Samstag , der 24.08.2019

von Elmar Podlasly

DIE LICHTER DES BROADWAY (LIGHTS OF OLD BROADWAY, USA 1925, Regie: Monta Bell)

Die Lichter des Broadway, Marion Davies (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Die verwaisten Zwillinge Fely und Anne werden als Babys getrennt. Beide werden in New York adoptiert. Anne kommt bei der bei der reichen Bankiersfamilie de Rhonde unter, Fely bei einer armen irischen Familie, den O’Tandys. 1882, etwa 20 Jahre später, spielt Marion Davies beide Frauen. Die burschikose Fely ist Tänzerin an einem Varieté-Theater, wo ihr Annes Adoptivbruder Dirk (Conrad Nagel) begegnet, der sich in sie verliebt. Doch der Vater von Dirk und Anne ist Bankdirektor Lambert de Rhonde (Frank Currier), der mit der Verbindung überhaupt nicht einverstanden ist. Es kommt zum Bruch zwischen Vater und Sohn und Dirk zieht zu den O’Tandys in den Slum. Dumm nur, dass Vater de Rhonde im Besitz des Landes ist, auf dem die irischen Familien leben und sie ihm schon lange ein Dorn im Auge sind. Er stellt Dirk vor die Wahl: Entweder er verlässt Fely und kehrt zu den de Rhondes zurück, oder das Gebiet wird geräumt und die Hütten abgerissen. Währenddessen bereitet Thomas Alva Edison (J. Frank Glendon), für den Dirk arbeitet, die erste elektrische Straßenbeleuchtung von Manhattan vor. Ein Experiment an das wenige zu glauben scheinen. Eine Gruppe radikaler Iren will die Dunkelheit, nachdem das Gaslicht abgedreht wird, nutzen, um de Rhonde Sr. zu ermorden…

Hauptdarstellerin Marion Davies war viele Jahre die Geliebte des Zeitungs-Tycoons William Randolph Hearst, der auch stets versucht hat, ihre Karriere zu fördern. Deswegen wird allgemein angenommen, dass sie das Vorbild war für die Figur der talentlosen Opernsängerin Susan Alexander in Orson Welles filmischer Abrechnung mit Hearst, CITIZEN KANE (1939). Welles hat dies aber mehrfach bestritten. Die Figur basiert eher auf Ganna Walska. Da LIGHTS OF OLD BROADWAY sehr erfolgreich war und Marion Davies als feste Größe auf der Leinwand etablierte, hätte sie zumindest zu der Zeit auch keine Hilfe bezüglich ihrer Karriere nötig gehabt. Außerdem ist sie alles andere als talentlos, was sie hier eindrucksvoll unter Beweis stellt. Als Komödiantin ist sie hervorragend, was sie in der Rolle der Fely ausführlich zeigen kann.

Komödiantischer Höhepunkt ist eine Sequenz, in der Fely es schafft, auf einer feinen Gesellschaft im Hause der de Rhondes so ziemlich in jedes mögliche Fettnäpfchen zu treten und dabei noch versehentlich Teile der Einrichtung zu zerstören. Leider ist der Zwillingsplot im Film eigentlich völlig überflüssig und dient vermutlich nur dazu, dass Marion Davies Gelegenheit hat, noch einen anderen Charakter darzustellen. Denn eigentlich hätte es für den Culture-Clash „reiche Bankiersfamilie vs. arme irische Familie“ ausgereicht, dass sie sich in de Rhonde Jr. verliebt. Auch entsteht dadurch die etwas anrüchige Situation, dass Dirk im Grunde scharf auf eine Frau ist, die bis auf die Haarfarbe ein Ebenbild seiner Schwester ist, was der Film aber ignoriert und nicht auslotet. Dann bedient sich der Film einer solchen Masse an Klischees und Vorurteilen gegenüber der irisch-stämmigen Bevölkerung New Yorks, dass man nur hoffen kann, dass diese seinerzeit genug Humor hatte, sich nicht dadurch herabgesetzt zu fühlen. Ansonsten setzt der Film voll auf nostalgische Gefühle der Zuschauer. Er bezieht sich ja auf reale Ereignisse, die zur Entstehungszeit nur etwas mehr als 40 Jahre zurücklagen und sicher noch vielen Kinobesuchern sehr präsent waren. Zwischen uns modernen Zuschauern und der Entstehungszeit des Films wiederum liegen nun mehr als doppelt so viele Jahre. Der Film ist gespickt mit humorvollen Anspielungen auf die Persönlichkeiten der porträtierten Periode. Der spätere US-Präsident Teddy Roosevelt taucht als kleiner Junge auf, der seinem Vater sein hervorragendes Schulzeugnis präsentiert, nur mit einer schlechten Note in Betragen. Zwei Jungs passen den Direktor des Varieté-Theaters ab, um ihm ihre Nummer zu präsentieren, aber er sagt ihnen, sie sollen wiederkommen, wenn sie erwachsen sind. Die beiden sind Weber & Fields, die einige Jahre später ein sehr erfolgreiches Comedy-Team am Broadway wurden.

