Dienstag, der 20.08.2019

von Elmar Podlasly

PETER PAN, DER TRAUMELF (PETER PAN, USA 1924, Regie: Herbert Brenon)

Peter Pan, der Traumelf (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

„…it is necessary that all of you –
no matter what age you may have
individually attained – should be
children. PETER PAN will laughingly
blow the fairy dust in your eyes and
presto! You’ll all be back in the nursery,
and once more you’ll believe in fairies,
and the play moves on.”

J.M. Barries “Vorwort” zur Filmversion seines Stückes.

Viele amerikanische Filme aus der Stummfilmzeit waren Adaptionen von Theaterstücken, und da bildet PETER PAN, DER TRAUMELF keine Ausnahme. Er will seine Herkunft aber auch nicht verleugnen, im Gegenteil. Mit der Nähe zum Theaterstück und dem Segen des Autors J.M. Barrie versuchte man, an den Erfolg des beliebten Theaterstücks anzuknüpfen. Viele Szenenbilder erinnern vom Aufbau her an die Bühne. Dann werden alle Tiere im Film von Menschen in Tierkostümen gespielt, prominent vor allem der Familienhund Nana und das Krokodil, das es auf Captain Hook abgesehen hat. In beiden steckte der Schauspieler George Ali, der auf Tierdarstellungen im Theater spezialisiert war. Bemerkenswert ist Nanas Kopf, der durch Ali von innen gesteuert werden und eine ganze Reihe verschiedener Ausdrücke produzieren konnte. Nebenbei bemerkt, der Film war auf dem Hof sehr gut besucht und jemand hatte seinen Hund mitgebracht, der gelegentlich störend auf sich aufmerksam machte. Aber einmal war sein Bellen zufällig so gut auf das Erscheinen Nanas auf der Leinwand abgestimmt, dass es einen Lacher gab.

Wenn man vom Stummfilm als einem Medium ausgeht, dass dann am stärksten ist, wenn es möglichst wenig Dialoge/Zwischentitel gibt und sich ganz auf die Kraft der musikalisch unterstützten Bilder verlassen wird, sind zu viele Dialoge natürlich hinderlich. Dialoge hat der Film leider sehr viele, die größtenteils aus dem Theaterstück stammen, so dass man am Ende des Films eigentlich das ganze Stück mitgelesen hat. Immerhin wird dadurch viel von der Original-Geschichte bewahrt. Die größte Sünde des Films bleibt jedoch, Stummfilmstar Anna May Wong als Tiger Lily zu besetzten und sie dann völlig zu verschwenden. Sie taucht gerade mal in 2 Szenen kurz auf und hat einen einzigen Satz.

Dafür gibt es immer wieder für die Entstehungszeit grandiose Spezialeffekte. Vor allem die Darstellung von Tinkerbell (die damals in der deutschen Fassung „Glühweiße“ genannt wurde) ist sehr gelungen und auch die fliegenden Kinder sind überzeugend.

Peter Pan wird von der 17jährigen Betty Bronson mit viel Sinn für Theatralik gespielt. Bereits in den Theateraufführungen wurden gerne junge Frauen besetzt, da es für einen kleinen Jungen schlicht unmöglich ist, so viel Text zu lernen.

Nur in einer Großaufnahme irritiert es, dass man unter Peters Wams Brüste erahnen kann. Eine zeitgenössische Kritik aus der New York Times, die auszugsweise im Programmheft abgedruckt ist, meint hingegen, onduliertes Haar entdeckt zu haben, das das Geschlecht der Hauptdarstellerin verrate. Bronson hatte eine Ballett-Ausbildung, was ihr sehr zugute kam, da sie den physischen Anforderungen der Rolle gewachsen war.

Captain Hook wird mit Gusto von Charakterdarsteller Ernest Torrence gespielt, „the man you loved to hiss“, bei dem ich immer sofort an seine Rolle als Buster Keatons Vater in STEAMBOAT BILL JR. (1928) denken muss. Sein Captain Hook liest Bücher über gutes Benehmen, welches er Frauen gegenüber auch umsetzt, und benutzt einen Zigarrenhalter, mit dem er zwei Zigarren gleichzeitig rauchen kann.

