Sonntag, der 25.08.2019

von Elmar Podlasly

MAJESTÄT SCHNEIDET BUBIKÖPFE! (HANS KUNGLIG HÖGHET SHINGLAR, Schweden/Deutschland 1928, Regie: Ragnar Hytén-Cavallius)

Majestät schneidet Bubiköpfe (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Der alte Friseurmeister André Grégory (Hans Junkermann) erhält Besuch von seinem Enkel Nickolo (Enrique Rivero), der auf Urlaub von seinem Studium ist. Nickolo fängt sofort an, im Friseurladen auszuhelfen, was sein Großvater mit gemischten Gefühlen sieht. Denn Nickolo kennt nicht das Geheimnis des alten Friseurs, der gar nicht wirklich sein Großvater ist, sondern einst der Hoffriseur des Königs von Schnorrkadien war. Als dort die Revolution ausbrach, vertraute man ihm den Thronfolger Nickolo noch als Baby an, damit er ihn erziehen und im Exil in Schweden auf seine Rückkehr vorbereiten sollte. Die beiden Organisatoren dieser Rettungsaktion legen mit einem Schiff im Hafen an und es scheint, die Zeit der Rückkehr stünde kurz bevor. Währenddessen hat sich Nickolo, der als Friseur sehr beliebt bei den jungen Damen ist, weil er auch den modernen Bubikopf schneiden kann, in die hübsche Astrid Svensson (Brita Apelgreen) verliebt. Die ist wiederum die Enkelin von Sophie Svensson (Karin Swanström), die ein gigantisches Vermögen mit einem Haarwuchsmittel gemacht hat, „das jede Glatze in Hochwald verwandelt“ (Zwischentitel). Sie will Astrid unbedingt in eine adelige Familie verheiraten, Graf Falkenstjerna (Julius Falkenstein) scheint ihr da genau der Richtige zu sein. Als die Herren aus Schnorrkadien André informieren, dass für die Rückkehr zur Monarchie eine größere Menge Bargeld nötig ist, kommt diesem eine Idee: Er zieht Sophie Svensson ins Vertrauen und organisiert so die Verlobung des Kronprinzen mit der reichsten Erbin von Schweden. Was kann da noch schiefgehen?

Der Film ist eine Wiederentdeckung des schwedischen Filminstituts. Leider waren die ersten Minuten irreparabel beschädigt, weswegen man sich hier mit Standfotos beholfen hat. Das war aber für das Verständnis des gesamten Films kein Problem. Der Autor der originalen deutschen Zwischentitel gibt ordentlich Gas und motzt die Titel mit allerlei Wortwitz und Kalauern auf (wir haben es überprüft: Rainer Brandt war noch nicht geboren). Die Titel sind auf der Zensurkarte dokumentiert und dankenswerterweise entschieden sich die Übersetzerin Andrea Kirchhartz und der Kurator Stefan Drößler dafür, den Text der alten deutschen Zwischentitel weitgehend zu übernehmen und es nicht bei einer direkten Übersetzung der etwas nüchterneren schwedischen Titel zu belassen. Die alten deutschen Titel machen aus dem Grafen Edelstjerna einen Graf Falkenstjerna, was eine Anspielung auf den Darsteller des Grafen, Julius Falkenstein ist. Der Graf ist es auch, der in der deutschen Fassung auf seinen Stammbaum hinweist: „Fräulein Svensson – meine Ahnen gehen bis zu Theophil dem Verdatterten zurück!“ Aus dem Königreich „Tiranien“ wird das Paradies der Schnorrer: „Schnorrkadien“.

