Da war doch noch was…

Von Elmar Podlasly

Willi´s Zukunftstraum (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

WILLI‘S ZUKUNFTSTRAUM (Deutschland 1929) war ein süßer 5-minütiger Animationsfilm, der als Vorfilm zu PETER PAN, DER TRAUMELF gezeigt wurde. Die Hauptfigur „Willi Schmierfink“ war Held einer ganzen Reihe von Filmen des russisch-stämmigen Animators Paul Peroff. Den Film kann man hier nachgucken, leider ohne die Harfenbegleitung von Elizabeth-Jane Baldry:

Kavaliere für 24 Stunden (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Laurel und Hardys erster gemeinsamer Auftritt als Duo im Kurzfilm KAVALIERE FÜR 24 STUNDEN (THE SECOND 100 YEARS, USA 1927, Regie: Fred L. Guiol) wurde in einer neu restaurierten Fassung gezeigt – jetzt in besserer, aber immer noch nicht überragender Bildqualität. Das tat dem Spaß jedoch keinen Abbruch. Stan Laurels Persona ist hier vielleicht noch etwas weniger kindlich als später, aber davon abgesehen sind alle Elemente der beiden Charaktere vorhanden und ihr Timing ist auch hier schon exzellent. Richard Siedhoff spielte dazu klassisch und temporeich. Der Film wurde als Vorfilm zu DAS LIED VOM ALTEN MARKT gezeigt, in der Hoffnung, mehr Zuschauer in den eher schwierigen russischen Film zu locken. Für Laurel und Hardy musste der Hof dann auch das einzige Mal dieses Jahr wegen Überfüllung geschlossen werden, aber es sind doch eine Menge Leute in der Pause gegangen und haben sich so selbst um die Erfahrung eines ganz besonderen Films gebracht.

Das Bleichgesicht (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Auch Buster Keaton durfte nicht fehlen, als Vorfilm zu DER BETTELPOET lief der 20-minütige DAS BLEICHGESICHT (THE PALEFACE) von 1922. Alles in allem ein schwächerer Keaton, aber trotzdem voller grandioser Gags und großartiger Stunts. Die Zeichnung der Indianer ist erst rassistisch, dann stellt sich der Film konsequent auf ihre Seite, wird dann aber wieder etwas rassistisch – aber da die Indianer eh wenig Ähnlichkeit mit irgendeinem realen Stamm haben, kann man es Buster nicht übelnehmen. Im Gegenteil: Für seine Zeit ist die Darstellung sogar geradezu progressiv. Ein Set mit einer gigantischen Schlucht erinnert stark an die viele Jahre später entstandenen Warner-Brothers-Cartoons mit Road Runner und Wile E. Coyote. Bei dem deutschen Titel hat man hier in Bonn geschummelt. Normalerweise entscheidet man sich immer für den deutschen Erstaufführungstitel, aber der wäre hier DAS BLASSGESICHT gewesen…

Richard Siedhoff (Flügel) und Mykyta Siereov (Oboe) begleiteten den Film hervorragend.

Anders als die anderen (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Der nur als Fragment erhaltene Aufklärungsfilm ANDERS ALS DIE ANDEREN (Regie: Richard Oswald, laut Vorspann der „Reinhardt des Films“) ist durch neu entdecktes Material immerhin anderthalb Minuten länger geworden, weswegen er in Bonn bereits zum zweiten Mal gezeigt wurde (das erste Mal war allerdings nur im Rahmenprogramm und nicht auf dem Hof). Das neue Material bestand, wenn ich es richtig erinnere, u.a. aus mehr Szenen mit Dr. Magnus Hirschfeld. Der Film bleibt sehr lückenhaft, aber wenigstens sind die meisten Szenen mit Conrad Veidt erhalten, so dass man in den Genuss einer weiteren sehr guten Performance des Ausnahmeschauspielers kam. Günter Buchwald spielte rührend dazu am Flügel und mit der Geige. Auch war die Einführung von Stefan Drößler diesmal etwas länger als üblich. Er erinnerte u.a. daran, dass der im Film angeklagte Paragraph 175 des deutschen Strafgesetzbuches, welcher sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte, erst 1994 (!!!) ersatzlos gestrichen wurde. In einer Zeit in der ein Mahnmal für die homosexuellen Opfer der Nazis immer wieder beschädigt und geschändet wird, kann man sich gar nicht oft genug daran erinnern. Der Film lief am Freitagabend im Doppelprogramm mit DIE ROTE HERBERGE.

(Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Passend zu DIE LICHTER DES BROADWAY wiederum gab es am Sonntag, den 25.08.2019, im Kulturzentrum Brotfabrik einen Vortrag von Ulrich Rüdel über die Anfänge von Technicolor. Der Vortrag ging sehr in technische Details, aber verzauberte auch mit einer Fülle von Ausschnitten, wobei mich besonders die Farbsequenzen aus DAS PHANTOM DER OPER (1925) beeindruckt haben.

Walter und Ise Gropius im Wohnzimmer im Haus Gropiusâ¨Foto: Lucia Moholy, Bauhaus-Archiv Berlin / (c) VG BILD-KUNST Bonn 2014

Einen weiteren Vortrag gab es gleich im Anschluss, wo Martina Müller sehr kritisch über das Thema DAS BAUHAUS IM FILM referierte. Im Anschluss wurden 3 Filme gezeigt. Nur unvollständig erhalten sind zwei (sehr) lange Werbefilme WIE WOHNEN WIR GESUND UND WIRTSCHAFTLICH? und DAS BAUHAUS UND SEINE BAUWEISE (beide 1927), in denen sich das Bauhaus mit wenig cineastischem Gespür selbst abfeiert und dabei manchmal in plumpe Propaganda abdriftet. László Moholy-Nagy, der am Bauhaus unterrichtete, wollte dort gerne eine Filmabteilung einrichten, was er aber nie durchsetzen konnte – was schade ist. Sein als letzter Film des Programms gezeigter BERLINER STILLEBEN (1926) ist ein wunderbares dokumentarisches Zeitdokument, das denselben unmittelbaren semi-amateurhaften Blick hat, wie sein Film GROSS­STADTZIGEUNER (1932), den es vor zwei Jahren auf den Stummfilmtagen zu sehen gab.

Am Mittwochnachmittag gab es eine von StattReisen Bonn veranstaltete Führung durch die Bonner Innenstadt, bei der Festivalleiter Stefan Drößler an viele ehemalige Kinos erinnerte. Er hatte viel Bildmaterial mitgebracht und garnierte seine Ausführungen mit persönlichen Erinnerungen und kritischen Anmerkungen zur Stadtpolitik. Eine ziemlich große Gruppe folgte ihm dabei und schwelgte gemeinsam in Kinoerinnerungen, oft begleitet von den irritierten Blicken von Passanten, für die nicht immer ersichtlich war, warum eine bestimmte Wand so viel Aufmerksamkeit auf sich zog.

Fotos: Elmar Podlasly

Und mir fällt gerade auf, dass ich überhaupt nicht mehr über das Wetter geschrieben habe, was einfach daran liegt, dass es ab dem 3. Tag durchgehend perfekt war.

Bleibt nur noch, mich ganz herzlich zu bedanken bei Andrea Kirchhartz für das Korrekturlesen, die Diskussionen, die Unterbringung und die Unterstützung. Weiterer Dank gilt Stefan Drößler für das tolle Programm und für die Gelegenheit, darüber schreiben zu dürfen. Vielen Dank auch an Sigrid Limprecht, Kristina Wydra und Franziska Kremser-Klinkertz für die Unterstützung.

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Sonntag, der 25.08.2019

von Elmar Podlasly

MAJESTÄT SCHNEIDET BUBIKÖPFE! (HANS KUNGLIG HÖGHET SHINGLAR, Schweden/Deutschland 1928, Regie: Ragnar Hytén-Cavallius)

Majestät schneidet Bubiköpfe (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Der alte Friseurmeister André Grégory (Hans Junkermann) erhält Besuch von seinem Enkel Nickolo (Enrique Rivero), der auf Urlaub von seinem Studium ist. Nickolo fängt sofort an, im Friseurladen auszuhelfen, was sein Großvater mit gemischten Gefühlen sieht. Denn Nickolo kennt nicht das Geheimnis des alten Friseurs, der gar nicht wirklich sein Großvater ist, sondern einst der Hoffriseur des Königs von Schnorrkadien war. Als dort die Revolution ausbrach, vertraute man ihm den Thronfolger Nickolo noch als Baby an, damit er ihn erziehen und im Exil in Schweden auf seine Rückkehr vorbereiten sollte. Die beiden Organisatoren dieser Rettungsaktion legen mit einem Schiff im Hafen an und es scheint, die Zeit der Rückkehr stünde kurz bevor. Währenddessen hat sich Nickolo, der als Friseur sehr beliebt bei den jungen Damen ist, weil er auch den modernen Bubikopf schneiden kann, in die hübsche Astrid Svensson (Brita Apelgreen) verliebt. Die ist wiederum die Enkelin von Sophie Svensson (Karin Swanström), die ein gigantisches Vermögen mit einem Haarwuchsmittel gemacht hat, „das jede Glatze in Hochwald verwandelt“ (Zwischentitel). Sie will Astrid unbedingt in eine adelige Familie verheiraten, Graf Falkenstjerna (Julius Falkenstein) scheint ihr da genau der Richtige zu sein. Als die Herren aus Schnorrkadien André informieren, dass für die Rückkehr zur Monarchie eine größere Menge Bargeld nötig ist, kommt diesem eine Idee: Er zieht Sophie Svensson ins Vertrauen und organisiert so die Verlobung des Kronprinzen mit der reichsten Erbin von Schweden. Was kann da noch schiefgehen?