Drollig sind auch die patriotischen Einschübe, die zumindest für das hiesige Publikum natürlich komisch wirken, wenn z.B. die Kinder lieber über die Planke gehen wollen, als bei Captain Hook als Schiffsjunge anzuheuern, weil dieser sich nicht den „Stars and Stripes“ verpflichtet sieht. Und kaum hat Peter Pan das Piratenschiff in seine Gewalt gebracht, wird die Piratenflagge eingeholt und die amerikanische Flagge gehisst.

Eine Überraschung war für mich eine interaktive Szene etwa zu Beginn des letzten Drittels des Films, wo Peter Pan plötzlich die vierte Wand durchbricht und sich ganz unvermittelt ans Publikum wendet und um Hilfe bittet. Tinkerbell, die Peters von Captain Hook vergiftete Medizin ausgetrunken hat, damit Peter sie nicht trinkt, liegt im Sterben. Ihr Licht wird schwächer. Es kann nur vor dem Erlöschen bewahrt werden, wenn wieder viele Kinder an Feen glauben. Peter Pan fragt das Publikum: „Glaubt ihr? Dann klatscht ganz doll in die Hände!“ Eine Aufforderung, der das Bonner Publikum gerne nachkam, und Tinkerbell konnte gerettet werden.

Der Film wurde von Elizabeth-Jane Baldry ausschließlich an der Harfe begleitet. PETER PAN, DER TRAUMELF ist ihr Lieblingsfilm, was der Grund ist, dass Festivalleiter Stefan Drößler ihn ins Programm genommen hat.

Elizabeth-Jane Baldry (Foto: Elmar Podlasly)
Franziska Kremser-Klinkertz (Foto: Elmar Podlasly)
Stefan Drößler (Foto: Elmar Podlasly)
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Samstag, 17.08.2019

von Elmar Podlasly

Am Samstag waren die Filmgötter uns nicht ganz so gewogen, denn es regnete etwas. Dementsprechend waren weit weniger Leute gekommen, als es das Programm des Abends eigentlich verdiente…

Das verbotene Paradies (Foto: Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.)

„Schnurrbartspitzen nach oben!“

DAS VERBOTENE PARADIES (Forbidden Paradise, USA 1924, R: Ernst Lubitsch)

In einem fiktiven Balkanstaat regiert Königin Katharina (Pola Negri). Sie verbringt ihre Zeit damit, in ihrem Palast haufenweise Männer zu vernaschen, während ihr Hofmarschall (Adolphe Menjou) sich um alle Abläufe diplomatisch kümmert.

Währenddessen brodelt es in ein einem anderen Teil des Landes und eine Revolution droht. Davon wird der junge Offizier Alexei Czerny (Rod La Rocque) Zeuge und macht sich auf Gedeih und Verderb auf den Weg, um seine Königin zu warnen.

Er kommt in den Palast, in dem auch seine Verlobte Anna (Pauline Starke) als Kammerzofe der Königin arbeitet, und verlangt eine Audienz. Der Hofmarschall hält ihn für verrückt und will ihn abführen lassen, doch es gelingt Alexei, bis zur Königin vorzudringen. Doch die ist weniger interessiert an dem, was er zu sagen hat, als an seinem Körper. Sie ernennt ihn zum Hauptmann ihrer Leibgarde, mit eindeutigen Hintergedanken, sehr zum Entsetzen von Anna. Der naive Idealist Alexei kann den beachtlichen Verführungskünsten der Königin nicht lange widerstehen und es kommt zum Eklat, als Anna die Königin konfrontiert. Diese lässt Anna wegen Majestätsbeleidigung einsperren, während draußen die Revolution sich immer weiter ausbreitet…