Auf der Zensurkarte finden sich auch zwei Zensurvermerke, eine Szene und ein Zwischentitel mussten entfernt werden, damit der Film 1928 in deutschen Kinos gezeigt werden durfte. Eine Szene, die während der Rückblende zur Revolution in Schnorrkadien Tote zeigt, wurde beanstandet. Der zensierte Zwischentitel war: „Was haben Sie aus dem Mädel gemacht, Sie … Haar-Mann!“ Diese böse Anspielung auf den 1925 hingerichteten Serienmörder Fritz Haarmann ging dem Zensor zu weit. Es wurde daraus: „Was haben Sie aus dem Mädel gemacht, Sie … Zopfabschneider!“

Insgesamt war mir der Film ein bisschen zu nett und harmlos, wobei die ideenreiche deutsche Übersetzung viel Spaß brachte, und die durchaus überraschende letzte Wendung der Geschichte, die ich nicht verraten möchte, einiges wieder wettmachte. Auch die Charakterdarsteller machen ihre Sache allesamt gut.

Alles in allem durchaus ein würdiger Abschlussfilm, der beim Publikum gut ankam, ebenso wie die wunderbare musikalische Begleitung von Günter A. Buchwald.

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Samstag , der 24.08.2019

von Elmar Podlasly

DIE LICHTER DES BROADWAY (LIGHTS OF OLD BROADWAY, USA 1925, Regie: Monta Bell)

Die Lichter des Broadway, Marion Davies (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Die verwaisten Zwillinge Fely und Anne werden als Babys getrennt. Beide werden in New York adoptiert. Anne kommt bei der bei der reichen Bankiersfamilie de Rhonde unter, Fely bei einer armen irischen Familie, den O’Tandys. 1882, etwa 20 Jahre später, spielt Marion Davies beide Frauen. Die burschikose Fely ist Tänzerin an einem Varieté-Theater, wo ihr Annes Adoptivbruder Dirk (Conrad Nagel) begegnet, der sich in sie verliebt. Doch der Vater von Dirk und Anne ist Bankdirektor Lambert de Rhonde (Frank Currier), der mit der Verbindung überhaupt nicht einverstanden ist. Es kommt zum Bruch zwischen Vater und Sohn und Dirk zieht zu den O’Tandys in den Slum. Dumm nur, dass Vater de Rhonde im Besitz des Landes ist, auf dem die irischen Familien leben und sie ihm schon lange ein Dorn im Auge sind. Er stellt Dirk vor die Wahl: Entweder er verlässt Fely und kehrt zu den de Rhondes zurück, oder das Gebiet wird geräumt und die Hütten abgerissen. Währenddessen bereitet Thomas Alva Edison (J. Frank Glendon), für den Dirk arbeitet, die erste elektrische Straßenbeleuchtung von Manhattan vor. Ein Experiment an das wenige zu glauben scheinen. Eine Gruppe radikaler Iren will die Dunkelheit, nachdem das Gaslicht abgedreht wird, nutzen, um de Rhonde Sr. zu ermorden…

Hauptdarstellerin Marion Davies war viele Jahre die Geliebte des Zeitungs-Tycoons William Randolph Hearst, der auch stets versucht hat, ihre Karriere zu fördern. Deswegen wird allgemein angenommen, dass sie das Vorbild war für die Figur der talentlosen Opernsängerin Susan Alexander in Orson Welles filmischer Abrechnung mit Hearst, CITIZEN KANE (1939). Welles hat dies aber mehrfach bestritten. Die Figur basiert eher auf Ganna Walska. Da LIGHTS OF OLD BROADWAY sehr erfolgreich war und Marion Davies als feste Größe auf der Leinwand etablierte, hätte sie zumindest zu der Zeit auch keine Hilfe bezüglich ihrer Karriere nötig gehabt. Außerdem ist sie alles andere als talentlos, was sie hier eindrucksvoll unter Beweis stellt. Als Komödiantin ist sie hervorragend, was sie in der Rolle der Fely ausführlich zeigen kann.