Der Film ist eine Wiederentdeckung des schwedischen Filminstituts. Leider waren die ersten Minuten irreparabel beschädigt, weswegen man sich hier mit Standfotos beholfen hat. Das war aber für das Verständnis des gesamten Films kein Problem. Der Autor der originalen deutschen Zwischentitel gibt ordentlich Gas und motzt die Titel mit allerlei Wortwitz und Kalauern auf (wir haben es überprüft: Rainer Brandt war noch nicht geboren). Die Titel sind auf der Zensurkarte dokumentiert und dankenswerterweise entschieden sich die Übersetzerin Andrea Kirchhartz und der Kurator Stefan Drößler dafür, den Text der alten deutschen Zwischentitel weitgehend zu übernehmen und es nicht bei einer direkten Übersetzung der etwas nüchterneren schwedischen Titel zu belassen. Die alten deutschen Titel machen aus dem Grafen Edelstjerna einen Graf Falkenstjerna, was eine Anspielung auf den Darsteller des Grafen, Julius Falkenstein ist. Der Graf ist es auch, der in der deutschen Fassung auf seinen Stammbaum hinweist: „Fräulein Svensson – meine Ahnen gehen bis zu Theophil dem Verdatterten zurück!“ Aus dem Königreich „Tiranien“ wird das Paradies der Schnorrer: „Schnorrkadien“.

Auf der Zensurkarte finden sich auch zwei Zensurvermerke, eine Szene und ein Zwischentitel mussten entfernt werden, damit der Film 1928 in deutschen Kinos gezeigt werden durfte. Eine Szene, die während der Rückblende zur Revolution in Schnorrkadien Tote zeigt, wurde beanstandet. Der zensierte Zwischentitel war: „Was haben Sie aus dem Mädel gemacht, Sie … Haar-Mann!“ Diese böse Anspielung auf den 1925 hingerichteten Serienmörder Fritz Haarmann ging dem Zensor zu weit. Es wurde daraus: „Was haben Sie aus dem Mädel gemacht, Sie … Zopfabschneider!“

Insgesamt war mir der Film ein bisschen zu nett und harmlos, wobei die ideenreiche deutsche Übersetzung viel Spaß brachte, und die durchaus überraschende letzte Wendung der Geschichte, die ich nicht verraten möchte, einiges wieder wettmachte. Auch die Charakterdarsteller machen ihre Sache allesamt gut.

Alles in allem durchaus ein würdiger Abschlussfilm, der beim Publikum gut ankam, ebenso wie die wunderbare musikalische Begleitung von Günter A. Buchwald.

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Samstag , der 24.08.2019

von Elmar Podlasly

DIE LICHTER DES BROADWAY (LIGHTS OF OLD BROADWAY, USA 1925, Regie: Monta Bell)

Die Lichter des Broadway, Marion Davies (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Die verwaisten Zwillinge Fely und Anne werden als Babys getrennt. Beide werden in New York adoptiert. Anne kommt bei der bei der reichen Bankiersfamilie de Rhonde unter, Fely bei einer armen irischen Familie, den O’Tandys. 1882, etwa 20 Jahre später, spielt Marion Davies beide Frauen. Die burschikose Fely ist Tänzerin an einem Varieté-Theater, wo ihr Annes Adoptivbruder Dirk (Conrad Nagel) begegnet, der sich in sie verliebt. Doch der Vater von Dirk und Anne ist Bankdirektor Lambert de Rhonde (Frank Currier), der mit der Verbindung überhaupt nicht einverstanden ist. Es kommt zum Bruch zwischen Vater und Sohn und Dirk zieht zu den O’Tandys in den Slum. Dumm nur, dass Vater de Rhonde im Besitz des Landes ist, auf dem die irischen Familien leben und sie ihm schon lange ein Dorn im Auge sind. Er stellt Dirk vor die Wahl: Entweder er verlässt Fely und kehrt zu den de Rhondes zurück, oder das Gebiet wird geräumt und die Hütten abgerissen. Währenddessen bereitet Thomas Alva Edison (J. Frank Glendon), für den Dirk arbeitet, die erste elektrische Straßenbeleuchtung von Manhattan vor. Ein Experiment an das wenige zu glauben scheinen. Eine Gruppe radikaler Iren will die Dunkelheit, nachdem das Gaslicht abgedreht wird, nutzen, um de Rhonde Sr. zu ermorden…

Hauptdarstellerin Marion Davies war viele Jahre die Geliebte des Zeitungs-Tycoons William Randolph Hearst, der auch stets versucht hat, ihre Karriere zu fördern. Deswegen wird allgemein angenommen, dass sie das Vorbild war für die Figur der talentlosen Opernsängerin Susan Alexander in Orson Welles filmischer Abrechnung mit Hearst, CITIZEN KANE (1939). Welles hat dies aber mehrfach bestritten. Die Figur basiert eher auf Ganna Walska. Da LIGHTS OF OLD BROADWAY sehr erfolgreich war und Marion Davies als feste Größe auf der Leinwand etablierte, hätte sie zumindest zu der Zeit auch keine Hilfe bezüglich ihrer Karriere nötig gehabt. Außerdem ist sie alles andere als talentlos, was sie hier eindrucksvoll unter Beweis stellt. Als Komödiantin ist sie hervorragend, was sie in der Rolle der Fely ausführlich zeigen kann.

Komödiantischer Höhepunkt ist eine Sequenz, in der Fely es schafft, auf einer feinen Gesellschaft im Hause der de Rhondes so ziemlich in jedes mögliche Fettnäpfchen zu treten und dabei noch versehentlich Teile der Einrichtung zu zerstören. Leider ist der Zwillingsplot im Film eigentlich völlig überflüssig und dient vermutlich nur dazu, dass Marion Davies Gelegenheit hat, noch einen anderen Charakter darzustellen. Denn eigentlich hätte es für den Culture-Clash „reiche Bankiersfamilie vs. arme irische Familie“ ausgereicht, dass sie sich in de Rhonde Jr. verliebt. Auch entsteht dadurch die etwas anrüchige Situation, dass Dirk im Grunde scharf auf eine Frau ist, die bis auf die Haarfarbe ein Ebenbild seiner Schwester ist, was der Film aber ignoriert und nicht auslotet. Dann bedient sich der Film einer solchen Masse an Klischees und Vorurteilen gegenüber der irisch-stämmigen Bevölkerung New Yorks, dass man nur hoffen kann, dass diese seinerzeit genug Humor hatte, sich nicht dadurch herabgesetzt zu fühlen. Ansonsten setzt der Film voll auf nostalgische Gefühle der Zuschauer. Er bezieht sich ja auf reale Ereignisse, die zur Entstehungszeit nur etwas mehr als 40 Jahre zurücklagen und sicher noch vielen Kinobesuchern sehr präsent waren. Zwischen uns modernen Zuschauern und der Entstehungszeit des Films wiederum liegen nun mehr als doppelt so viele Jahre. Der Film ist gespickt mit humorvollen Anspielungen auf die Persönlichkeiten der porträtierten Periode. Der spätere US-Präsident Teddy Roosevelt taucht als kleiner Junge auf, der seinem Vater sein hervorragendes Schulzeugnis präsentiert, nur mit einer schlechten Note in Betragen. Zwei Jungs passen den Direktor des Varieté-Theaters ab, um ihm ihre Nummer zu präsentieren, aber er sagt ihnen, sie sollen wiederkommen, wenn sie erwachsen sind. Die beiden sind Weber & Fields, die einige Jahre später ein sehr erfolgreiches Comedy-Team am Broadway wurden.

Der Film enthält zwei frühe Technicolorszenen (hergestellt im „two-strip“-Verfahren), die in der restaurierten Kopie die hier gezeigt wurde, sehr gut zur Geltung kamen. Die erste Sequenz ist eine Tanznummer mit Fely im Varieté-Theater und nicht allzu spektakulär. Die zweite ist hingegen dramaturgisch sehr effektvoll eingesetzt: Nachdem in Manhattan das Gaslicht abgedreht wird, damit Edison als Experiment den Stadtteil nur mit elektrischem Licht beleuchten kann, wofür er den Strom selber mit seinem kleinen Kraftwerk produziert (wirklich so geschehen im September 1882), ist nach einem kurzem Moment verdunkelter Leinwand das plötzlich hell erleuchtete Manhattan farbig, im Mittelpunkt des Bildes eine gigantische amerikanische Flagge. Damit nicht genug, entlarvt das helle Licht die Bande der irischen Attentäter, die de Rhonde Sr. nach dem Leben trachten und alle knallrote Kapuzen tragen. Das Licht vertreibt sie. Insgesamt schlägt der Film selten leise Töne an und setzt oft auf durchaus derben Humor. Vielleicht ist mir deswegen eine winzige Szene besonders im Gedächtnis geblieben. Als der Laternenanzünder, der nicht an einen erfolgreichen Ausgang von Edisons Experiment geglaubt hat, die hell erleuchteten Straßen sieht, weiß er, dass seine Zeit vorbei ist und verkrümelt sich wortlos und mit gesenktem Kopf.