Der Film wurde erst im letzten Jahr vom New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) restauriert, davor gab es von dem Film nur Fragmente, aber keine aufführbare Fassung. Einige fehlende Teile hat man durch Szenenwiederholungen und durch digitale Rekonstruktion überbrückt, was nicht immer gut gelungen ist. Aber alle wichtigen Szenen sind vollständig und die Bildqualität ist durchweg gut. Was gibt es Schöneres, als einen verschollenen Film endlich sehen zu können, der dann alle Erwartungen erfüllt und gar übertrifft? Endlich kann man eine Lücke füllen und einen von Lubitschs besten amerikanischen Stummfilmen (wieder)sehen. Hauptdarstellerin Pola Negri gebührt ein großer Teil des Erfolgs, ihr ist einfach kein Mann gewachsen. Ernst Lubitsch, ihr Entdecker, soll es sehr gekränkt haben, dass ihr noch vor ihm der Sprung nach Hollywood gelungen ist. Leider blieb DAS VERBOTENE PARADIES die einzige amerikanische Zusammenarbeit der beiden, was angesichts dieses Films umso mehr verwundert. Ansonsten ist der Film der wahrscheinlich frivolste aller Lubitsch-Filme, wobei alles mit Andeutungen, Gesten, Blicken und Gags erzählt wird und natürlich keine nackte Haut zu sehen ist, dafür aber nach oben gezwirbelte Schnurrbart-Enden. Lubitsch schafft es, die Zuschauer erahnen und verstehen zu lassen, dass es immer nur um das Eine geht, ohne dass dieses Eine je benannt wird. Der berühmte Lubitsch-Touch eben. Mein Lieblingsgag ist ein ominöser pompöser Orden, den die Königin nur für eine ganz bestimmte Leistung zu verleihen scheint.

Wie immer bei Lubitsch spielen Türen eine große Rolle. Hier vor allem die Tür zu den Gemächern der Königin, die zwar nicht verschlossen ist, die aber trotzdem nur bestimmte Personen öffnen dürfen, und auf deren Klinke sich von außen viele erwartungsvolle Blicke richten. Nur der Hofmarschall darf durchs Schlüsselloch gucken, wovon er bereits Rückenschmerzen hat, bis die Königin ihm durch einen Vorhang den Blick versperrt. Der Großteil des Films spielt sich auf beiden Seiten dieser Tür ab, doch wenn man mal mehr vom Palast zu sehen bekommt, ist dieser geradezu lächerlich riesig und es würde ohne Schnitt ewig dauern, bis jemand seine gigantischen Hallen durchschritten hat. Der Ton des Films bleibt kontinuierlich leicht, und auch die Revolution findet ein überraschendes unblutiges Ende. Weil Lubitsch seine Figuren liebt, werden sie am Ende nicht bestraft oder geläutert. Die Königin wird nicht verheiratet und tugendhaft, sondern sie macht genau so weiter, wie es ihre Art ist. Der nächste Orden wird bereits verliehen…

Mark Pogolski, Sabrina Zimmermann (Foto: Elmar Podlasly)

Der Film wurde fantastisch begleitet von Sabrina Zimmermann an der Geige und Mark Pogolski am Flügel. Bei der Musik von Sabrina Zimmermann griff sie auf Motive ihres Vaters Aljoscha Zimmermann zurück.

Ich habe mitbekommen, dass einige Zuschauer irritiert waren, weil die deutsche Zwischentitelübersetzung, die ja hier in Bonn neben den Film projiziert wird, zum Teil deutlich von der englischen Originalversion abwich. Das kommt daher, dass die deutschen Titel hier keine Übersetzung der englischen Zwischentitel waren, sondern die originalen deutschen Zwischentitel der 20er Jahre aus der Zensurkarte.

Was ist eigentlich eine Zensurkarte?