Komödiantischer Höhepunkt ist eine Sequenz, in der Fely es schafft, auf einer feinen Gesellschaft im Hause der de Rhondes so ziemlich in jedes mögliche Fettnäpfchen zu treten und dabei noch versehentlich Teile der Einrichtung zu zerstören. Leider ist der Zwillingsplot im Film eigentlich völlig überflüssig und dient vermutlich nur dazu, dass Marion Davies Gelegenheit hat, noch einen anderen Charakter darzustellen. Denn eigentlich hätte es für den Culture-Clash „reiche Bankiersfamilie vs. arme irische Familie“ ausgereicht, dass sie sich in de Rhonde Jr. verliebt. Auch entsteht dadurch die etwas anrüchige Situation, dass Dirk im Grunde scharf auf eine Frau ist, die bis auf die Haarfarbe ein Ebenbild seiner Schwester ist, was der Film aber ignoriert und nicht auslotet. Dann bedient sich der Film einer solchen Masse an Klischees und Vorurteilen gegenüber der irisch-stämmigen Bevölkerung New Yorks, dass man nur hoffen kann, dass diese seinerzeit genug Humor hatte, sich nicht dadurch herabgesetzt zu fühlen. Ansonsten setzt der Film voll auf nostalgische Gefühle der Zuschauer. Er bezieht sich ja auf reale Ereignisse, die zur Entstehungszeit nur etwas mehr als 40 Jahre zurücklagen und sicher noch vielen Kinobesuchern sehr präsent waren. Zwischen uns modernen Zuschauern und der Entstehungszeit des Films wiederum liegen nun mehr als doppelt so viele Jahre. Der Film ist gespickt mit humorvollen Anspielungen auf die Persönlichkeiten der porträtierten Periode. Der spätere US-Präsident Teddy Roosevelt taucht als kleiner Junge auf, der seinem Vater sein hervorragendes Schulzeugnis präsentiert, nur mit einer schlechten Note in Betragen. Zwei Jungs passen den Direktor des Varieté-Theaters ab, um ihm ihre Nummer zu präsentieren, aber er sagt ihnen, sie sollen wiederkommen, wenn sie erwachsen sind. Die beiden sind Weber & Fields, die einige Jahre später ein sehr erfolgreiches Comedy-Team am Broadway wurden.

Der Film enthält zwei frühe Technicolorszenen (hergestellt im „two-strip“-Verfahren), die in der restaurierten Kopie die hier gezeigt wurde, sehr gut zur Geltung kamen. Die erste Sequenz ist eine Tanznummer mit Fely im Varieté-Theater und nicht allzu spektakulär. Die zweite ist hingegen dramaturgisch sehr effektvoll eingesetzt: Nachdem in Manhattan das Gaslicht abgedreht wird, damit Edison als Experiment den Stadtteil nur mit elektrischem Licht beleuchten kann, wofür er den Strom selber mit seinem kleinen Kraftwerk produziert (wirklich so geschehen im September 1882), ist nach einem kurzem Moment verdunkelter Leinwand das plötzlich hell erleuchtete Manhattan farbig, im Mittelpunkt des Bildes eine gigantische amerikanische Flagge. Damit nicht genug, entlarvt das helle Licht die Bande der irischen Attentäter, die de Rhonde Sr. nach dem Leben trachten und alle knallrote Kapuzen tragen. Das Licht vertreibt sie. Insgesamt schlägt der Film selten leise Töne an und setzt oft auf durchaus derben Humor. Vielleicht ist mir deswegen eine winzige Szene besonders im Gedächtnis geblieben. Als der Laternenanzünder, der nicht an einen erfolgreichen Ausgang von Edisons Experiment geglaubt hat, die hell erleuchteten Straßen sieht, weiß er, dass seine Zeit vorbei ist und verkrümelt sich wortlos und mit gesenktem Kopf.

Günter Buchwald begleitete den Film hervorragend am Flügel und der Geige und ließ irische Volkslieder und patriotische amerikanische Melodien mit einfließen.