Günter Buchwald begleitete den Film hervorragend am Flügel und der Geige und ließ irische Volkslieder und patriotische amerikanische Melodien mit einfließen.

Günter A. Buchwald (Foto: Elmar Podlasly)

TRAGÖDIE IM ZIRKUS ROYAL (Deutschland 1928, Regie Alfred Lind)

Tragödie im Zirkus Royal (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Ein Artistenquartett eröffnet mit einer groß angekündigten neuen Nummer im Zirkus Royal, einem erstklassigen Varieté-Theater. Die Truppe besteht aus der schönen Ziska (Ellen Kürty), Frank (Werner Pittschau), dem Frauenhelden, in den Ziska heimlich verliebt ist, sowie Armand (Carl Auen), der wiederum unsterblich in Ziska verliebt ist und schließlich Atto (Siegfried Arno), der Älteste, der die Truppe zusammenhält. Nach der erfolgreichen Premiere gesteht Armand Ziska seine Liebe, die ihn abweist. Zu Tode betrübt begeht Armand am nächsten Abend Selbstmord, indem er sich beim Hochseilakt in die Manege fallen lässt. Eifersucht unter Artisten endet anscheinend immer mit einem Sturz von der Kuppel. Ziska ist traumatisiert und es findet sich auch kein verlässlicher Ersatz für Armand, so dass die Truppe schnell aus der A-Liga der Artisten zum abgehalfterten Jahrmarktszirkus Saltarelli wechselt. Die Direktorin (Helene von Bolváry) ist scharf auf Frank und will Ziska deswegen am liebsten aus dem Weg haben. Da taucht der unheimliche Dr. Magirus (Bernhard Goetzke, „der Tod“ aus Fritz Langs DER MÜDE TOD, 1921) auf und macht Ziska ein seltsames Geschenk. Er hat einen „radio-mechanischen Menschen“ erfunden, eine lebensgroße Puppe, die durch einen Apparat ferngesteuert in der Lage ist, komplexe Bewegungen auszuführen und ideal dazu geeignet scheint, Armand zu ersetzen. Begeistert nimmt Ziska das Geschenk an, doch Dr. Magirus hat Hintergedanken. Er ist besessen von Ziska und besteht darauf, dass nur er in der Lage ist, seine Erfindung richtig zu steuern, womit er Ziska an sich binden will…

Zirkusfilme hatten während der Stummfilmzeit und nicht erst nach dem Erfolg von VARIETÉ (1925) Konjunktur. Der aus Dänemark stammende Regisseur Alfred Lind galt als Zirkusfilm-Experte, er hatte bereits 1911 den Urvater aller Artistenfilme und einen der frühen dänischen Welterfolge DIE VIER TEUFEL gedreht (Murnaus THE FOUR DEVILS von 1928 ist ein Remake davon). Hier mischt er dem Zirkusplot hier ein paar Horror- und Sci-Fi-Elemente bei, wobei er mit diesen leider so gar nichts anzufangen weiß. Die Tradition, dass die Artisten sich am Trapez möglichst furchterregend verkleiden müssen, hatte Lind bereits in DIE VIER TEUFEL geschaffen und knüpft hier daran an. Der radio-mechanische Mensch im Totenkopf-Kostüm ist aber kein Golem, nicht mal ein Golemchen, denn ohne die Fernsteuerung ist er harmlos und er wird leider auch nicht zu mehr genutzt als zu öden Hochseilnummern. Man erwartet, dass vielleicht der Blitz in die Fernbedienung einschlagen könnte und der Roboter Amok läuft, oder dass Magirus später seine Kreation für seine Rache nutzt – aber nichts dergleichen passiert. Die Schauwerte des Films liegen woanders. Da ist die ungeheure Leinwandpräsenz Goetzkes, dessen Dr. Magirus sich aber schnell ins Lächerliche verkehrt, da man seine Besessenheit von der ziemlich unscheinbaren Ziska nicht nachvollziehen kann. Das Drehbuch mag ihr eine besondere Ausstrahlung zugeschrieben haben, der Zuschauer merkt davon nichts. Außerdem scheint die Bedienung des radio-mechanischen Menschen dann doch super einfach zu sein, da Atto sie später in wenigen Augenblicken drauf hat, was Magirus Plan noch absurder erscheinen lässt. Die einzig gute Charakterisierung des Films zeigt Sigi Arno in einer für ihn ungewöhnlichen Rolle. Er ist zwar der Clown der Truppe, wobei leider auch seine Nummer nicht sonderlich gut ist, aber außerhalb der Manege ist er die Vaterfigur für die anderen und der einzig Vernünftige. Eine leicht amüsante Einlage gibt er nur, wenn er die Tiere füttert und mit ihnen interagiert. Die Tierszenen im Film sind ziemlich gut gelungen, wenn auch fast ausschließlich reißerisch angelegt. Die Tiere sind es, die die Bösewichter während eines Sturms besiegen: Dr. Magirus wird von einer Würgeschlange und einem Tiger angegriffen, während die böse Zirkusdirektorin von einem echten Bären (der zwar nicht sehr bedrohlich wirkt, aber ausnahmsweise mal kein Typ im Bärenkostüm ist) einen Fabrikschornstein hochgejagt wird.

Von einigen überlangen Zirkusnummern abgesehen war der Film aber alles andere als langweilig und schwankte zwischen seltsamen Einfällen und schrägem Schund, was ich sehr liebenswert finde und viel Freude daran hatte. Ich kann aber voll und ganz verstehen, warum der Film damals nach nur kurzem Kinoeinsatz schnell vergessen wurde. Richard Siedhoffs improvisierte Musikbegleitung am Flügel hob besonders die spannenden Szenen sehr gut hervor. Für die Rekonstruktion des Films durch das Bundesarchiv wurden zwei verschiedene Kopien benutzt, wobei eine davon englische Zwischentitel hatte, die von Andrea Kirchhartz unter Zuhilfenahme der Zensurkarte übersetzt wurden. Die Bildqualität war nicht überragend, aber sehr gut guckbar.

Mit besonderem Dank für sachdienliche Hinweise bzgl. des Zirkusfilm-Genres an Andrea Kirchhartz.

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Freitag, der 23.08.2019

von Elmar Podlasly

DIE ROTE HERBERGE (L´AUGERGE ROUGE, Frankreich 1923, Regie: Jean Epstein)

Marcelle Schmit & Jacques Christiany in DIE ROTE HERBERGE (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Nach einer Erzählung von Honoré de Balzac.

Auf der Dinnerparty einer feinen Gesellschaft 1825 in Paris, bittet der Gastgeber den vielgereisten Geschäftsmann Herman (Robert Tourneur), die anderen Gäste, unter ihnen die frisch Verlobten André (Jacques Christiany) und Victorine (Marcelle Schmit), mit einer Schauergeschichte zu unterhalten. Er erzählt die wahre Geschichte des jungen Arztes Prosper Magnan (Léon Mathot), der im Jahre 1799 zusammen mit einem Freund, dessen Name dem Erzähler zunächst nicht einfällt, in einer sturmgepeitschten Nacht in einer bereits überfüllten, abgelegenen Herberge im Elsass Unterkunft sucht. Dort tritt eine unheimliche alte Frau an ihren Tisch und weissagt Prosper die Zukunft aus drei Karten, die er zieht: Gold, Verbrechen und Tod. Die schaurige Atmosphäre hindert den gut gelaunten Prosper aber nicht daran, mit der Tochter des Wirts (Gina Manès) anzubändeln, die seine Gefühle zu erwidern scheint. Wenig später trifft noch ein Reisender ein, ein holländischer Diamantenhändler (Thomy Bourdelle), der ihnen nicht nur verrät, dass er einen außergewöhnlich großen und wertvollen Diamanten mit sich führt, sondern ihnen, als Dank dafür, dass sie ihm ihr Bett abtreten, jeweils einen kleinen Diamanten schenkt. Die beiden Freunde wollen sich im selben Zimmer eine Matratze auf dem Boden teilen.

In der Nacht kann Prosper jedoch nicht schlafen, so stark ist die Versuchung, den Diamantenhändler zu ermorden, die Diamanten zu stehlen und im Schutz der Nacht unerkannt zu fliehen. Er holt sein Skalpell aus seiner Chirurgentasche und besinnt sich erst im allerletzten Moment eines Besseren. Entsetzt über sich selbst, stürmt er, dem Wahnsinn nahe, in den Regen hinaus und schreit den Namen seiner Mutter. Irgendwann zur Ruhe gekommen legt er sich völlig erschöpft endlich schlafen. Als er am nächsten Morgen erwacht, liegt der Diamantenhändler mit durchschnittener Kehle im Bett, der Freund ist mit den Diamanten durchgebrannt. Der Name des Freundes war Frédéric, wie Herman jetzt wieder einfällt.