Eine Zensurkarte, auch Zulassungskarte oder Erlaubniskarte genannt, ist ein historisches amtliches Dokument der Filmzensur. In Berlin wurde 1906 die polizeiliche Filmzensur eingeführt und jeder Film musste, um überhaupt in den Kinos vorgeführt werden zu können, bei der Polizei zur Kontrolle eingereicht werden. Die füllte die Zensurkarte aus und fügte sie jeder Filmkopie bei, als Nachweis das der Film die Zensur durchlaufen hatte. Viele dieser Karten haben die Zeit überdauert und lagern im Bundesarchiv Filmarchiv. Das Bemerkenswerte an diesen Karten und ihre Bedeutung für die Restaurierung von Filmen liegt darin, dass darauf der Text aller Zwischentitel eines Films vermerkt ist. So kann man z.B. einen Eindruck von nicht mehr existierenden Filmen gewinnen oder Unterschiede zwischen verschiedenen Fassungen erkennen. Oder, wie im Fall von DAS VERBOTENE PARADIES, die deutsche Fassung wiederherstellen, so wie sie einst in Deutschland aufgeführt wurde. Man kann eigentlich davon ausgehen, dass die meisten Zuschauer des Festivals Englisch verstehen. So eröffnet sich eine neue Rezeptionsebene, da man die beiden Fassungen miteinander vergleichen kann. Wer das ablenkend findet, kann sich nur für eine Version entscheiden. Problematisch wird es, wenn sich die Zensurkarte und die Vorführfassung stark unterscheiden. Dann muss eine Anpassung vorgenommen werden. Auch wenn Begriffe auftauchen, die einem heutigen Zuschauer nichts mehr sagen. So übersetzte man bei DAS VERBOTENE PARADIES den „Lord Chamberlain“ laut Zensurkarte damals mit einem Begriff aus dem preußischen Hofprotokoll: „Der Minister des königlichen Hauses“. Weil das aber niemandem mehr etwas sagt, entschied sich die Übersetzerin des Festivals, Andrea Kirchhartz, für den Begriff „Hofmarschall“. Ansonsten hat die alte deutsche Fassung eine sehr schöne altmodisch-blumige Sprache. Aus „Alexei had promised to meet his fiancée at eight o’clock in the Royal gardens.”

wird in der deutschen Fassung dann „Wenn der Hofdienst beendet ist und der Abend seine Schatten über die Büsche der königlichen Gärten deckt, verlangt auch die Liebe nach ihrem Recht.“

KAMPF UMS GLÜCK (FEN DOU, China 1932, Regie: Shi Dongshan)

Kampf ums Glück (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

In einem Mehrfamilienhaus wohnt unten der alte Grundschullehrer Herr Liu mit seiner Frau, darüber zwei junge Fabrikarbeiter (Zheng Junli und Yuan Congmei), die in ständigem Wettkampf miteinander stehen und obendrein beide in dasselbe Mädchen, genannt „Kleine Schwalbe“ (Yanyan Chen), verliebt sind, die mit ihrem brutalen Adoptivvater über ihnen wohnt.

Der Adoptivvater will Kleine Schwalbe für Geld an einen Mann verheiraten und schlägt sie, als sie sich verweigert. Es gelingt ihr, dem Adoptivvater zu entkommen, und Zheng und Yuan verstecken sie in ihrer Wohnung.

Wieder entbrennt ein Streit zwischen den beiden um Kleine Schwalbe. Herr Liu will schlichten, doch der Adoptivvater kommt dazwischen. Es gelingt Zheng, der „Junger Tiger“ genannt wird, mit Kleiner Schwalbe zu fliehen. Doch nicht nur der Adoptivvater, sondern auch der eifersüchtige Yuan, von Herrn Liu auf eine falsche Fährte geschickt, ist ihnen auf den Fersen. Während Herr Liu mit seiner Frau in sein Heimatdorf zurückkehrt, weil er Angst vor Yuans Rache hat, heiraten Junger Tiger und Kleine Schwalbe in einer anderen Stadt und leben glücklich zusammen, bis Yuan sie dort aufspürt. Es kommt zu einem Kampf auf Leben und Tod, der nur durch Zufall von der Polizei unterbrochen werden kann.

Die beiden kommen ins Gefängnis. Dort erfahren sie vom bevorstehenden Krieg gegen die japanischen Invasoren und Junger Tiger will sich freiwillig melden und provoziert Yuan es auch zu tun. Als Junger Tiger sich von Kleiner Schwalbe in den Fronteinsatz verabschiedet, versteht er nicht warum sie weint. Sie solle ihm doch Erfolg wünschen und fröhlich sein. Während Junger Tiger sich an der Front bewährt und Yuan geläutert den Heldentod stirbt, bleibt Kleine Schwalbe bei Herrn Liu im Dorf. Sie wartet sehnsüchtig auf seine Rückkehr und wird darüber schließlich schwer krank…