Günter A. Buchwald (Foto: Elmar Podlasly)

TRAGÖDIE IM ZIRKUS ROYAL (Deutschland 1928, Regie Alfred Lind)

Tragödie im Zirkus Royal (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Ein Artistenquartett eröffnet mit einer groß angekündigten neuen Nummer im Zirkus Royal, einem erstklassigen Varieté-Theater. Die Truppe besteht aus der schönen Ziska (Ellen Kürty), Frank (Werner Pittschau), dem Frauenhelden, in den Ziska heimlich verliebt ist, sowie Armand (Carl Auen), der wiederum unsterblich in Ziska verliebt ist und schließlich Atto (Siegfried Arno), der Älteste, der die Truppe zusammenhält. Nach der erfolgreichen Premiere gesteht Armand Ziska seine Liebe, die ihn abweist. Zu Tode betrübt begeht Armand am nächsten Abend Selbstmord, indem er sich beim Hochseilakt in die Manege fallen lässt. Eifersucht unter Artisten endet anscheinend immer mit einem Sturz von der Kuppel. Ziska ist traumatisiert und es findet sich auch kein verlässlicher Ersatz für Armand, so dass die Truppe schnell aus der A-Liga der Artisten zum abgehalfterten Jahrmarktszirkus Saltarelli wechselt. Die Direktorin (Helene von Bolváry) ist scharf auf Frank und will Ziska deswegen am liebsten aus dem Weg haben. Da taucht der unheimliche Dr. Magirus (Bernhard Goetzke, „der Tod“ aus Fritz Langs DER MÜDE TOD, 1921) auf und macht Ziska ein seltsames Geschenk. Er hat einen „radio-mechanischen Menschen“ erfunden, eine lebensgroße Puppe, die durch einen Apparat ferngesteuert in der Lage ist, komplexe Bewegungen auszuführen und ideal dazu geeignet scheint, Armand zu ersetzen. Begeistert nimmt Ziska das Geschenk an, doch Dr. Magirus hat Hintergedanken. Er ist besessen von Ziska und besteht darauf, dass nur er in der Lage ist, seine Erfindung richtig zu steuern, womit er Ziska an sich binden will…

Zirkusfilme hatten während der Stummfilmzeit und nicht erst nach dem Erfolg von VARIETÉ (1925) Konjunktur. Der aus Dänemark stammende Regisseur Alfred Lind galt als Zirkusfilm-Experte, er hatte bereits 1911 den Urvater aller Artistenfilme und einen der frühen dänischen Welterfolge DIE VIER TEUFEL gedreht (Murnaus THE FOUR DEVILS von 1928 ist ein Remake davon). Hier mischt er dem Zirkusplot hier ein paar Horror- und Sci-Fi-Elemente bei, wobei er mit diesen leider so gar nichts anzufangen weiß. Die Tradition, dass die Artisten sich am Trapez möglichst furchterregend verkleiden müssen, hatte Lind bereits in DIE VIER TEUFEL geschaffen und knüpft hier daran an. Der radio-mechanische Mensch im Totenkopf-Kostüm ist aber kein Golem, nicht mal ein Golemchen, denn ohne die Fernsteuerung ist er harmlos und er wird leider auch nicht zu mehr genutzt als zu öden Hochseilnummern. Man erwartet, dass vielleicht der Blitz in die Fernbedienung einschlagen könnte und der Roboter Amok läuft, oder dass Magirus später seine Kreation für seine Rache nutzt – aber nichts dergleichen passiert. Die Schauwerte des Films liegen woanders. Da ist die ungeheure Leinwandpräsenz Goetzkes, dessen Dr. Magirus sich aber schnell ins Lächerliche verkehrt, da man seine Besessenheit von der ziemlich unscheinbaren Ziska nicht nachvollziehen kann. Das Drehbuch mag ihr eine besondere Ausstrahlung zugeschrieben haben, der Zuschauer merkt davon nichts. Außerdem scheint die Bedienung des radio-mechanischen Menschen dann doch super einfach zu sein, da Atto sie später in wenigen Augenblicken drauf hat, was Magirus Plan noch absurder erscheinen lässt. Die einzig gute Charakterisierung des Films zeigt Sigi Arno in einer für ihn ungewöhnlichen Rolle. Er ist zwar der Clown der Truppe, wobei leider auch seine Nummer nicht sonderlich gut ist, aber außerhalb der Manege ist er die Vaterfigur für die anderen und der einzig Vernünftige. Eine leicht amüsante Einlage gibt er nur, wenn er die Tiere füttert und mit ihnen interagiert. Die Tierszenen im Film sind ziemlich gut gelungen, wenn auch fast ausschließlich reißerisch angelegt. Die Tiere sind es, die die Bösewichter während eines Sturms besiegen: Dr. Magirus wird von einer Würgeschlange und einem Tiger angegriffen, während die böse Zirkusdirektorin von einem echten Bären (der zwar nicht sehr bedrohlich wirkt, aber ausnahmsweise mal kein Typ im Bärenkostüm ist) einen Fabrikschornstein hochgejagt wird.