Prosper wird verhaftet, angeklagt und des Mordes für schuldig befunden. Die Tochter des Wirts, die als einzige an seine Unschuld glaubt, und der Prosper einen Brief an seine Mutter aushändigen ließ, will ihn noch einmal sehen, aber sie kommt zu spät: Prosper ist bereits hingerichtet worden. Während Hermans Erzählung wird einer der Zuhörer am Tisch immer nervöser. Es wird für den Gast André immer deutlicher, dass dieser Zuhörer, Frédéric Taillefer (Jean-David Évremond), der verschwundene Freund und Mörder aus der Erzählung ist. Das bringt ihn in ein schweres Dilemma, denn seine Verlobte Victorine ist Taillefers Nichte und man kann doch nicht in die Familie (und das Geld) eines Mörders einheiraten…

Jean Epstein, der auch das Drehbuch schrieb, verlegte den Ort der Handlung von Andernach bei Koblenz ins Elsass und strich auch sonst viele Bezüge zu deutsch-französischen Befindlichkeiten, die bei Balzac in die Geschichte verwoben sind. So wird aus dem Nürnberger Kaufmann Hermann, schlicht der „große Kaufmann“ Herman und auch das Mordopfer wird vom Deutschen zum Niederländer. Dafür verstärkte er den Schauerfaktor der Geschichte, indem er sie in einer Sturmnacht spielen lässt und die gruselige Alte hinzufügt. Der Mord wiederum ist bei Balzac um einiges drastischer, da hier dem Diamantenhändler der Kopf gleich vollständig abgetrennt wird. Aber Balzac geht es nicht um die Schauergeschichte, sondern er will auf das moralische Dilemma von André hinaus, dem Ich-Erzähler der Geschichte. André stellt allerlei eigene Überlegungen und Untersuchungen an und lässt schließlich auf einer eigens dafür einberufenen Gesellschaft von moralisch integren Freunden und Bekannten darüber abstimmen, ob er Victorine (hier übrigens sogar Taillefers Tochter) heiraten darf oder nicht.

Im Film reicht es Epstein, dass der anscheinend enttarnte Taillefer gleich darauf tot zusammenbricht. Wie es mit André und Victorine weitergeht, erfahren wir nicht. Epstein scheint es (wie immer?) vor allem darum zu gehen, neue filmische Erzählweisen zu erfinden. Der Film macht es einem aber zunächst nicht leicht. Der Beginn, der eher konventionell erzählt ist, zieht sich wie ein zäher Kaugummi und hat Anschlussfehler und Achsensprünge. Spannend wird es erst, als die gruselige Alte auftaucht und Epstein anfängt, mit Mehrfachbelichtungen, blitzschnellen assoziativen Schnitten, extremen Großaufnahmen und Unschärfen zu experimentieren. Die Fratze der Alten wird in der Unschärfe zum Totenkopf. Wirklich packend wird der Film dann mit der zentralen Szene, in der Prosper sich bewusst wird, dass er beinahe einen Mord begangen hätte, und an dem Blick in den eigenen Abgrund verzweifelt. Hier zeigte sich auch die Musikbegleitung von Richard Siedhoff (Flügel) und Mykyta Sierov (Oboe) besonders effektiv, die dissonante Töne einbauten und das Verstörende des Geschehens unterstrichen. Die tragische Figur der Tochter des Wirts ist auch eine Erfindung Epsteins, bei Balzac ist es Herman(n) selbst, der sich mit Prosper im Gefängnis anfreundet und von ihm seine Geschichte erzählt bekommt und schließlich sogar auf dessen ausdrücklichen Wunsch der Hinrichtung beiwohnt und ihm dabei in die Augen sieht. Das wäre sicher auch eine filmisch interessante Szene gewesen.

Für mich war der Film der am schwersten zu guckende des Festivals, aber am Ende hat es sich sehr gelohnt, und je mehr ich über ihn nachdenke, desto besser gefällt er mir.

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Donnerstag, der 22.08.2019

von Elmar Podlasly

DER BETTELPOET (THE BELOVED ROGUE, USA 1927, Regie: Alan Crosland)

Der Bettelpoet (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Je suis Françoys, dont il me poise,

Né de Paris emprès Pontoise,

Et de la corde d’une toise

Sçaura mon col que mon cul poise.

François Villon

Paris im 15. Jahrhundert: François Villon (John Barrymore) ist zugleich Stolz und Schrecken von Paris. Von den Reichen für seine Dichtkunst bewundert, von den Armen als saufender Schelm geliebt.

Er wird von den Massen auf den Straßen von Paris zum König der Narren gekrönt. Im Übermut der Feier beleidigt er den Herzog von Burgund (Lawson Butt) mit einem Gedicht, weil dieser die Feier abbrechen lassen will. Der Beleidigte verlangt nach Villons Kopf, doch König Ludwig XI. (Conrad Veidt), verschont Villons Leben, aber verbannt ihn aus Paris. Das bricht Villon das Herz, ist er doch mit Paris untrennbar verbunden. Er lässt sich mit einigen seiner Getreuen in einem Gasthaus außerhalb der Stadtmauern nieder, wo ihm aber die Poesie nicht mehr so recht glücken will. Als eine Proviantlieferung, die für den Hof bestimmt ist, an dem Gasthof halt macht, ergreift Villon die Chance für einen weiteren seiner Streiche. Er und seine Leute stehlen den Proviant, erklimmen damit die Stadtmauer und nutzen ein Katapult, um den Proviant ins Armenviertel zu katapultieren, womit Villons Reputation erneut gefestigt ist, denn die Armen erkennen sofort den „Stil“ ihres Wohltäters:

„God and His saints might send us bread- but only Villon would think of brandy!“

(Zwischentitel)

Beim Abschuss der letzten Ladung werden sie von der Wache gestört und Villon versehentlich in die in die Kammer von Charlotte, (Marceline Day) einem Mündel des Königs, katapultiert. Der König, der seine Entscheidungen nur auf die Empfehlungen eines zweifelhaften Astrologen stützt, hat Charlotte gegen deren Willen dem Herzog von Burgund zur Frau versprochen, nichtsahnend, dass dieser die Absicht hat, ihn vom Thron zu stoßen. Charlotte erkennt Villon nicht, aber liebt seine Gedichte. Villon verliebt sich in Charlotte und flieht mit ihr aus dem Königspalast. Sie verstecken sich im Hause seiner Mutter. Dort wird Villon verhaftet. Es gelingt ihm jedoch, den abergläubischen König davon zu überzeugen, dass er prophetische Qualitäten besitzt, so das dieser ihn als Berater anstellt und nicht hinrichten lässt. Als kurz darauf der Herzog von Burgund Charlotte entführen lässt, will der von seinem Astrologen immer noch schlecht beratene König nichts unternehmen, so das Villon die Sache selbst in die Hand nehmen muss. Immerhin hat er seine eigene Armee, die Armen der Stadt…

Ein wundervoller Abenteuer-Action-Film, der seinerzeit bei Kritik und Publikum durchfiel und vielleicht deshalb schnell in Vergessenheit geriet. Die Fans von John Barrymore, der auf romantische Rollen spezialisiert war, waren nicht begeistert, ihn in einem Film zu sehen, der eher zu Douglas Fairbanks gepasst hätte. Vielleicht war aber auch seine bescheuerte Frisur schuld. Der Film galt lange als verschollen, bis Ende der 60er Jahre eine Kopie wieder auftauchte.

John Barrymore und Conrad Veidt, beide auch erfolgreiche Bühnenschauspieler und letzterer in seinem ersten amerikanischen Film, übertrumpfen sich hier gegenseitig was die Darstellung ihrer Figuren angeht, sind sie doch das genaue Gegenteil voneinander. Barrymores Villon ist schnell, leichtfüßig und burlesk. Er klettert Mauern mit bloßen Händen rauf und tänzelt sich durch den Film. Sein Make-Up gibt ihm dazu noch etwas Katzenhaftes. In einer Folterszene, von der man sich fragt, wie sie durch die Zensur gekommen ist, macht er auch eingeölt und nur mit Lendenschurz bekleidet eine sehr gute Figur. Von dem Moment seiner Verbannung abgesehen, ist er eigentlich immer gut gelaunt. Conrad Veidts König Ludwig XI hingegen ist langsam, gebrechlich, kränklich und muss gestützt werden. Veidt schafft es dabei irgendwie, nur halb so groß zu wirken, wie er wirklich war. Dabei hat er ein gequältes, leicht irres Grinsen im Gesicht und man traut ihm jede Grausamkeit zu. Er ist besessen von seinem Gauben an die Astrologie.

Der Legende nach war es Barrymore, der Conrad Veidt zu diesem ersten Gastspiel in Hollywood überredete, weil er ihn unbedingt für diesen Film haben wollte.