Dieser erst vor kurzem wiederentdeckte Film ist eine neue Restaurierung vom China Film Archive. Er ist deutlich besser erhalten als die meisten bisher hier in Bonn gezeigten chinesischen Stummfilme und wurde wunderbar begleitet von Stephen Horne am Flügel und Frank Bockius an den Percussioninstrumenten. Der Grund dafür, dass der Film vergessen war, liegt wahrscheinlich darin, dass es sich nicht um einen kommunistischen Film handelt, sondern einen sehr westlich orientierten. Regisseur Shi Dongshan der (laut Programmheft) im kommunistischen China politisch verfolgt wurde und sich 1955 das Leben nahm, hat sich eine Menge abgeguckt von den amerikanischen Filmen seiner Zeit, insbesondere wohl von Frank Borzages 7TH HEAVEN (USA 1927). Hinzu kommt, wenn der Held gegen Ende in den Krieg zieht, tut er das nicht unter der Flagge der Kommunisten, sondern derer der nationalchinesischen Kuomintang, wobei sich diese beiden verfeindeten Gruppen kurzzeitig vereinten, um gegen die Japaner zu kämpfen, die während des lange währenden chinesischen Bürgerkrieges (1927-1949) Teile des Landes besetzten. Davon abgesehen tut der amerikanische Einfluss dem Film sehr gut, denn zumindest in der ersten Hälfte des Films, die in dem Mietshaus spielt, besticht er durch sehr gute Kameraarbeit. Die Kamera fährt oft im Treppenhaus zwischen den Stockwerken hin und her, während die Bewohner diese hinauf oder hinab stürmen.

Eine schöne Szene ist auch, als Junger Tiger auf einem Jahrmarkt in einer Wurfbude 4 Dämonen-Figuren umwerfen will, um einen Preis für Kleine Schwalbe zu gewinnen. Es gelingt ihm, die Dämonen der Krankheit, des Krieges und des Geldes umzuwerfen, doch den Dämon der Lust will er partout nicht treffen. Eine böse Vorahnung der kommenden Szene mit Yuan.

Etwas genervt hat mich die Figur des Lehrers Liu, der einfach ständig und für jeden weise Ratschläge parat hat. Selbst als gegen Ende des Films der böse Adoptivvater wieder auftaucht und von den Männern des Dorfes verprügelt wird, rät ihm der Lehrer, erst zurückzukehren, wenn er sich geändert habe und ein besserer Mensch geworden ist, was dieser demütig annimmt und sagt, er wisse zu würdigen, was Herr Liu ihm geraten habe.

Als Kleine Schwalbe sich sorgt, ob ihr Junger Tiger wieder von der Front zurückkehren wird, erzählt er ihr, Krieg wäre gar nicht so schlimm, und dass Kugeln tapferen Soldaten ausweichen würden. Man könnte meinen, er sagt das nur, um sie zu beruhigen, aber es passt zu der völlig unkritischen Haltung des Films Krieg gegenüber. Dieser ist scheinbar nur dazu da, damit „richtige Männer“ wie Junger Tiger sich beweisen können, während die anderen an der Front sterben, so dass der Film sich letzten Endes doch als Propaganda entlarvt. Schon am Anfang des Films, wird Herr Liu eingeführt, als er zwei streitende Schüler trennt (wieder eine Vorschau auf das Verhältnis zwischen Yuan und Zheng/Junger Tiger). Junger Tiger zeigt sich dabei beeindruckt von dem einen Jungen, der den anderen verprügelt hat, weil dieser seine Familie beleidigt habe. Der Junge sei kein Feigling und kämpfe für seine Ehre. Darauf antwortet Herr Liu: „Ein Mann, der nicht kämpfen kann, findet nie einen Platz in der Welt“.