Von einigen überlangen Zirkusnummern abgesehen war der Film aber alles andere als langweilig und schwankte zwischen seltsamen Einfällen und schrägem Schund, was ich sehr liebenswert finde und viel Freude daran hatte. Ich kann aber voll und ganz verstehen, warum der Film damals nach nur kurzem Kinoeinsatz schnell vergessen wurde. Richard Siedhoffs improvisierte Musikbegleitung am Flügel hob besonders die spannenden Szenen sehr gut hervor. Für die Rekonstruktion des Films durch das Bundesarchiv wurden zwei verschiedene Kopien benutzt, wobei eine davon englische Zwischentitel hatte, die von Andrea Kirchhartz unter Zuhilfenahme der Zensurkarte übersetzt wurden. Die Bildqualität war nicht überragend, aber sehr gut guckbar.

Mit besonderem Dank für sachdienliche Hinweise bzgl. des Zirkusfilm-Genres an Andrea Kirchhartz.

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Samstag, 17.08.2019

von Elmar Podlasly

Am Samstag waren die Filmgötter uns nicht ganz so gewogen, denn es regnete etwas. Dementsprechend waren weit weniger Leute gekommen, als es das Programm des Abends eigentlich verdiente…

Das verbotene Paradies (Foto: Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.)

„Schnurrbartspitzen nach oben!“

DAS VERBOTENE PARADIES (Forbidden Paradise, USA 1924, R: Ernst Lubitsch)

In einem fiktiven Balkanstaat regiert Königin Katharina (Pola Negri). Sie verbringt ihre Zeit damit, in ihrem Palast haufenweise Männer zu vernaschen, während ihr Hofmarschall (Adolphe Menjou) sich um alle Abläufe diplomatisch kümmert.

Währenddessen brodelt es in ein einem anderen Teil des Landes und eine Revolution droht. Davon wird der junge Offizier Alexei Czerny (Rod La Rocque) Zeuge und macht sich auf Gedeih und Verderb auf den Weg, um seine Königin zu warnen.

Er kommt in den Palast, in dem auch seine Verlobte Anna (Pauline Starke) als Kammerzofe der Königin arbeitet, und verlangt eine Audienz. Der Hofmarschall hält ihn für verrückt und will ihn abführen lassen, doch es gelingt Alexei, bis zur Königin vorzudringen. Doch die ist weniger interessiert an dem, was er zu sagen hat, als an seinem Körper. Sie ernennt ihn zum Hauptmann ihrer Leibgarde, mit eindeutigen Hintergedanken, sehr zum Entsetzen von Anna. Der naive Idealist Alexei kann den beachtlichen Verführungskünsten der Königin nicht lange widerstehen und es kommt zum Eklat, als Anna die Königin konfrontiert. Diese lässt Anna wegen Majestätsbeleidigung einsperren, während draußen die Revolution sich immer weiter ausbreitet…