Der Film enthält zwei frühe Technicolorszenen (hergestellt im „two-strip“-Verfahren), die in der restaurierten Kopie die hier gezeigt wurde, sehr gut zur Geltung kamen. Die erste Sequenz ist eine Tanznummer mit Fely im Varieté-Theater und nicht allzu spektakulär. Die zweite ist hingegen dramaturgisch sehr effektvoll eingesetzt: Nachdem in Manhattan das Gaslicht abgedreht wird, damit Edison als Experiment den Stadtteil nur mit elektrischem Licht beleuchten kann, wofür er den Strom selber mit seinem kleinen Kraftwerk produziert (wirklich so geschehen im September 1882), ist nach einem kurzem Moment verdunkelter Leinwand das plötzlich hell erleuchtete Manhattan farbig, im Mittelpunkt des Bildes eine gigantische amerikanische Flagge. Damit nicht genug, entlarvt das helle Licht die Bande der irischen Attentäter, die de Rhonde Sr. nach dem Leben trachten und alle knallrote Kapuzen tragen. Das Licht vertreibt sie. Insgesamt schlägt der Film selten leise Töne an und setzt oft auf durchaus derben Humor. Vielleicht ist mir deswegen eine winzige Szene besonders im Gedächtnis geblieben. Als der Laternenanzünder, der nicht an einen erfolgreichen Ausgang von Edisons Experiment geglaubt hat, die hell erleuchteten Straßen sieht, weiß er, dass seine Zeit vorbei ist und verkrümelt sich wortlos und mit gesenktem Kopf.

Günter Buchwald begleitete den Film hervorragend am Flügel und der Geige und ließ irische Volkslieder und patriotische amerikanische Melodien mit einfließen.

Günter A. Buchwald (Foto: Elmar Podlasly)

TRAGÖDIE IM ZIRKUS ROYAL (Deutschland 1928, Regie Alfred Lind)

Tragödie im Zirkus Royal (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Ein Artistenquartett eröffnet mit einer groß angekündigten neuen Nummer im Zirkus Royal, einem erstklassigen Varieté-Theater. Die Truppe besteht aus der schönen Ziska (Ellen Kürty), Frank (Werner Pittschau), dem Frauenhelden, in den Ziska heimlich verliebt ist, sowie Armand (Carl Auen), der wiederum unsterblich in Ziska verliebt ist und schließlich Atto (Siegfried Arno), der Älteste, der die Truppe zusammenhält. Nach der erfolgreichen Premiere gesteht Armand Ziska seine Liebe, die ihn abweist. Zu Tode betrübt begeht Armand am nächsten Abend Selbstmord, indem er sich beim Hochseilakt in die Manege fallen lässt. Eifersucht unter Artisten endet anscheinend immer mit einem Sturz von der Kuppel. Ziska ist traumatisiert und es findet sich auch kein verlässlicher Ersatz für Armand, so dass die Truppe schnell aus der A-Liga der Artisten zum abgehalfterten Jahrmarktszirkus Saltarelli wechselt. Die Direktorin (Helene von Bolváry) ist scharf auf Frank und will Ziska deswegen am liebsten aus dem Weg haben. Da taucht der unheimliche Dr. Magirus (Bernhard Goetzke, „der Tod“ aus Fritz Langs DER MÜDE TOD, 1921) auf und macht Ziska ein seltsames Geschenk. Er hat einen „radio-mechanischen Menschen“ erfunden, eine lebensgroße Puppe, die durch einen Apparat ferngesteuert in der Lage ist, komplexe Bewegungen auszuführen und ideal dazu geeignet scheint, Armand zu ersetzen. Begeistert nimmt Ziska das Geschenk an, doch Dr. Magirus hat Hintergedanken. Er ist besessen von Ziska und besteht darauf, dass nur er in der Lage ist, seine Erfindung richtig zu steuern, womit er Ziska an sich binden will…

