezu progressiv. Ein Set mit einer gigantischen Schlucht erinnert stark an die viele Jahre später entstandenen Warner-Brothers-Cartoons mit Road Runner und Wile E. Coyote. Bei dem deutschen Titel hat man hier in Bonn geschummelt. Normalerweise entscheidet man sich immer für den deutschen Erstaufführungstitel, aber der wäre hier DAS BLASSGESICHT gewesen…

Richard Siedhoff (Flügel) und Mykyta Siereov (Oboe) begleiteten den Film hervorragend.

Anders als die anderen (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Der nur als Fragment erhaltene Aufklärungsfilm ANDERS ALS DIE ANDEREN (Regie: Richard Oswald, laut Vorspann der „Reinhardt des Films“) ist durch neu entdecktes Material immerhin anderthalb Minuten länger geworden, weswegen er in Bonn bereits zum zweiten Mal gezeigt wurde (das erste Mal war allerdings nur im Rahmenprogramm und nicht auf dem Hof). Das neue Material bestand, wenn ich es richtig erinnere, u.a. aus mehr Szenen mit Dr. Magnus Hirschfeld. Der Film bleibt sehr lückenhaft, aber wenigstens sind die meisten Szenen mit Conrad Veidt erhalten, so dass man in den Genuss einer weiteren sehr guten Performance des Ausnahmeschauspielers kam. Günter Buchwald spielte rührend dazu am Flügel und mit der Geige. Auch war die Einführung von Stefan Drößler diesmal etwas länger als üblich. Er erinnerte u.a. daran, dass der im Film angeklagte Paragraph 175 des deutschen Strafgesetzbuches, welcher sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte, erst 1994 (!!!) ersatzlos gestrichen wurde. In einer Zeit in der ein Mahnmal für die homosexuellen Opfer der Nazis immer wieder beschädigt und geschändet wird, kann man sich gar nicht oft genug daran erinnern. Der Film lief am Freitagabend im Doppelprogramm mit DIE ROTE HERBERGE.

(Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Passend zu DIE LICHTER DES BROADWAY wiederum gab es am Sonntag, den 25.08.2019, im Kulturzentrum Brotfabrik einen Vortrag von Ulrich Rüdel über die Anfänge von Technicolor. Der Vortrag ging sehr in technische Details, aber verzauberte auch mit einer Fülle von Ausschnitten, wobei mich besonders die Farbsequenzen aus DAS PHANTOM DER OPER (1925) beeindruckt haben.

Walter und Ise Gropius im Wohnzimmer im Haus Gropiusâ¨Foto: Lucia Moholy, Bauhaus-Archiv Berlin / (c) VG BILD-KUNST Bonn 2014

Einen weiteren Vortrag gab es gleich im Anschluss, wo Martina Müller sehr kritisch über das Thema DAS BAUHAUS IM FILM referierte. Im Anschluss wurden 3 Filme gezeigt. Nur unvollständig erhalten sind zwei (sehr) lange Werbefilme WIE WOHNEN WIR GESUND UND WIRTSCHAFTLICH? und DAS BAUHAUS UND SEINE BAUWEISE (beide 1927), in denen sich das Bauhaus mit wenig cineastischem Gespür selbst abfeiert und dabei manchmal in plumpe Propaganda abdriftet. László Moholy-Nagy, der am Bauhaus unterrichtete, wollte dort gerne eine Filmabteilung einrichten, was er aber nie durchsetzen konnte – was schade ist. Sein als letzter Film des Programms gezeigter BERLINER STILLEBEN (1926) ist ein wunderbares dokumentarisches Zeitdokument, das denselben unmittelbaren semi-amateurhaften Blick hat, wie sein Film GROSS­STADTZIGEUNER (1932), den es vor zwei Jahren auf den Stummfilmtagen zu sehen gab.