Frank Bockius (Foto: Elmar Podlasly)
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Freitag, 16.08.2019

von Elmar Podlasly

DIE GEFAHREN DER GROSSSTADT-STRASSE (Deutschland 1924, R: Toni Attenberger)

Der Film entstand in enger Zusammenarbeit mit der Münchener Polizei. Es ist kein Spielfilm, sondern ein Aufklärungs- oder Lehrfilm, der in einer lose sortierten Aneinanderreihung von Szenen eine Art Katalog von Ordnungswidrigkeiten und Verbrechen vorstellt. Der erste Teil beschäftigt sich hauptsächlich mit Problemen des modernen Stadtverkehrs. So moniert der im Festivalprogramm zitierte „Film-Kurier“ vom 15.12.1924: „[Der Film] demonstriert die Kunst, den Damm zu überqueren, eine Fähigkeit, über die die Mehrzahl unser lieben Mitmenschen, namentlich die holde Weiblichkeit und die Kinder, noch immer nicht verfügen.“ Auch wenn 1924 noch nicht so viele Autos unterwegs waren wie heute, auf den Straßen der Münchner Innenstadt tobte das Leben, wobei hier viele verschieden schnelle Verkehrsmittel und Fußgänger aufeinandertrafen. Der größte „Verkehrsstörer“ sind aber immer die Fußgänger, von denen viele Verkehrserziehung dringend nötig zu haben scheinen, zumindest aber bedarf es der Verkehrspolizei um das Chaos im Zaum zu halten. Die verschiedenen Möglichkeiten eine Straße zu überqueren werden gezeigt, aber auch wie man auf dem Gehweg um die Ecke biegt.

Besonders schön sind einige Szenen mit der Straßenbahn, etwa wie man richtig aussteigt, ohne überfahren zu werden, die mir vielleicht deshalb besonders gefallen haben, weil wir in Hamburg leider seit 1978 keine Straßenbahn mehr haben. Ein Kuriosum war die Demonstration einer lebensrettenden Vorrichtung die vorne an Straßenbahnen angebracht waren, eine Art „Kuhfänger“: War jemand auf die Schienen gestürzt, ließ der Fahrer schnell ein Gitter herunter, das den Mensch wie eine Schaufel aufnahm. Der Film rät dazu, dabei ruhig auf den Schienen liegen zu bleiben, aber die Demonstration wirkte, als ob es ohne aktive Mitarbeit des Darstellers nicht funktioniert hätte.

Überhaupt geht der Film nicht zimperlich mit seinen (größtenteils Laien-)Darstellern um. Das wird am deutlichsten in einer Sequenz über Kinder im Straßenverkehr. „Gefährliche Spiele“ wie auf fahrende Autos aufspringen, oder herannahenden Autos in letzter Sekunde ausweichen, werden in ziemlich halsbrecherisch wirkenden Bildern von echten Münchener Kindern demonstriert. Anscheinend war es damals auch normal, das zwei 5jährige Kinder alleine durch die Stadt gehen durften, für die dann der freundliche Verkehrspolizist für einen Moment den gesamten Münchener Innenstadtverkehr lahmlegt, um die Kinder sicher auf die andere Seite der Straße zu führen. Die brutalste Szene des Films geht über die bloße Demonstration von richtig und falsch hinaus. Eine Nachbarin ist genervt von einer Gruppe lärmender Kinder im Hof und scheucht sie alle raus auf die Straße zum Spielen, wo kurze Zeit später ein Junge überfahren wird. Die weinende Mutter trägt ihr totes Kind zurück auf den Hof, umringt von den anderen Kindern und die Nachbarin steht schockiert daneben. „Das habe ich doch nicht gewollt!“ Die Botschaft wird dem Zuschauer mit dem Holzhammer beigebracht, verfehlt aber ihre Wirkung nicht.

Davon abgesehen verbreitet der Film im Verkehrsteil eine leichte Stimmung, da alle Beteiligten offensichtlich großen Spaß an der Inszenierung der Unfälle und den sonstigen Verfehlungen haben. Einige gucken nicht nur ständig in die Kamera, sondern schmeißen sich mit solcher Inbrunst auf den Asphalt, dass man sich Sorgen um sie macht.

Weniger freundlich wird der Film wenn er sich den Verbrechern zuwendet. Es werden verschiedene „Bettler-Typen“ vorgestellt: Der Bedürftigkeitsbettler (der einzig legitime, der auch sein „Geschenk“, wie der Film das Almosen nennt, nur für Lebensmittel ausgibt), der Gewohnheitsbettler und schließlich der betrügerische Bettler, der z.B. eine Behinderung vortäuscht. Solche Darstellungen sind, sagen wir es mal vorsichtig, heute nicht mehr üblich, und das ist auch gut so. Spannender sind da schon die Vorführungen der Methoden von Taschendieben, wobei mich insbesondere ein Ring mit einem ausklappbaren Mini-Messer beeindruckt hat, mit dem der Dieb mit kurzen Schnitten eine Jacke aufschlitzt, um an die Brieftasche seines Opfers zu gelangen.