Zirkusfilme hatten während der Stummfilmzeit und nicht erst nach dem Erfolg von VARIETÉ (1925) Konjunktur. Der aus Dänemark stammende Regisseur Alfred Lind galt als Zirkusfilm-Experte, er hatte bereits 1911 den Urvater aller Artistenfilme und einen der frühen dänischen Welterfolge DIE VIER TEUFEL gedreht (Murnaus THE FOUR DEVILS von 1928 ist ein Remake davon). Hier mischt er dem Zirkusplot hier ein paar Horror- und Sci-Fi-Elemente bei, wobei er mit diesen leider so gar nichts anzufangen weiß. Die Tradition, dass die Artisten sich am Trapez möglichst furchterregend verkleiden müssen, hatte Lind bereits in DIE VIER TEUFEL geschaffen und knüpft hier daran an. Der radio-mechanische Mensch im Totenkopf-Kostüm ist aber kein Golem, nicht mal ein Golemchen, denn ohne die Fernsteuerung ist er harmlos und er wird leider auch nicht zu mehr genutzt als zu öden Hochseilnummern. Man erwartet, dass vielleicht der Blitz in die Fernbedienung einschlagen könnte und der Roboter Amok läuft, oder dass Magirus später seine Kreation für seine Rache nutzt – aber nichts dergleichen passiert. Die Schauwerte des Films liegen woanders. Da ist die ungeheure Leinwandpräsenz Goetzkes, dessen Dr. Magirus sich aber schnell ins Lächerliche verkehrt, da man seine Besessenheit von der ziemlich unscheinbaren Ziska nicht nachvollziehen kann. Das Drehbuch mag ihr eine besondere Ausstrahlung zugeschrieben haben, der Zuschauer merkt davon nichts. Außerdem scheint die Bedienung des radio-mechanischen Menschen dann doch super einfach zu sein, da Atto sie später in wenigen Augenblicken drauf hat, was Magirus Plan noch absurder erscheinen lässt. Die einzig gute Charakterisierung des Films zeigt Sigi Arno in einer für ihn ungewöhnlichen Rolle. Er ist zwar der Clown der Truppe, wobei leider auch seine Nummer nicht sonderlich gut ist, aber außerhalb der Manege ist er die Vaterfigur für die anderen und der einzig Vernünftige. Eine leicht amüsante Einlage gibt er nur, wenn er die Tiere füttert und mit ihnen interagiert. Die Tierszenen im Film sind ziemlich gut gelungen, wenn auch fast ausschließlich reißerisch angelegt. Die Tiere sind es, die die Bösewichter während eines Sturms besiegen: Dr. Magirus wird von einer Würgeschlange und einem Tiger angegriffen, während die böse Zirkusdirektorin von einem echten Bären (der zwar nicht sehr bedrohlich wirkt, aber ausnahmsweise mal kein Typ im Bärenkostüm ist) einen Fabrikschornstein hochgejagt wird.

Von einigen überlangen Zirkusnummern abgesehen war der Film aber alles andere als langweilig und schwankte zwischen seltsamen Einfällen und schrägem Schund, was ich sehr liebenswert finde und viel Freude daran hatte. Ich kann aber voll und ganz verstehen, warum der Film damals nach nur kurzem Kinoeinsatz schnell vergessen wurde. Richard Siedhoffs improvisierte Musikbegleitung am Flügel hob besonders die spannenden Szenen sehr gut hervor. Für die Rekonstruktion des Films durch das Bundesarchiv wurden zwei verschiedene Kopien benutzt, wobei eine davon englische Zwischentitel hatte, die von Andrea Kirchhartz unter Zuhilfenahme der Zensurkarte übersetzt wurden. Die Bildqualität war nicht überragend, aber sehr gut guckbar.

Mit besonderem Dank für sachdienliche Hinweise bzgl. des Zirkusfilm-Genres an Andrea Kirchhartz.

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