Am Mittwochnachmittag gab es eine von StattReisen Bonn veranstaltete Führung durch die Bonner Innenstadt, bei der Festivalleiter Stefan Drößler an viele ehemalige Kinos erinnerte. Er hatte viel Bildmaterial mitgebracht und garnierte seine Ausführungen mit persönlichen Erinnerungen und kritischen Anmerkungen zur Stadtpolitik. Eine ziemlich große Gruppe folgte ihm dabei und schwelgte gemeinsam in Kinoerinnerungen, oft begleitet von den irritierten Blicken von Passanten, für die nicht immer ersichtlich war, warum eine bestimmte Wand so viel Aufmerksamkeit auf sich zog.

Fotos: Elmar Podlasly

Und mir fällt gerade auf, dass ich überhaupt nicht mehr über das Wetter geschrieben habe, was einfach daran liegt, dass es ab dem 3. Tag durchgehend perfekt war.

Bleibt nur noch, mich ganz herzlich zu bedanken bei Andrea Kirchhartz für das Korrekturlesen, die Diskussionen, die Unterbringung und die Unterstützung. Weiterer Dank gilt Stefan Drößler für das tolle Programm und für die Gelegenheit, darüber schreiben zu dürfen. Vielen Dank auch an Sigrid Limprecht, Kristina Wydra und Franziska Kremser-Klinkertz für die Unterstützung.

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Samstag, 17.08.2019

von Elmar Podlasly

Am Samstag waren die Filmgötter uns nicht ganz so gewogen, denn es regnete etwas. Dementsprechend waren weit weniger Leute gekommen, als es das Programm des Abends eigentlich verdiente…

Das verbotene Paradies (Foto: Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.)

„Schnurrbartspitzen nach oben!“

DAS VERBOTENE PARADIES (Forbidden Paradise, USA 1924, R: Ernst Lubitsch)

In einem fiktiven Balkanstaat regiert Königin Katharina (Pola Negri). Sie verbringt ihre Zeit damit, in ihrem Palast haufenweise Männer zu vernaschen, während ihr Hofmarschall (Adolphe Menjou) sich um alle Abläufe diplomatisch kümmert.

Währenddessen brodelt es in ein einem anderen Teil des Landes und eine Revolution droht. Davon wird der junge Offizier Alexei Czerny (Rod La Rocque) Zeuge und macht sich auf Gedeih und Verderb auf den Weg, um seine Königin zu warnen.

Er kommt in den Palast, in dem auch seine Verlobte Anna (Pauline Starke) als Kammerzofe der Königin arbeitet, und verlangt eine Audienz. Der Hofmarschall hält ihn für verrückt und will ihn abführen lassen, doch es gelingt Alexei, bis zur Königin vorzudringen. Doch die ist weniger interessiert an dem, was er zu sagen hat, als an seinem Körper. Sie ernennt ihn zum Hauptmann ihrer Leibgarde, mit eindeutigen Hintergedanken, sehr zum Entsetzen von Anna. Der naive Idealist Alexei kann den beachtlichen Verführungskünsten der Königin nicht lange widerstehen und es kommt zum Eklat, als Anna die Königin konfrontiert. Diese lässt Anna wegen Majestätsbeleidigung einsperren, während draußen die Revolution sich immer weiter ausbreitet…