Der Film wurde erst im letzten Jahr vom New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) restauriert, davor gab es von dem Film nur Fragmente, aber keine aufführbare Fassung. Einige fehlende Teile hat man durch Szenenwiederholungen und durch digitale Rekonstruktion überbrückt, was nicht immer gut gelungen ist. Aber alle wichtigen Szenen sind vollständig und die Bildqualität ist durchweg gut. Was gibt es Schöneres, als einen verschollenen Film endlich sehen zu können, der dann alle Erwartungen erfüllt und gar übertrifft? Endlich kann man eine Lücke füllen und einen von Lubitschs besten amerikanischen Stummfilmen (wieder)sehen. Hauptdarstellerin Pola Negri gebührt ein großer Teil des Erfolgs, ihr ist einfach kein Mann gewachsen. Ernst Lubitsch, ihr Entdecker, soll es sehr gekränkt haben, dass ihr noch vor ihm der Sprung nach Hollywood gelungen ist. Leider blieb DAS VERBOTENE PARADIES die einzige amerikanische Zusammenarbeit der beiden, was angesichts dieses Films umso mehr verwundert. Ansonsten ist der Film der wahrscheinlich frivolste aller Lubitsch-Filme, wobei alles mit Andeutungen, Gesten, Blicken und Gags erzählt wird und natürlich keine nackte Haut zu sehen ist, dafür aber nach oben gezwirbelte Schnurrbart-Enden. Lubitsch schafft es, die Zuschauer erahnen und verstehen zu lassen, dass es immer nur um das Eine geht, ohne dass dieses Eine je benannt wird. Der berühmte Lubitsch-Touch eben. Mein Lieblingsgag ist ein ominöser pompöser Orden, den die Königin nur für eine ganz bestimmte Leistung zu verleihen scheint.

Wie immer bei Lubitsch spielen Türen eine große Rolle. Hier vor allem die Tür zu den Gemächern der Königin, die zwar nicht verschlossen ist, die aber trotzdem nur bestimmte Personen öffnen dürfen, und auf deren Klinke sich von außen viele erwartungsvolle Blicke richten. Nur der Hofmarschall darf durchs Schlüsselloch gucken, wovon er bereits Rückenschmerzen hat, bis die Königin ihm durch einen Vorhang den Blick versperrt. Der Großteil des Films spielt sich auf beiden Seiten dieser Tür ab, doch wenn man mal mehr vom Palast zu sehen bekommt, ist dieser geradezu lächerlich riesig und es würde ohne Schnitt ewig dauern, bis jemand seine gigantischen Hallen durchschritten hat. Der Ton des Films bleibt kontinuierlich leicht, und auch die Revolution findet ein überraschendes unblutiges Ende. Weil Lubitsch seine Figuren liebt, werden sie am Ende nicht bestraft oder geläutert. Die Königin wird nicht verheiratet und tugendhaft, sondern sie macht genau so weiter, wie es ihre Art ist. Der nächste Orden wird bereits verliehen…

Mark Pogolski, Sabrina Zimmermann (Foto: Elmar Podlasly)

Der Film wurde fantastisch begleitet von Sabrina Zimmermann an der Geige und Mark Pogolski am Flügel. Bei der Musik von Sabrina Zimmermann griff sie auf Motive ihres Vaters Aljoscha Zimmermann zurück.

Ich habe mitbekommen, dass einige Zuschauer irritiert waren, weil die deutsche Zwischentitelübersetzung, die ja hier in Bonn neben den Film projiziert wird, zum Teil deutlich von der englischen Originalversion abwich. Das kommt daher, dass die deutschen Titel hier keine Übersetzung der englischen Zwischentitel waren, sondern die originalen deutschen Zwischentitel der 20er Jahre aus der Zensurkarte.

Was ist eigentlich eine Zensurkarte?

