Freitag, der 23.08.2019

von Elmar Podlasly

DIE ROTE HERBERGE (L´AUGERGE ROUGE, Frankreich 1923, Regie: Jean Epstein)

Marcelle Schmit & Jacques Christiany in DIE ROTE HERBERGE (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Nach einer Erzählung von Honoré de Balzac.

Auf der Dinnerparty einer feinen Gesellschaft 1825 in Paris, bittet der Gastgeber den vielgereisten Geschäftsmann Herman (Robert Tourneur), die anderen Gäste, unter ihnen die frisch Verlobten André (Jacques Christiany) und Victorine (Marcelle Schmit), mit einer Schauergeschichte zu unterhalten. Er erzählt die wahre Geschichte des jungen Arztes Prosper Magnan (Léon Mathot), der im Jahre 1799 zusammen mit einem Freund, dessen Name dem Erzähler zunächst nicht einfällt, in einer sturmgepeitschten Nacht in einer bereits überfüllten, abgelegenen Herberge im Elsass Unterkunft sucht. Dort tritt eine unheimliche alte Frau an ihren Tisch und weissagt Prosper die Zukunft aus drei Karten, die er zieht: Gold, Verbrechen und Tod. Die schaurige Atmosphäre hindert den gut gelaunten Prosper aber nicht daran, mit der Tochter des Wirts (Gina Manès) anzubändeln, die seine Gefühle zu erwidern scheint. Wenig später trifft noch ein Reisender ein, ein holländischer Diamantenhändler (Thomy Bourdelle), der ihnen nicht nur verrät, dass er einen außergewöhnlich großen und wertvollen Diamanten mit sich führt, sondern ihnen, als Dank dafür, dass sie ihm ihr Bett abtreten, jeweils einen kleinen Diamanten schenkt. Die beiden Freunde wollen sich im selben Zimmer eine Matratze auf dem Boden teilen.

In der Nacht kann Prosper jedoch nicht schlafen, so stark ist die Versuchung, den Diamantenhändler zu ermorden, die Diamanten zu stehlen und im Schutz der Nacht unerkannt zu fliehen. Er holt sein Skalpell aus seiner Chirurgentasche und besinnt sich erst im allerletzten Moment eines Besseren. Entsetzt über sich selbst, stürmt er, dem Wahnsinn nahe, in den Regen hinaus und schreit den Namen seiner Mutter. Irgendwann zur Ruhe gekommen legt er sich völlig erschöpft endlich schlafen. Als er am nächsten Morgen erwacht, liegt der Diamantenhändler mit durchschnittener Kehle im Bett, der Freund ist mit den Diamanten durchgebrannt. Der Name des Freundes war Frédéric, wie Herman jetzt wieder einfällt.

Prosper wird verhaftet, angeklagt und des Mordes für schuldig befunden. Die Tochter des Wirts, die als einzige an seine Unschuld glaubt, und der Prosper einen Brief an seine Mutter aushändigen ließ, will ihn noch einmal sehen, aber sie kommt zu spät: Prosper ist bereits hingerichtet worden. Während Hermans Erzählung wird einer der Zuhörer am Tisch immer nervöser. Es wird für den Gast André immer deutlicher, dass dieser Zuhörer, Frédéric Taillefer (Jean-David Évremond), der verschwundene Freund und Mörder aus der Erzählung ist. Das bringt ihn in ein schweres Dilemma, denn seine Verlobte Victorine ist Taillefers Nichte und man kann doch nicht in die Familie (und das Geld) eines Mörders einheiraten…

Jean Epstein, der auch das Drehbuch schrieb, verlegte den Ort der Handlung von Andernach bei Koblenz ins Elsass und strich auch sonst viele Bezüge zu deutsch-französischen Befindlichkeiten, die bei Balzac in die Geschichte verwoben sind. So wird aus dem Nürnberger Kaufmann Hermann, schlicht der „große Kaufmann“ Herman und auch das Mordopfer wird vom Deutschen zum Niederländer. Dafür verstärkte er den Schauerfaktor der Geschichte, indem er sie in einer Sturmnacht spielen lässt und die gruselige Alte hinzufügt. Der Mord wiederum ist bei Balzac um einiges drastischer, da hier dem Diamantenhändler der Kopf gleich vollständig abgetrennt wird. Aber Balzac geht es nicht um die Schauergeschichte, sondern er will auf das moralische Dilemma von André hinaus, dem Ich-Erzähler der Geschichte. André stellt allerlei eigene Überlegungen und Untersuchungen an und lässt schließlich auf einer eigens dafür einberufenen Gesellschaft von moralisch integren Freunden und Bekannten darüber abstimmen, ob er Victorine (hier übrigens sogar Taillefers Tochter) heiraten darf oder nicht.

Im Film reicht es Epstein, dass der anscheinend enttarnte Taillefer gleich darauf tot zusammenbricht. Wie es mit André und Victorine weitergeht, erfahren wir nicht. Epstein scheint es (wie immer?) vor allem darum zu gehen, neue filmische Erzählweisen zu erfinden. Der Film macht es einem aber zunächst nicht leicht. Der Beginn, der eher konventionell erzählt ist, zieht sich wie ein zäher Kaugummi und hat Anschlussfehler und Achsensprünge. Spannend wird es erst, als die gruselige Alte auftaucht und Epstein anfängt, mit Mehrfachbelichtungen, blitzschnellen assoziativen Schnitten, extremen Großaufnahmen und Unschärfen zu experimentieren. Die Fratze der Alten wird in der Unschärfe zum Totenkopf. Wirklich packend wird der Film dann mit der zentralen Szene, in der Prosper sich bewusst wird, dass er beinahe einen Mord begangen hätte, und an dem Blick in den eigenen Abgrund verzweifelt. Hier zeigte sich auch die Musikbegleitung von Richard Siedhoff (Flügel) und Mykyta Sierov (Oboe) besonders effektiv, die dissonante Töne einbauten und das Verstörende des Geschehens unterstrichen. Die tragische Figur der Tochter des Wirts ist auch eine Erfindung Epsteins, bei Balzac ist es Herman(n) selbst, der sich mit Prosper im Gefängnis anfreundet und von ihm seine Geschichte erzählt bekommt und schließlich sogar auf dessen ausdrücklichen Wunsch der Hinrichtung beiwohnt und ihm dabei in die Augen sieht. Das wäre sicher auch eine filmisch interessante Szene gewesen.

Für mich war der Film der am schwersten zu guckende des Festivals, aber am Ende hat es sich sehr gelohnt, und je mehr ich über ihn nachdenke, desto besser gefällt er mir.

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