Der vielleicht größte Star des Films sind jedoch die unglaublichen Bauten des Films, die auch in einen Tim Burton-Film passen würden. Der legendäre Production-Designer William Cameron-Menzies (der später auch als Regisseur arbeitete) schuf die überzogen hohen Stadtmauern, die übertriebenen Bauten und schrägen Türme einer Märchen-Version des mittelalterlichen Paris, die stets nicht nur Kulisse, sondern auch Teil der Action sind. Villon klettert ständig darin herum, rutscht Geländer herunter, springt mit Anlauf aus Fenstern in Schneehaufen oder Bäume. Der Film ist ganz auf die Agilität seines Hauptdarstellers ausgelegt, der ständig in Bewegung zu sein scheint. Das Ganze hat trotz einer Länge von fast 100min ein ordentliches Tempo und hinterließ mich in sehr beschwingter Stimmung, zu der die hervorragende Musikbegleitung von Richard Siedhoff am Flügel und Mykyta Sierov an der Oboe viel beigetragen hat. Einziges Manko des Abends war die schlechte Qualität der gezeigten 35mm Filmkopie, die gerade am Anfang des Films viel zu dunkel war.

Mykyta Sierov, Richard Siedhoff (Foto: Elmar Podlasly)
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Mittwoch, der 21.08.2019

von Elmar Podlasly

DAS LIED VOM ALTEN MARKT (KAIN I ARTEM, UdSSR 1929, Regie: Pawel Petrow-Bytow)

Das Lied vom alten Markt (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

„Als fürchte die Sonne, ihre Strahlen durch den Schmutz zu besudeln, blickte sie nur frühmorgens in diese Straße, und nicht lange.“

(Zitat aus „Kain und Artem“ von Maxim Gorki)

Der Film ist eine freie Adaption einer Erzählung von Maxim Gorki aus dem Jahr 1898.

Er spielt in einer nicht näher bezeichneten Stadt an den Ufern der Wolga auf dem überfüllten Marktplatz eines Elendsquartiers. In der wuseligen Masse gibt es drei Protagonisten.

I. Kain

„Jeder, der dies Lächeln sah, erkannte sogleich, daß das Grundgefühl eines Menschen, der so lächelt, – Furcht vor allem und allen ist, Furcht, im Nu bereit, sich zum Entsetzen zu steigern.“ (Zitat aus „Kain und Artem“, von Maxim Gorki).

Der jüdische Flickschuster Chaim (Emil Gal), den alle nur abwertend Kain nennen. Er versucht, auf dem Markt seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sieht sich aber oft den Erniedrigungen seiner Mitmenschen ausgesetzt, da er, klein und schwach, sich nicht gut verteidigen kann. Als ihn einmal jemand um die Bezahlung für seine Dienste betrügt, wendet sich Kain hilfesuchend an einen Polizisten, der ihm eröffnet, dass Gesetz gelte „für Menschen, aber nicht für Juden“.

„Er lebte unter Leuten, die vom Schicksal benachteiligt waren, und solchen ist es stets angenehm, ihren Nächsten zu kränken; sie verstehen es auch sehr gut, denn einstweilen können sie sich nur so rächen.“ (Zitat aus „Kain und Artem“, von Maxim Gorki)

In Gorkis Erzählung handelt Kain noch mit Kurz- und Gemischtwaren und verleiht gelegentlich sogar Geld. Nur mit dem Judentum nimmt er es nicht so genau:

„…er beobachtete nicht den Sabbat und nahm nicht »koscheres« Fleisch zur Nahrung. Bittend und fordernd wurde ihm zugesetzt, er solle erklären, wie er zu essen wagen dürfe, was seine Religion verbot. – Dann kroch er ganz in sich zusammen, lächelte, machte sich mit einem Spaß los oder lief fort, ohne jemals etwas über die Religion und die Gebräuche der Juden zu äußern.“ (Zitat aus „Kain und Artem“, von Maxim Gorki)

Was steckt hinter Kains Ablehnung der Religion? War es das, was den Drehbuchautoren die Idee gab, aus Kain einen Sozialisten zu machen, der stets Bücher mit entsprechenden Texten bei sich trägt?

II. Artjom

Artjom (Nikolai Simonow) wie er hier in Bonn in den Untertiteln übersetzt war, schreibt sich im Original und auch in der deutschen Übersetzung der Erzählung Artem. Es ist aber derselbe Name.

„Vor etwa drei Jahren war er […] in der Stadt erschienen und nach beendeter Schiffahrt dageblieben, […] da er die Erfahrung gemacht hatte, daß er auch ohne zu arbeiten, vermöge seiner Kraft und Schönheit, angenehm leben könne. Und siehe da, seit jener Zeit hatte er sich aus einem Dorfburschen und Auflader in den Liebling der Krämerfrauen, Kloßverkäuferinnen und anderer Weiber […] verwandelt. Diese Beschäftigungsart versorgte ihn stets mit Nahrung, Schnaps und Tabak, sobald er es wünschte; weiter wußte er sich nichts zu wünschen, und so lebte er.“

(Zitat aus „Kain und Artem“, von Maxim Gorki, Übers. Bodo von Loßberg, 1920).

Auch im Film wird Artjom wegen seiner physischen Stärke auf dem Markt allgemein gefürchtet und von den Frauen geliebt, aber er gewinnt auch jeden Wettbewerb im Bösegucken und Leute-Niederstarren. Auch Aljom ist nicht nett zu Kain:

„Nicht selten ist auch Kain in Artems grausame Hände gefallen, der mit ihm spielte, wie ein neugieriges Kind mit einem Käferchen.“ (Zitat aus„Kain und Artem“, von Maxim Gorki).

Ihre erste Begegnung im Film, endet damit, dass Artjom lose Buchseiten bei Kain findet.

… und solange es Fabrikanten,
Großgrundbesitzer und Kaufleute gibt,

findest du auf Erden keine Gerechtigkeit
und der Mensch…
ist dem Menschen ein Wolf…“

(Zwischentitel)

Artjom wirft die Seiten achtlos in den Dreck, wo Kain sie wieder aufklaubt.

III. Die Ehefrau

Von der jungen Frau (Jelena Jegorowa) des ekligen alten Fischhändlers (Georgij Uwarow) sagen die Leute:

Ein guter Mensch hat ihr Kleider und Schuhe gekauft, hat diese Bettlerin zur Frau genommen“ (Zwischentitel).

Der Fischhändler ist aber kein guter Mensch. Sie hat mit Artjom ein Verhältnis und versucht, ihn dazu zu bewegen, mit ihr aufs Land zu ziehen, woran Artjom wenig Interesse hat. Der Fischhändler weiß von ihrem Verhältnis und trachtet Artjom nach dem Leben. Die Frauenfigur ist eine Erfindung der Drehbuchautoren, die in der Geschichte von Maxim Gorki gar nicht vorkommt.

Der Fischhändler stachelt einen Muskelprotz dazu auf, sich mit Aljom zu messen, doch dieser unterliegt ihm natürlich. Schließlich bezahlt der Fischhändler eine Gruppe von Schlägern dafür, Artjom zu beseitigen. Als er sich eines Abends in der Kneipe betrinkt, sehen die Schläger ihre Chance gekommen und lauern ihm auf. Kain, der die Situation durchschaut, versucht Artjom zu warnen, wird aber nicht gehört. Auch in der Kneipe, wo Kain nach Hilfe sucht, interessiert es keinen, dass draußen ein Verbrechen geschieht. Die Gleichgültigkeit der Leute ist ein Aspekt, den der Regisseur wieder und wieder betont, vor allem durch die in sowjetischen Stummfilmen nicht untypische ständige Wiederholung von nur sehr kurz gezeigten Zwischentiteln, als ob damit eine Art subliminale Wirkung erzielt werden soll.

Ein Mensch

Ein Mensch

wird erschlagen

EIN MENSCH...

EIN MENSCH...

wird erschlagen

wird erschlagen

Ein Mensch

wird erschlagen
(Zwischentitel)

Die Schläger schaffen es, den betrunkenen Artjom zu bezwingen und prügeln so lange auf ihn ein, bis sie ihn für tot halten. Anschließend wollen sie ihn im Fluss entsorgen und werfen ihn die Böschung hinunter, wo er liegenbleibt. Aber weil sich gleichzeitig ein alter Baumstumpf von der Böschung löst und ins Wasser fällt, denken seine Mörder, Artjom wäre in der Wolga versunken. Kain findet Artjom am Ufer und versteckt ihn bei sich zu Hause, wo er ihn langsam aber sicher gesund pflegt.

Währenddessen findet die Frau des Fischhändlers heraus, dass ihr Ehemann hinter dem Verschwinden Artjoms steckt und verlässt ihn endgültig. Sie versucht die Leute auf dem Markt davon zu überzeugen, dass der Fischhändler Artjom umbringen ließ, doch auch ihr schlägt nur Gleichgültigkeit und Spott entgegen. Sie geht ins Kloster. Doch lange hält sie es dort nicht aus. Die Macher des Films nutzen diese Sequenz als einen Seitenhieb auf die Religion.