Eine Zensurkarte, auch Zulassungskarte oder Erlaubniskarte genannt, ist ein historisches amtliches Dokument der Filmzensur. In Berlin wurde 1906 die polizeiliche Filmzensur eingeführt und jeder Film musste, um überhaupt in den Kinos vorgeführt werden zu können, bei der Polizei zur Kontrolle eingereicht werden. Die füllte die Zensurkarte aus und fügte sie jeder Filmkopie bei, als Nachweis das der Film die Zensur durchlaufen hatte. Viele dieser Karten haben die Zeit überdauert und lagern im Bundesarchiv Filmarchiv. Das Bemerkenswerte an diesen Karten und ihre Bedeutung für die Restaurierung von Filmen liegt darin, dass darauf der Text aller Zwischentitel eines Films vermerkt ist. So kann man z.B. einen Eindruck von nicht mehr existierenden Filmen gewinnen oder Unterschiede zwischen verschiedenen Fassungen erkennen. Oder, wie im Fall von DAS VERBOTENE PARADIES, die deutsche Fassung wiederherstellen, so wie sie einst in Deutschland aufgeführt wurde. Man kann eigentlich davon ausgehen, dass die meisten Zuschauer des Festivals Englisch verstehen. So eröffnet sich eine neue Rezeptionsebene, da man die beiden Fassungen miteinander vergleichen kann. Wer das ablenkend findet, kann sich nur für eine Version entscheiden. Problematisch wird es, wenn sich die Zensurkarte und die Vorführfassung stark unterscheiden. Dann muss eine Anpassung vorgenommen werden. Auch wenn Begriffe auftauchen, die einem heutigen Zuschauer nichts mehr sagen. So übersetzte man bei DAS VERBOTENE PARADIES den „Lord Chamberlain“ laut Zensurkarte damals mit einem Begriff aus dem preußischen Hofprotokoll: „Der Minister des königlichen Hauses“. Weil das aber niemandem mehr etwas sagt, entschied sich die Übersetzerin des Festivals, Andrea Kirchhartz, für den Begriff „Hofmarschall“. Ansonsten hat die alte deutsche Fassung eine sehr schöne altmodisch-blumige Sprache. Aus „Alexei had promised to meet his fiancée at eight o’clock in the Royal gardens.”

wird in der deutschen Fassung dann „Wenn der Hofdienst beendet ist und der Abend seine Schatten über die Büsche der königlichen Gärten deckt, verlangt auch die Liebe nach ihrem Recht.“

KAMPF UMS GLÜCK (FEN DOU, China 1932, Regie: Shi Dongshan)

Kampf ums Glück (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

In einem Mehrfamilienhaus wohnt unten der alte Grundschullehrer Herr Liu mit seiner Frau, darüber zwei junge Fabrikarbeiter (Zheng Junli und Yuan Congmei), die in ständigem Wettkampf miteinander stehen und obendrein beide in dasselbe Mädchen, genannt „Kleine Schwalbe“ (Yanyan Chen), verliebt sind, die mit ihrem brutalen Adoptivvater über ihnen wohnt.

Der Adoptivvater will Kleine Schwalbe für Geld an einen Mann verheiraten und schlägt sie, als sie sich verweigert. Es gelingt ihr, dem Adoptivvater zu entkommen, und Zheng und Yuan verstecken sie in ihrer Wohnung.

Wieder entbrennt ein Streit zwischen den beiden um Kleine Schwalbe. Herr Liu will schlichten, doch der Adoptivvater kommt dazwischen. Es gelingt Zheng, der „Junger Tiger“ genannt wird, mit Kleiner Schwalbe zu fliehen. Doch nicht nur der Adoptivvater, sondern auch der eifersüchtige Yuan, von Herrn Liu auf eine falsche Fährte geschickt, ist ihnen auf den Fersen. Während Herr Liu mit seiner Frau in sein Heimatdorf zurückkehrt, weil er Angst vor Yuans Rache hat, heiraten Junger Tiger und Kleine Schwalbe in einer anderen Stadt und leben glücklich zusammen, bis Yuan sie dort aufspürt. Es kommt zu einem Kampf auf Leben und Tod, der nur durch Zufall von der Polizei unterbrochen werden kann.