Der Film wurde erst im letzten Jahr vom New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) restauriert, davor gab es von dem Film nur Fragmente, aber keine aufführbare Fassung. Einige fehlende Teile hat man durch Szenenwiederholungen und durch digitale Rekonstruktion überbrückt, was nicht immer gut gelungen ist. Aber alle wichtigen Szenen sind vollständig und die Bildqualität ist durchweg gut. Was gibt es Schöneres, als einen verschollenen Film endlich sehen zu können, der dann alle Erwartungen erfüllt und gar übertrifft? Endlich kann man eine Lücke füllen und einen von Lubitschs besten amerikanischen Stummfilmen (wieder)sehen. Hauptdarstellerin Pola Negri gebührt ein großer Teil des Erfolgs, ihr ist einfach kein Mann gewachsen. Ernst Lubitsch, ihr Entdecker, soll es sehr gekränkt haben, dass ihr noch vor ihm der Sprung nach Hollywood gelungen ist. Leider blieb DAS VERBOTENE PARADIES die einzige amerikanische Zusammenarbeit der beiden, was angesichts dieses Films umso mehr verwundert. Ansonsten ist der Film der wahrscheinlich frivolste aller Lubitsch-Filme, wobei alles mit Andeutungen, Gesten, Blicken und Gags erzählt wird und natürlich keine nackte Haut zu sehen ist, dafür aber nach oben gezwirbelte Schnurrbart-Enden. Lubitsch schafft es, die Zuschauer erahnen und verstehen zu lassen, dass es immer nur um das Eine geht, ohne dass dieses Eine je benannt wird. Der berühmte Lubitsch-Touch eben. Mein Lieblingsgag ist ein ominöser pompöser Orden, den die Königin nur für eine ganz bestimmte Leistung zu verleihen scheint.

Wie immer bei Lubitsch spielen Türen eine große Rolle. Hier vor allem die Tür zu den Gemächern der Königin, die zwar nicht verschlossen ist, die aber trotzdem nur bestimmte Personen öffnen dürfen, und auf deren Klinke sich von außen viele erwartungsvolle Blicke richten. Nur der Hofmarschall darf durchs Schlüsselloch gucken, wovon er bereits Rückenschmerzen hat, bis die Königin ihm durch einen Vorhang den Blick versperrt. Der Großteil des Films spielt sich auf beiden Seiten dieser Tür ab, doch wenn man mal mehr vom Palast zu sehen bekommt, ist dieser geradezu lächerlich riesig und es würde ohne Schnitt ewig dauern, bis jemand seine gigantischen Hallen durchschritten hat. Der Ton des Films bleibt kontinuierlich leicht, und auch die Revolution findet ein überraschendes unblutiges Ende. Weil Lubitsch seine Figuren liebt, werden sie am Ende nicht bestraft oder geläutert. Die Königin wird nicht verheiratet und tugendhaft, sondern sie macht genau so weiter, wie es ihre Art ist. Der nächste Orden wird bereits verliehen…

Mark Pogolski, Sabrina Zimmermann (Foto: Elmar Podlasly)

Der Film wurde fantastisch begleitet von Sabrina Zimmermann an der Geige und Mark Pogolski am Flügel. Bei der Musik von Sabrina Zimmermann griff sie auf Motive ihres Vaters Aljoscha Zimmermann zurück.

Ich habe mitbekommen, dass einige Zuschauer irritiert waren, weil die deutsche Zwischentitelübersetzung, die ja hier in Bonn neben den Film projiziert wird, zum Teil deutlich von der englischen Originalversion abwich. Das kommt daher, dass die deutschen Titel hier keine Übersetzung der englischen Zwischentitel waren, sondern die originalen deutschen Zwischentitel der 20er Jahre aus der Zensurkarte.

Was ist eigentlich eine Zensurkarte?