Das sind keine lebenden Menschen, sondern… seelenlose Gegenstände!“

(Zwischentitel)

Sie verlässt das Kloster und sieht keinen Ausweg mehr für sich. Sie ertränkt sich in der Wolga. Was aber niemand mitbekommt und was keine weiteren Konsequenzen für die Geschichte hat.

Kain, der überraschenderweise Freunde hat, von denen man auf dem Markt nichts weiß, versteckt indes weiter den rekonvaleszenten Artjom. Dabei hört dieser den Diskussionen und Lesungen von Kain und seinen Freunden zu:

Betriebe, Fabriken, Felder und Wälder,
der gesamte Erdkreis befindet sich
in der Macht der Besitzenden,
die legale Räuber und Mörder sind...

Man muss die Millionen Arbeiter
zum Kampf für ein besseres Leben
und für Grund und Boden emporführen.

Felder, Wälder, Betriebe und Fabriken
werden neue Herren haben:
die Werktätigen...
(Zwischentitel)

Die Worte verfehlen ihre Wirkung nicht und Artjom beginnt, sich zu verändern. Er liest jetzt die Bücher, die er noch vor kurzem in den Dreck geworfen hat.

Vielleicht hatte Artjom sein ganzes
Leben auf solche Worte gewartet.
(Zwischentitel)

Einige Zeit später, abends in der Kneipe, erniedrigen wieder einige Leute, darunter auch die vermeintlichen Mörder Artjoms, Kain. Sie zwingen ihn, bis zur Erschöpfung zu tanzen und lachen ihn aus. Da kommt Artjom hinzu. Er rastet aus und will die Peiniger, die ja auch seine Peiniger waren, umbringen. Doch Kain hält ihn im letzten Moment zurück und verhindert das Blutbad. Artjom erkennt, dass er ein neuer Mensch geworden ist. Artjom und Kain gehören nicht mehr auf den alten Markt. Sie verlassen das Lokal und blicken dem Sonnenaufgang entgegen.

Morgen wird ein schöner Tag werden.“Morgen scheint die Sonne...“
 (Zwischentitel). 
Original-Plakat

Bei Gorki endet die Geschichte anders. Nachdem sich die beiden nach Artems Rettung durch Kain einander angenähert haben, ist der dankbare Artem für kurze Zeit Kains Beschützer, welcher durch die neu gewonnene Freiheit aufblüht. Aber viel zu sagen haben sich die beiden nicht.

„So bemitleidete zuerst der Starke den Klugen, dann bemitleidete die Klugheit die Stärke, und zwischen den beiden Gefährten entstand ein Rapport, der sie einander etwas näherte.“ (Zitat aus „Kain und Artem“, von Maxim Gorki).

Die Freundschaft währt nicht lange. Bald hat Artem die Täter identifiziert, die ihn totschlagen wollten, und plant seine Rache. Kain ist ihm dabei lästig. Er erklärt ihm:

„Alle! Jetzt beginnt meine Abrechnung mit ihnen . . . Und du hinderst mich . . .«

»Wieso kann ich dich hindern?« rief der Jude aus.

»Nicht gerade hindern, aber . . . das ist die Sache – ich bin auf alle Leute erbittert. Bin ich schlechter als sie? Das ist es . . ., und du bist mir folglich – überflüssig. Verstanden?«

[…]

„Man muß alles der Wahrheit gemäß machen . . . Dem Herzen nach . . . Was nicht darin ist – das nicht . . . Und mir, Bruder, ich sag‘ es geradezu, ist es zuwider, daß du so bist . . . ja! Darauf kommt’s hinaus.“

(Zitate aus„ Kain und Artem“, von Maxim Gorki).

Während Artem seine Rache plant, schleicht Kain voller Angst zurück auf den Markt.

Die Erweiterung der Gorki-Erzählung zur sozialistischen Erweckungsgeschichte ist für sich betrachtet wenig glaubwürdig. Aber in vielen Aspekten ist der Film eben doch eine gute filmische Umsetzung von Gorkis pessimistischer Geschichte. Obendrein feuert Regisseur Pawel Petrow-Bytow gekonnt, mutig und stilsicher das gesamte Arsenal sowjetischer Filmkunst auf das Publikum ab. Die Kamera fängt die Gesichter der Armen in Großaufnahmen ein und unterschneidet ihre starren Mienen mit Eindrücken des Marktgewirrs, Detailaufnahmen von fliegenübersäten toten Fischen usw. In der Szene gegen Ende des Films, wo Kain zum Tanzen gezwungen wird, werden die betrunkenen, lachenden Fratzen seiner Peiniger wie durch einen Hohlspiegel verzerrt. Eine Technik, die Petrow-Bytow nicht erfunden hat (siehe DER LETZTE MANN von F.W. Murnau), aber perfekt einsetzt. Der Film passt natürlich nicht zu den Sehgewohnheiten unserer Zeit, wo er doch schon ein Angriff war auf die Sehgewohnheiten seiner Zeit. Mich hat er vielleicht gerade deswegen sehr mitgerissen und er gefiel mir trotz der propagandistischen Einschübe sehr. Ein Publikumserfolg war er übrigens seinerzeit in der Sowjetunion auch nicht und auch für viele Festival-Zuschauer hier auf dem Hof eine harte Prüfung.

Den sehr selten zu sehenden Film, der hier in Bonn als Teil des Projekts „Russian Seasons“ gezeigt wurde, begleitete Filipp Cheltsov aus Russland am Flügel in einer echten Meisterleistung. Ich hatte das Gefühl, dass Cheltsov, der ohne Partitur spielte, den Film perfekt auswendig kennt. Ein paarmal habe ich ungläubig zu ihm rüber geschaut, ob da wirklich nur ein Mann am Klavier sitzt und nicht zwei!

Umso überraschter war ich nach der Vorführung im Gespräch mit ihm, als er erzählte, dass die hier gezeigte Fassung deutlich länger war, als die ihm bekannte. Anscheinend hat man damals in der europäischen Exportfassung die sozialistischen Aspekte der Geschichte und auch die Frauenfigur gekürzt (und war somit wieder dichter an Gorkis Erzählung) welches die Fassung war, zu der Cheltsov bisher immer gespielt hatte. Dass der Film länger war als gewohnt, hat Cheltsov erst während der Vorführung gemerkt, was bemerkenswerterweise seinen Spielfluss in keinster Weise unterbrochen hat.

Filipp Cheltsov (Foto: Elmar Podlasly)

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Dienstag, der 20.08.2019

von Elmar Podlasly

PETER PAN, DER TRAUMELF (PETER PAN, USA 1924, Regie: Herbert Brenon)

Peter Pan, der Traumelf (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

„…it is necessary that all of you –
no matter what age you may have
individually attained – should be
children. PETER PAN will laughingly
blow the fairy dust in your eyes and
presto! You’ll all be back in the nursery,
and once more you’ll believe in fairies,
and the play moves on.”

J.M. Barries “Vorwort” zur Filmversion seines Stückes.

Viele amerikanische Filme aus der Stummfilmzeit waren Adaptionen von Theaterstücken, und da bildet PETER PAN, DER TRAUMELF keine Ausnahme. Er will seine Herkunft aber auch nicht verleugnen, im Gegenteil. Mit der Nähe zum Theaterstück und dem Segen des Autors J.M. Barrie versuchte man, an den Erfolg des beliebten Theaterstücks anzuknüpfen. Viele Szenenbilder erinnern vom Aufbau her an die Bühne. Dann werden alle Tiere im Film von Menschen in Tierkostümen gespielt, prominent vor allem der Familienhund Nana und das Krokodil, das es auf Captain Hook abgesehen hat. In beiden steckte der Schauspieler George Ali, der auf Tierdarstellungen im Theater spezialisiert war. Bemerkenswert ist Nanas Kopf, der durch Ali von innen gesteuert werden und eine ganze Reihe verschiedener Ausdrücke produzieren konnte. Nebenbei bemerkt, der Film war auf dem Hof sehr gut besucht und jemand hatte seinen Hund mitgebracht, der gelegentlich störend auf sich aufmerksam machte. Aber einmal war sein Bellen zufällig so gut auf das Erscheinen Nanas auf der Leinwand abgestimmt, dass es einen Lacher gab.

Wenn man vom Stummfilm als einem Medium ausgeht, dass dann am stärksten ist, wenn es möglichst wenig Dialoge/Zwischentitel gibt und sich ganz auf die Kraft der musikalisch unterstützten Bilder verlassen wird, sind zu viele Dialoge natürlich hinderlich. Dialoge hat der Film leider sehr viele, die größtenteils aus dem Theaterstück stammen, so dass man am Ende des Films eigentlich das ganze Stück mitgelesen hat. Immerhin wird dadurch viel von der Original-Geschichte bewahrt. Die größte Sünde des Films bleibt jedoch, Stummfilmstar Anna May Wong als Tiger Lily zu besetzten und sie dann völlig zu verschwenden. Sie taucht gerade mal in 2 Szenen kurz auf und hat einen einzigen Satz.