Die beiden kommen ins Gefängnis. Dort erfahren sie vom bevorstehenden Krieg gegen die japanischen Invasoren und Junger Tiger will sich freiwillig melden und provoziert Yuan es auch zu tun. Als Junger Tiger sich von Kleiner Schwalbe in den Fronteinsatz verabschiedet, versteht er nicht warum sie weint. Sie solle ihm doch Erfolg wünschen und fröhlich sein. Während Junger Tiger sich an der Front bewährt und Yuan geläutert den Heldentod stirbt, bleibt Kleine Schwalbe bei Herrn Liu im Dorf. Sie wartet sehnsüchtig auf seine Rückkehr und wird darüber schließlich schwer krank…

Dieser erst vor kurzem wiederentdeckte Film ist eine neue Restaurierung vom China Film Archive. Er ist deutlich besser erhalten als die meisten bisher hier in Bonn gezeigten chinesischen Stummfilme und wurde wunderbar begleitet von Stephen Horne am Flügel und Frank Bockius an den Percussioninstrumenten. Der Grund dafür, dass der Film vergessen war, liegt wahrscheinlich darin, dass es sich nicht um einen kommunistischen Film handelt, sondern einen sehr westlich orientierten. Regisseur Shi Dongshan der (laut Programmheft) im kommunistischen China politisch verfolgt wurde und sich 1955 das Leben nahm, hat sich eine Menge abgeguckt von den amerikanischen Filmen seiner Zeit, insbesondere wohl von Frank Borzages 7TH HEAVEN (USA 1927). Hinzu kommt, wenn der Held gegen Ende in den Krieg zieht, tut er das nicht unter der Flagge der Kommunisten, sondern derer der nationalchinesischen Kuomintang, wobei sich diese beiden verfeindeten Gruppen kurzzeitig vereinten, um gegen die Japaner zu kämpfen, die während des lange währenden chinesischen Bürgerkrieges (1927-1949) Teile des Landes besetzten. Davon abgesehen tut der amerikanische Einfluss dem Film sehr gut, denn zumindest in der ersten Hälfte des Films, die in dem Mietshaus spielt, besticht er durch sehr gute Kameraarbeit. Die Kamera fährt oft im Treppenhaus zwischen den Stockwerken hin und her, während die Bewohner diese hinauf oder hinab stürmen.

Eine schöne Szene ist auch, als Junger Tiger auf einem Jahrmarkt in einer Wurfbude 4 Dämonen-Figuren umwerfen will, um einen Preis für Kleine Schwalbe zu gewinnen. Es gelingt ihm, die Dämonen der Krankheit, des Krieges und des Geldes umzuwerfen, doch den Dämon der Lust will er partout nicht treffen. Eine böse Vorahnung der kommenden Szene mit Yuan.

Etwas genervt hat mich die Figur des Lehrers Liu, der einfach ständig und für jeden weise Ratschläge parat hat. Selbst als gegen Ende des Films der böse Adoptivvater wieder auftaucht und von den Männern des Dorfes verprügelt wird, rät ihm der Lehrer, erst zurückzukehren, wenn er sich geändert habe und ein besserer Mensch geworden ist, was dieser demütig annimmt und sagt, er wisse zu würdigen, was Herr Liu ihm geraten habe.

Als Kleine Schwalbe sich sorgt, ob ihr Junger Tiger wieder von der Front zurückkehren wird, erzählt er ihr, Krieg wäre gar nicht so schlimm, und dass Kugeln tapferen Soldaten ausweichen würden. Man könnte meinen, er sagt das nur, um sie zu beruhigen, aber es passt zu der völlig unkritischen Haltung des Films Krieg gegenüber. Dieser ist scheinbar nur dazu da, damit „richtige Männer“ wie Junger Tiger sich beweisen können, während die anderen an der Front sterben, so dass der Film sich letzten Endes doch als Propaganda entlarvt. Schon am Anfang des Films, wird Herr Liu eingeführt, als er zwei streitende Schüler trennt (wieder eine Vorschau auf das Verhältnis zwischen Yuan und Zheng/Junger Tiger). Junger Tiger zeigt sich dabei beeindruckt von dem einen Jungen, der den anderen verprügelt hat, weil dieser seine Familie beleidigt habe. Der Junge sei kein Feigling und kämpfe für seine Ehre. Darauf antwortet Herr Liu: „Ein Mann, der nicht kämpfen kann, findet nie einen Platz in der Welt“.

Frank Bockius (Foto: Elmar Podlasly)
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