Unheimlich hingegen ist der „Zopfabschneider“, der heimlich Mädchen lange Zöpfe abschneidet. Was er damit vorhat, verrät uns der Film nicht.

Im letzten Teil geht es dann um Zuhälterei und Prostitution, wobei hier (leider) keine Frivolitäten dargeboten werden, sondern vielmehr eine Razzia in allen Details, die nur den Zweck hat, zu zeigen, wie toll die Polizei ist. Aber das ist natürlich auch zu erwarten, in einem Film, für dessen Dreharbeiten die Münchener Polizei ganze Einheiten abgestellt hat, die sichtlich stolz ihre Ausrüstung und Uniformen zur Schau stellen. Dabei wirken die alten Pickelhauben und die offenen Mannschaftswagen mit Holzpritschen ebenso unfreiwillig komisch, wie dass es als große Innovation verkauft wird, dass man jetzt den Polizeihund im Motorradbeiwagen schneller zum Tatort bringen kann. Oder wenn der Zwischentitel beim Stellen eines Verbrechers von „List und Tücke“ spricht, aber darunter eigentlich nur „umschubsen“ verstanden wird. Es gibt auch eine Demonstration, wie man als Passant fliehende Verbrecher „falsch“ aufhält, „richtig“ ist nur „seitlich anspringen“. Trotz der distanzlos abgefeierten Staatsgewalt hat der Film großen Spaß gemacht, woran Stephen Horne am Flügel und Frank Bockius an den Percussion-Instrumenten großen Anteil hatten.

Der Film ist auch eine Schatzkiste für Heimatkundler, da alles wirklich auf den Straßen von München und nicht im Studio gedreht wurde. Es ist schon ein wenig erstaunlich, dass der Film so erfolgreich war, dass er damals auch im Ausland gezeigt wurde. Unter anderem in der Schweiz, wo eine fast vollständige Kopie wiederentdeckt wurde, welche auch die Basis für die exzellente Restaurierung war und der Grund für die zweisprachigen Zwischentitel, französisch und deutsch..

Frank Bockius, Stephen Horne // Foto: Elmar Podlasly

DER ROTE KIMONO (The Red Kimona, USA 1925, Regie: Walter Lang & Dorothy Davenport, die im Vorspann nicht als Regisseurin genannt wird)

The Red Kimona Foto: Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.

Dorothy Davenport war eine Schauspielerin aus der Stummfilmzeit, die mit dem großen Hollywood-Star Wallace Reid verheiratet war, der 1923 im Alter von nur 31 Jahren starb. Er gilt als einer von Hollywoods ersten Drogentoten, wobei es sich bei seiner Morphiumsucht wohl um die Folgen einer falschen medizinischen Behandlung handelte und nicht um Party-Exzesse. Dorothy Davenport war jedenfalls durch den Tod ihres Mannes so erschüttert, dass sie sich fortan dem Kampf gegen die Laster der Menschheit verschrieben und sich als Produzentin und Regisseurin etabliert hat. DER ROTE KIMONO beginnt mit Davenport, hier „Mrs. Wallace Reid“ genannt, die der Authentizität der Geschichte Nachdruck zu verleihen sucht, indem sie direkt das Publikum anblickt und „anspricht“(natürlich nur über die Zwischentitel) und den angeblich wahren Fall anhand von alten Zeitungsberichten vorstellt…

1917: Gabrielle Darley (Priscilla Bonner) ist eine junge Prostituierte in New Orleans, die herausfindet, dass ihr geliebter Verlobter, der ihr Zuhälter ist, eine andere Frau heiraten will. Sie stellt ihn beim Juwelier, wo er die Eheringe aussucht, und erschießt ihn im Affekt. Während der Gerichtsverhandlung erfahren wir als Rückblende, wie sie der Zuhälter aus ärmlichen Verhältnissen und einem wenig liebevollen Elternhaus weggelockt und zur Prostitution gezwungen hat. Wir erleben ihren Ekel vor den Freiern und ihre Verzweiflung. Dabei spielt der titelgebende rote Kimono eine besondere Rolle, da er das Symbol ihrer Schande ist. In einer der visuell stärksten Szenen des Films betrachtet Gabrielle sich im Spiegel und sieht sich in einem Hochzeitskleid, doch die Vision weicht jäh der Realität, denn sie trägt ihre „Arbeitskleidung“, den roten Kimono, der als besonders dramatischer Effekt handkoloriert in roter Farbe leuchtet.