Eine Zensurkarte, auch Zulassungskarte oder Erlaubniskarte genannt, ist ein historisches amtliches Dokument der Filmzensur. In Berlin wurde 1906 die polizeiliche Filmzensur eingeführt und jeder Film musste, um überhaupt in den Kinos vorgeführt werden zu können, bei der Polizei zur Kontrolle eingereicht werden. Die füllte die Zensurkarte aus und fügte sie jeder Filmkopie bei, als Nachweis das der Film die Zensur durchlaufen hatte. Viele dieser Karten haben die Zeit überdauert und lagern im Bundesarchiv Filmarchiv. Das Bemerkenswerte an diesen Karten und ihre Bedeutung für die Restaurierung von Filmen liegt darin, dass darauf der Text aller Zwischentitel eines Films vermerkt ist. So kann man z.B. einen Eindruck von nicht mehr existierenden Filmen gewinnen oder Unterschiede zwischen verschiedenen Fassungen erkennen. Oder, wie im Fall von DAS VERBOTENE PARADIES, die deutsche Fassung wiederherstellen, so wie sie einst in Deutschland aufgeführt wurde. Man kann eigentlich davon ausgehen, dass die meisten Zuschauer des Festivals Englisch verstehen. So eröffnet sich eine neue Rezeptionsebene, da man die beiden Fassungen miteinander vergleichen kann. Wer das ablenkend findet, kann sich nur für eine Version entscheiden. Problematisch wird es, wenn sich die Zensurkarte und die Vorführfassung stark unterscheiden. Dann muss eine Anpassung vorgenommen werden. Auch wenn Begriffe auftauchen, die einem heutigen Zuschauer nichts mehr sagen. So übersetzte man bei DAS VERBOTENE PARADIES den „Lord Chamberlain“ laut Zensurkarte damals mit einem Begriff aus dem preußischen Hofprotokoll: „Der Minister des königlichen Hauses“. Weil das aber niemandem mehr etwas sagt, entschied sich die Übersetzerin des Festivals, Andrea Kirchhartz, für den Begriff „Hofmarschall“. Ansonsten hat die alte deutsche Fassung eine sehr schöne altmodisch-blumige Sprache. Aus „Alexei had promised to meet his fiancée at eight o’clock in the Royal gardens.”

wird in der deutschen Fassung dann „Wenn der Hofdienst beendet ist und der Abend seine Schatten über die Büsche der königlichen Gärten deckt, verlangt auch die Liebe nach ihrem Recht.“

KAMPF UMS GLÜCK (FEN DOU, China 1932, Regie: Shi Dongshan)

Kampf ums Glück (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

In einem Mehrfamilienhaus wohnt unten der alte Grundschullehrer Herr Liu mit seiner Frau, darüber zwei junge Fabrikarbeiter (Zheng Junli und Yuan Congmei), die in ständigem Wettkampf miteinander stehen und obendrein beide in dasselbe Mädchen, genannt „Kleine Schwalbe“ (Yanyan Chen), verliebt sind, die mit ihrem brutalen Adoptivvater über ihnen wohnt.

Der Adoptivvater will Kleine Schwalbe für Geld an einen Mann verheiraten und schlägt sie, als sie sich verweigert. Es gelingt ihr, dem Adoptivvater zu entkommen, und Zheng und Yuan verstecken sie in ihrer Wohnung.

Wieder entbrennt ein Streit zwischen den beiden um Kleine Schwalbe. Herr Liu will schlichten, doch der Adoptivvater kommt dazwischen. Es gelingt Zheng, der „Junger Tiger“ genannt wird, mit Kleiner Schwalbe zu fliehen. Doch nicht nur der Adoptivvater, sondern auch der eifersüchtige Yuan, von Herrn Liu auf eine falsche Fährte geschickt, ist ihnen auf den Fersen. Während Herr Liu mit seiner Frau in sein Heimatdorf zurückkehrt, weil er Angst vor Yuans Rache hat, heiraten Junger Tiger und Kleine Schwalbe in einer anderen Stadt und leben glücklich zusammen, bis Yuan sie dort aufspürt. Es kommt zu einem Kampf auf Leben und Tod, der nur durch Zufall von der Polizei unterbrochen werden kann.