Dafür gibt es immer wieder für die Entstehungszeit grandiose Spezialeffekte. Vor allem die Darstellung von Tinkerbell (die damals in der deutschen Fassung „Glühweiße“ genannt wurde) ist sehr gelungen und auch die fliegenden Kinder sind überzeugend.

Peter Pan wird von der 17jährigen Betty Bronson mit viel Sinn für Theatralik gespielt. Bereits in den Theateraufführungen wurden gerne junge Frauen besetzt, da es für einen kleinen Jungen schlicht unmöglich ist, so viel Text zu lernen.

Nur in einer Großaufnahme irritiert es, dass man unter Peters Wams Brüste erahnen kann. Eine zeitgenössische Kritik aus der New York Times, die auszugsweise im Programmheft abgedruckt ist, meint hingegen, onduliertes Haar entdeckt zu haben, das das Geschlecht der Hauptdarstellerin verrate. Bronson hatte eine Ballett-Ausbildung, was ihr sehr zugute kam, da sie den physischen Anforderungen der Rolle gewachsen war.

Captain Hook wird mit Gusto von Charakterdarsteller Ernest Torrence gespielt, „the man you loved to hiss“, bei dem ich immer sofort an seine Rolle als Buster Keatons Vater in STEAMBOAT BILL JR. (1928) denken muss. Sein Captain Hook liest Bücher über gutes Benehmen, welches er Frauen gegenüber auch umsetzt, und benutzt einen Zigarrenhalter, mit dem er zwei Zigarren gleichzeitig rauchen kann.

Drollig sind auch die patriotischen Einschübe, die zumindest für das hiesige Publikum natürlich komisch wirken, wenn z.B. die Kinder lieber über die Planke gehen wollen, als bei Captain Hook als Schiffsjunge anzuheuern, weil dieser sich nicht den „Stars and Stripes“ verpflichtet sieht. Und kaum hat Peter Pan das Piratenschiff in seine Gewalt gebracht, wird die Piratenflagge eingeholt und die amerikanische Flagge gehisst.

Eine Überraschung war für mich eine interaktive Szene etwa zu Beginn des letzten Drittels des Films, wo Peter Pan plötzlich die vierte Wand durchbricht und sich ganz unvermittelt ans Publikum wendet und um Hilfe bittet. Tinkerbell, die Peters von Captain Hook vergiftete Medizin ausgetrunken hat, damit Peter sie nicht trinkt, liegt im Sterben. Ihr Licht wird schwächer. Es kann nur vor dem Erlöschen bewahrt werden, wenn wieder viele Kinder an Feen glauben. Peter Pan fragt das Publikum: „Glaubt ihr? Dann klatscht ganz doll in die Hände!“ Eine Aufforderung, der das Bonner Publikum gerne nachkam, und Tinkerbell konnte gerettet werden.

Der Film wurde von Elizabeth-Jane Baldry ausschließlich an der Harfe begleitet. PETER PAN, DER TRAUMELF ist ihr Lieblingsfilm, was der Grund ist, dass Festivalleiter Stefan Drößler ihn ins Programm genommen hat.

Elizabeth-Jane Baldry (Foto: Elmar Podlasly)
Franziska Kremser-Klinkertz (Foto: Elmar Podlasly)
Stefan Drößler (Foto: Elmar Podlasly)
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Montag, der 19.08.2019

von Elmar Podlasly

NOGENT (NOGENT, ELDORADO DU DIMANCHE, Frankreich 1929, Regie: Marcel Carné)

Nogent (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Nogent an der Marne war (ist?) ein beliebtes Ausflugsziel der Pariser Arbeiter und einfachen Leute. Der kurze dokumentarische Film zeigt einen typischen Sonntag. Er bündelt seine Eindrücke vom Ablauf des Tages in einer rhythmischen Montage schöner, unverfremdeter Bilder. Die Bahnfahrt nach Nogent wird kurz unterschnitten mit einer stillstehenden Fabrik und einem leeren Großraumbüro mit abgedeckten Schreibmaschinen.Dann gilt es, sich zu amüsieren, hauptsächlich mit Aktivitäten am und im Wasser. Rudern, Schwimmen, ein Sonnenbad Nehmen. Schatten, glitzerndes Sonnenlicht auf dem Wasser. Oder im Ort Tanzen, Trinken und Postkarten Schreiben. Am Abend geht es wieder zurück in die Stadt.

Regisseur Marcel Carné, später ein erfolgreicher Filmemacher mit Meisterwerken wie HAFEN IM NEBEL oder DIE KINDER DES OLYMP, war hier erst 20 Jahre alt und noch einige Jahre von seinem Spielfilmdebüt entfernt, weswegen diese erste Arbeit, über deren Produktionsbedingungen ich leider nichts weiß, als Amateurfilm eingestuft wird. Was man aber eher als eine Auszeichnung als eine Abwertung verstehen sollte, denn der Film hat etwas Frisches, Unmittelbares und auch Freches. Carné kommt ohne Zwischentitel aus, aber über die Montage findet doch ein Kommentar statt, indem er zum Beispiel den Pulk von Badegästen im Wasser mit Fischen in einem Aquarium unterschneidet, oder eine Einstellung von am Strand liegenden Männern zeigt, von denen einer ausgiebig in der Nase bohrt. Der Film erinnert wegen des Themas an MENSCHEN AM SONNTAG (1930), wobei Carné keine Geschichte erzählt, die über das Dokumentieren vom Geschehen in Nogent hinausgeht und auch keine Protagonisten hat.

Es war auch ein interessanter Kontrast zum restlichen Programm des Festivals, mal wieder einen völlig unrestaurierten Film zu sehen. Es handelte sich laut Programmheft um eine 35mm-Kopie, die sicher nicht von einem Original-Negativ gezogen worden ist und wirkte, wie eine Kopie 2. oder 3. Generation. Unscharf, mit ausgerissenen Kontrasten, musste man an manchen Stellen ganz schön die Augen zusammenkneifen, um etwas zu erkennen. Aber bei einer Lauflänge von gerade mal 17 Minuten, und weil es den Film vermutlich nicht anders gibt, nimmt man das gerne in Kauf.

Einen kurzen Ausschnitt kann man hier sehen:

NACH RECHT UND GESETZ (PRÄSTÄNKAN, Schweden 1920, Regie: Carl Theodor Dreyer)

Nach Recht und Gesetz (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

In einem schwedischen Dorf im 17. Jahrhundert ist eine Pfarrstelle neu zu besetzen, weil der alte Pastor gestorben ist. Der arme, aber quirlige Söfren (Einar Röd) braucht die Stelle dringend, weil er sonst nicht seine geliebte Mari (Greta Almroth) heiraten kann. Es gelingt ihm, seine wohlhabenderen Mitbewerber aus Kopenhagen zu schlagen. Doch Söfren hat nicht damit gerechnet, dass die Pfarrstelle an eine archaische Tradition gebunden ist. Die Witwe des alten Pfarrers, Frau Margarete (Hildur Carlberg) hat das Recht den neuen Pfarrer zu ehelichen, wenn sie es will. Und sie will es, obwohl sie bereits 3 Pastoren überlebt hat und hart auf die 80 zugeht (ihr Alter wird nicht genannt, aber Hildur Carlberg war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits 77 und verstarb kurz danach). Sie will den Pfarrhof und ihr gewohntes Leben nicht aufgeben müssen. Mit Hilfe von gutem Essen und einer Flasche Schnaps bringt sie Sören dazu, einzuwilligen. Mari gibt er als seine Schwester aus, und vertröstet diese damit, dass Frau Margarete ja bereits Erde in der Tasche habe und es nicht lange dauern könne, bis er den Hof erben wird. Es wird Hochzeit gefeiert und Mari kommt mit auf dem Pfarrhof unter. Ziemlich schnell wird klar, dass Frau Margerete weder kurz vor dem Ableben ist, noch sich in irgendeiner Weise von Söfren einwickeln lässt. Sie bleibt der Herr im Haus. Alle Versuche Söfrens, mit Mari allein zu sein, scheitern. Schließlich versucht er, dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen, aber er ist der Alten einfach nicht gewachsen, die obendrein noch ihre altgedienten Hausangestellten, den tumben Kraftprotz Steinar (Emil Helsengreen) und die schräge Gunvor (Mathilde Nielsen), als ständige Verbündete vor Ort hat. Als schließlich durch einen von Söfrens beknackten Einfällen versehentlich Mari schwer verletzt wird, ist er auf Frau Margeretes Hilfe angewiesen, die sich um Mari kümmert. Schließlich gesteht Söfren ihr die Wahrheit. Frau Margaretes Reaktion ist überraschend…

Mit Regisseur Carl Theodor Dreyer assoziiert man sofort Meisterwerke wie JOHANNA VON ORLÉANS (1928) oder VAMPYR (1932), aber hier beweist er, dass er auch Komödien inszenieren konnte. Dabei zeigt er ein gutes Händchen für komische Details, die wiederum viel über die Figuren aussagen, z.B. als Söfren darauf wartet, dass er seine Bewerbungspredigt halten kann, malt er sich, um die Löcher in seiner Kleidung zu kaschieren, die Haut unter den Löchern schwarz an. Und mein Lieblingsgag: Der Küster der Dorfkirche hat eine lange Stange, deren einziger Zweck es ist, alle bei der Predigt Eingenickten wach zu stupsen. Aber nur, wenn wiederum ihn jemand rechtzeitig weckt.