Überraschenderweise sprechen die Geschworenen, natürlich nur Männer, sie frei.

Gabrielle möchte nun Krankenschwester werden, um sich dadurch von ihren Sünden reinzuwaschen. Diese Pläne durchkreuzt eine nach Aufmerksamkeit gierende Society-Lady, die Gabrielle bei sich aufnimmt, um sich mit ihrer durch den Fall gewonnen Prominenz zu profilieren. Gabrielle wird nun als neues Spielzeug der High Society auf Partys vorgeführt und schamlos ausgenutzt. Lediglich der Chauffeur Freddy (Theodore von Eltz) meint es gut mit ihr. Die beiden verlieben sich ineinander. Doch während Freddy mit der Chefin auf Reisen ist, wird Gabrielle vor die Tür gesetzt. Sie versucht verzweifelt ihren ursprünglichen Plan wieder aufzunehmen, doch beim Vorstellungsgespräch erkennt sie der Krankenhausdirektor aus der Zeitung wieder. Hier kommt wieder die rote Einfärbung zum Einsatz, als ein glühend rotes „A“ der Schande auf Gabrielle erscheint, frei nach Nathaniel Hawthorne. Sie ist gebrandmarkt. Hungrig und verzweifelt macht sie sich auf den Weg zurück nach New Orleans, um wieder als Prostituierte zu arbeiten. Doch Freddy, der von ihrem Vorleben weiß, ist ihr dicht auf den Fersen, um sie zu retten. Doch wird er sie rechtzeitig finden? Dann kommt auch noch die Nachricht vom Kriegseintritt der USA…

Die Geschichte vom „gefallenem Mädchen“ ist weder neu noch originell und war es auch schon 1925 nicht. Trotzdem hat mich der Film im Bann gehalten. Hauptdarstellerin Priscilla Bonner hat so schöne große traurige Augen, die man in vielen Großaufnahmen bestaunen kann. Abgesehen von dem Gott sei Dank nur sparsam eingesetzten Farbeffekt, der obendrein nicht sehr gut gelungen ist und mir etwas zu sehr als „Gimmick“ erschien, findet der Film immer wieder ziemlich treffende Bilder, wo einfach aber klar erzählt wird. Zum Beispiel wenn Gabrielle ihre zukünftigen Freier nur als Schatten am Fenster sieht, man aber sofort begreift, dass es sich nicht um angenehme Zeitgenossen handelt. Auch hat mir gefallen, dass die Zwischentitel stets auf der Seite der Protagonistin waren und sich spöttisch-sarkastisch über ihre Peiniger äußern.

Der Film wurde sehr schön am Flügel begleitet vom Sommerkino-Urgestein Joachim Bärenz, der hier voll in seinem Element war.

Übrigens: Die echte Gabrielle Darley führte zur Zeit der Veröffentlichung des Films mittlerweile ein angeblich unbescholtenes bürgerliches Leben und war alles andere als begeistert, dass der Film, noch dazu mit ihrem richtigen Namen, ihr Vorleben wieder ans Licht holte. Sie verklagte die Produzenten, sprich: Dorothy Davenport, und gewann. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass es ein Recht auf Privatsphäre gibt. Das Urteil ist in den USA ein heute noch zitierter Präzedenzfall. Die wahre Geschichte der Gabrielle Darley war aber nicht so, wie im Film dargestellt. Wie man hier nachlesen kann, war sie nicht nur Prostituierte, sondern führte selber ein Bordell und es sind im Laufe der Zeit nicht nur einer, sondern 5 Männer in ihrem Leben auf mysteriöse Weise gestorben, wobei sie mit 4 davon verheiratet war…

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