Die beiden kommen ins Gefängnis. Dort erfahren sie vom bevorstehenden Krieg gegen die japanischen Invasoren und Junger Tiger will sich freiwillig melden und provoziert Yuan es auch zu tun. Als Junger Tiger sich von Kleiner Schwalbe in den Fronteinsatz verabschiedet, versteht er nicht warum sie weint. Sie solle ihm doch Erfolg wünschen und fröhlich sein. Während Junger Tiger sich an der Front bewährt und Yuan geläutert den Heldentod stirbt, bleibt Kleine Schwalbe bei Herrn Liu im Dorf. Sie wartet sehnsüchtig auf seine Rückkehr und wird darüber schließlich schwer krank…

Dieser erst vor kurzem wiederentdeckte Film ist eine neue Restaurierung vom China Film Archive. Er ist deutlich besser erhalten als die meisten bisher hier in Bonn gezeigten chinesischen Stummfilme und wurde wunderbar begleitet von Stephen Horne am Flügel und Frank Bockius an den Percussioninstrumenten. Der Grund dafür, dass der Film vergessen war, liegt wahrscheinlich darin, dass es sich nicht um einen kommunistischen Film handelt, sondern einen sehr westlich orientierten. Regisseur Shi Dongshan der (laut Programmheft) im kommunistischen China politisch verfolgt wurde und sich 1955 das Leben nahm, hat sich eine Menge abgeguckt von den amerikanischen Filmen seiner Zeit, insbesondere wohl von Frank Borzages 7TH HEAVEN (USA 1927). Hinzu kommt, wenn der Held gegen Ende in den Krieg zieht, tut er das nicht unter der Flagge der Kommunisten, sondern derer der nationalchinesischen Kuomintang, wobei sich diese beiden verfeindeten Gruppen kurzzeitig vereinten, um gegen die Japaner zu kämpfen, die während des lange währenden chinesischen Bürgerkrieges (1927-1949) Teile des Landes besetzten. Davon abgesehen tut der amerikanische Einfluss dem Film sehr gut, denn zumindest in der ersten Hälfte des Films, die in dem Mietshaus spielt, besticht er durch sehr gute Kameraarbeit. Die Kamera fährt oft im Treppenhaus zwischen den Stockwerken hin und her, während die Bewohner diese hinauf oder hinab stürmen.

Eine schöne Szene ist auch, als Junger Tiger auf einem Jahrmarkt in einer Wurfbude 4 Dämonen-Figuren umwerfen will, um einen Preis für Kleine Schwalbe zu gewinnen. Es gelingt ihm, die Dämonen der Krankheit, des Krieges und des Geldes umzuwerfen, doch den Dämon der Lust will er partout nicht treffen. Eine böse Vorahnung der kommenden Szene mit Yuan.

Etwas genervt hat mich die Figur des Lehrers Liu, der einfach ständig und für jeden weise Ratschläge parat hat. Selbst als gegen Ende des Films der böse Adoptivvater wieder auftaucht und von den Männern des Dorfes verprügelt wird, rät ihm der Lehrer, erst zurückzukehren, wenn er sich geändert habe und ein besserer Mensch geworden ist, was dieser demütig annimmt und sagt, er wisse zu würdigen, was Herr Liu ihm geraten habe.

Als Kleine Schwalbe sich sorgt, ob ihr Junger Tiger wieder von der Front zurückkehren wird, erzählt er ihr, Krieg wäre gar nicht so schlimm, und dass Kugeln tapferen Soldaten ausweichen würden. Man könnte meinen, er sagt das nur, um sie zu beruhigen, aber es passt zu der völlig unkritischen Haltung des Films Krieg gegenüber. Dieser ist scheinbar nur dazu da, damit „richtige Männer“ wie Junger Tiger sich beweisen können, während die anderen an der Front sterben, so dass der Film sich letzten Endes doch als Propaganda entlarvt. Schon am Anfang des Films, wird Herr Liu eingeführt, als er zwei streitende Schüler trennt (wieder eine Vorschau auf das Verhältnis zwischen Yuan und Zheng/Junger Tiger). Junger Tiger zeigt sich dabei beeindruckt von dem einen Jungen, der den anderen verprügelt hat, weil dieser seine Familie beleidigt habe. Der Junge sei kein Feigling und kämpfe für seine Ehre. Darauf antwortet Herr Liu: „Ein Mann, der nicht kämpfen kann, findet nie einen Platz in der Welt“.

Frank Bockius (Foto: Elmar Podlasly)
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