Unter der Komödie verbirgt sich eine genaue Studie der dargestellten Zeit. Um größtmöglicher Authentizität willen ließ Dreyer den Film im Freilicht-Museum Maihaugen

in Norwegen drehen, sowohl die Innen- als auch die Außenaufnahmen, was bei dem damals noch sehr lichtunempfindlichen Filmmaterial und dem engen Holzbauten große Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten verursacht haben wird. Aber das Ergebnis ist, dass man sich wirklich in diese Zeit hineinversetzt fühlt und meint, das Holz knarren zu hören und riechen zu können. Dreyer verwendete auch Originalrequisiten, die er im Museum fand. Besonders gut ist eine Szene, in der Söfren auf seiner Hochzeit mit Frau Margarete zum Löffel greift um ein Stück des Hochzeitskuchens zu essen und feststellen muss, dass sein Löffel mit einer sehr kurzen Kette am Löffel von Frau Margarete befestigt ist. Ein authentisches Objekt, dass hier als Metapher für die zentrale Idee der Geschichte fungiert.

Auffällig ist auch, wie meisterhaft Dreyer – es war immerhin erst sein zweiter Film! – eine mit dem Stummfilm aus der Mode gekommene Technik einsetzt, nämlich die Abdeckung von Teilen des Bildes. Wenn Mari während der Predigt mit dem Einschlafen kämpft, ist sie nur in einer Ecke des Bildes zu erkennen, der Rest ist schwarz verdeckt. Als die Abdeckung gleich darauf entfernt wird und den Blick freigibt auf die anderen Frauen in der Kirche, sieht man diese ebenfalls alle tief und fest schlafen. Die „Enthüllung“ des Bildes sorgt für einen wasserfesten Lacher. Heute würde so etwas über einen Schnitt gelöst werden.

Im letzten Teil des Films wird aus der Komödie ein Drama, in dem die Hauptfiguren eine nachvollziehbare Wandlung durchleben, was mich sehr berührt hat. Den Richtungswechsel des Films vollzogen Stephen Horne (Flügel, Akkordeon, Flöte) und Elizabeth-Jane Baldry (Harfe) meisterhaft mit.

Im übrigen war die neue Restaurierung vom schwedischen Filminstitut hervorragend. Magnus Rosborn vom schwedischen Filminstitut führte, wie schon in vergangenen Jahren, auf deutsch in den Film ein.

Einer meiner Favoriten dieses Festivals, und jetzt schon sicher einer meiner Lieblingsfilme des Jahres.

Nach Recht und Gesetz (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)
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Sonntag, der 18.08.2019 (II)

von Elmar Podlasly

DIE WEISSE HÖLLE VOM PIZ PALÜ (Deutschland 1929, Arnold Fanck, G.W. Pabst)

Leni Riefenstahl & Gustav Diessl in DIE WEISSE HÖLLE VOM PIZ PALÜT (Foto: DFF Deutsches Filminstitut und Filmmuseum)

Das frisch vermählte Paar Hans (Ernst Petersen) und Maria (Leni Riefenstahl) macht eine Bergtour in die Dolomiten. Die Zweisamkeit in einer Berghütte unterbrochen als Dr. Johannes Krafft (Gustav Diessl) in der Hütte auftaucht. Krafft hat vor einigen Jahren seine Verlobte verloren, die nach einer Lawine in eine Gletscherspalte gestürzt ist und deren Leiche nie geborgen werden konnte. Seitdem klettert er in den Bergen herum, in der Hoffnung seine Verlobte wiederzufinden. Die Einheimischen nennen ihn deswegen den „Geist des Berges“. Doch Maria findet Zugang zu dem verschlossenen Krafft und hat Mitleid mit ihm, was Hans eifersüchtig macht. Als Krafft am nächsten Tag einen gefährlichen Aufstieg wagen will, an der er bereits mehrfach gescheitert ist, will Hans ihn begleiten, um vor Maria anzugeben, die er in der Hütte zurücklassen will. Doch Maria lässt sich nicht abhängen und sie klettern zu dritt den Berg hoch. Ihnen auf den Fersen ist eine Gruppe Studenten, die, als sie von weitem Krafft erkennen, diesen aus sportlichen Gründen unbedingt überholen wollen auf dem Weg zum Gipfel und beschließen eine noch gefährlichere Route zu versuchen. Nach einer Weile als dritter Mann in der Seilschaft besteht der ungestüme Hans darauf, die Führung zu übernehmen, was fatale Folgen hat. Er stürzt ab und Krafft muss ihn retten, wobei dieser sich ein Bein bricht. Es löst sich auch noch eine Lawine und begräbt die Gruppe Studenten unter sich, bzw. schubst sie tief in die Gletscherspalten hinab, während Maria, Krafft und der schwerverletzte Hans in der Wand festhängen. Krafft muss seine ganze Erfahrung aufwenden um die drei am Leben zu halten und den Bergführer im Dorf auf sich aufmerksam zu machen. Dieser startet eine Rettungsexpedition doch kann die drei nicht finden. Die Studenten werden nur noch tot geborgen. Schließlich bietet der Flieger Ernst Udet, der zufällig mit Hans und Maria befreundet ist, seine Hilfe an und versucht sie vom Flugzeug aus ausfindig zu machen…

„Die weiße Hölle vom Piz Palü“ (Foto: DFF Deutsches Filminstitut und Filmmuseum)

Der Produzent Harry R. Sokal stellte Fanck, dem Bergfilm-Spezialisten, den Regisseur G.W. Pabst an die Seite, damit dieser sich um die Personenregie in den Innenaufnahmen kümmern sollte, weil Fanck nicht gut mit Schauspielern umgehen konnte. Pabst mischte sich aber auch in andere Teile der Dreharbeiten ein, was Fanck nicht gefallen haben kann. Man erkennt aber die Handschriften beider in dem Film wieder. Die bombastischen überwältigenden Bergaufnahmen, in denen die Schauspieler klein und verloren wirken und dem gegenüber die Intimität des jungen Paares, mit Gesichtern in Großaufnahme. Ich glaube es ist auch der einzige Film, in dem ich Leni Riefenstahl als Schauspielerin etwas abgewinnen kann. Gustav Diessl hat eine wahnsinnig starke Leinwandpräsenz und man glaubt ihm auch den erfahrenen Bergsteiger. Ernst Petersen bleibt etwas blass, aber das passt auch zu seiner Rolle. Alle Beteiligten wurden vor der Kamera Situationen ausgesetzt, die lebensbedrohlich wirken und es wohl auch in Wirklichkeit waren. Was letztendlich den Reiz des Films ausmacht, da er sich durch Authentizität von allen Pappmaché-Kunstschnee-Bergsteigerdramen abhebt. Dafür waren neben den zwei Regisseuren gleich 3 Kameramänner nötig: Sepp Allgeier, Richard Angst und Hans Schneeberger.

Vor allem die unglaubliche Sequenz, wo die Retter mit den brennenden Pechfackeln durch die Gletscherspalten kraxeln um nach den Vermissten zu suchen, ist so beeindruckend, dass man diese im Tonfilm-Remake von 1950 unter dem Titel FÖHN (mit Hans Albers, Lilo Pulver und Adrian Hoven) einfach nochmal verwendet hat.

DIE WEISSE HÖLLE VOM PIZ PALÜ ist aber mit 2 Stunden und 15 Minuten Laufzeit ein ziemlicher Klopper, der mir bei früheren Sichtungen immer zu lang vorkam. Spätestens wenn sie die dritte Nacht in in Folge in der Wand ausharren und Ernst Udet seine endlosen Loopings fliegt, hatte der Film meine Geduld überbeansprucht. Da zeigte sich hier in Bonn mal wieder, was eine gute Musikbegleitung ausmachen kann. Sabrina Zimmermann (Geige) und Mark Pogolski (Flügel) haben es geschafft, mit der von Zimmermann komponierten Musik (die wieder Motive ihres Vaters Aljoscha Zimmermann aufgreift, die dieser für andere Bergfilme von Arnold Fanck komponiert hat) die Längen des Films zu verkürzen. Stetig treibend und aufwühlend, konnte durch Musik die Spannung gehalten werden und die vielen Szenen mit Beinahe-Abstürzen und Menschen die am Seil über dem Abgrund baumeln wurden mit zusätzlicher Dramatik aufgeladen, so das ich einige Male wirklich wirklich kurz die Luft angehalten habe. Die Vorführung verfehlte auch die Wirkung beim Publikum nicht, was dieses mit stehenden Ovationen bekundete.

Sigrid Limprecht, Sabrina Zimmermann, Mark Pogolski (Foto: Elmar Podlasly)
Sigrid Limprecht, Sabrina Zimmermann, Mark Pogolski (Foto: Elmar Podlasly)
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