Freitag, 16.08.2019

von Elmar Podlasly

DIE GEFAHREN DER GROSSSTADT-STRASSE (Deutschland 1924, R: Toni Attenberger)

Der Film entstand in enger Zusammenarbeit mit der Münchener Polizei. Es ist kein Spielfilm, sondern ein Aufklärungs- oder Lehrfilm, der in einer lose sortierten Aneinanderreihung von Szenen eine Art Katalog von Ordnungswidrigkeiten und Verbrechen vorstellt. Der erste Teil beschäftigt sich hauptsächlich mit Problemen des modernen Stadtverkehrs. So moniert der im Festivalprogramm zitierte „Film-Kurier“ vom 15.12.1924: „[Der Film] demonstriert die Kunst, den Damm zu überqueren, eine Fähigkeit, über die die Mehrzahl unser lieben Mitmenschen, namentlich die holde Weiblichkeit und die Kinder, noch immer nicht verfügen.“ Auch wenn 1924 noch nicht so viele Autos unterwegs waren wie heute, auf den Straßen der Münchner Innenstadt tobte das Leben, wobei hier viele verschieden schnelle Verkehrsmittel und Fußgänger aufeinandertrafen. Der größte „Verkehrsstörer“ sind aber immer die Fußgänger, von denen viele Verkehrserziehung dringend nötig zu haben scheinen, zumindest aber bedarf es der Verkehrspolizei um das Chaos im Zaum zu halten. Die verschiedenen Möglichkeiten eine Straße zu überqueren werden gezeigt, aber auch wie man auf dem Gehweg um die Ecke biegt.

Besonders schön sind einige Szenen mit der Straßenbahn, etwa wie man richtig aussteigt, ohne überfahren zu werden, die mir vielleicht deshalb besonders gefallen haben, weil wir in Hamburg leider seit 1978 keine Straßenbahn mehr haben. Ein Kuriosum war die Demonstration einer lebensrettenden Vorrichtung die vorne an Straßenbahnen angebracht waren, eine Art „Kuhfänger“: War jemand auf die Schienen gestürzt, ließ der Fahrer schnell ein Gitter herunter, das den Mensch wie eine Schaufel aufnahm. Der Film rät dazu, dabei ruhig auf den Schienen liegen zu bleiben, aber die Demonstration wirkte, als ob es ohne aktive Mitarbeit des Darstellers nicht funktioniert hätte.

Überhaupt geht der Film nicht zimperlich mit seinen (größtenteils Laien-)Darstellern um. Das wird am deutlichsten in einer Sequenz über Kinder im Straßenverkehr. „Gefährliche Spiele“ wie auf fahrende Autos aufspringen, oder herannahenden Autos in letzter Sekunde ausweichen, werden in ziemlich halsbrecherisch wirkenden Bildern von echten Münchener Kindern demonstriert. Anscheinend war es damals auch normal, das zwei 5jährige Kinder alleine durch die Stadt gehen durften, für die dann der freundliche Verkehrspolizist für einen Moment den gesamten Münchener Innenstadtverkehr lahmlegt, um die Kinder sicher auf die andere Seite der Straße zu führen. Die brutalste Szene des Films geht über die bloße Demonstration von richtig und falsch hinaus. Eine Nachbarin ist genervt von einer Gruppe lärmender Kinder im Hof und scheucht sie alle raus auf die Straße zum Spielen, wo kurze Zeit später ein Junge überfahren wird. Die weinende Mutter trägt ihr totes Kind zurück auf den Hof, umringt von den anderen Kindern und die Nachbarin steht schockiert daneben. „Das habe ich doch nicht gewollt!“ Die Botschaft wird dem Zuschauer mit dem Holzhammer beigebracht, verfehlt aber ihre Wirkung nicht.

Davon abgesehen verbreitet der Film im Verkehrsteil eine leichte Stimmung, da alle Beteiligten offensichtlich großen Spaß an der Inszenierung der Unfälle und den sonstigen Verfehlungen haben. Einige gucken nicht nur ständig in die Kamera, sondern schmeißen sich mit solcher Inbrunst auf den Asphalt, dass man sich Sorgen um sie macht.

Weniger freundlich wird der Film wenn er sich den Verbrechern zuwendet. Es werden verschiedene „Bettler-Typen“ vorgestellt: Der Bedürftigkeitsbettler (der einzig legitime, der auch sein „Geschenk“, wie der Film das Almosen nennt, nur für Lebensmittel ausgibt), der Gewohnheitsbettler und schließlich der betrügerische Bettler, der z.B. eine Behinderung vortäuscht. Solche Darstellungen sind, sagen wir es mal vorsichtig, heute nicht mehr üblich, und das ist auch gut so. Spannender sind da schon die Vorführungen der Methoden von Taschendieben, wobei mich insbesondere ein Ring mit einem ausklappbaren Mini-Messer beeindruckt hat, mit dem der Dieb mit kurzen Schnitten eine Jacke aufschlitzt, um an die Brieftasche seines Opfers zu gelangen.

Unheimlich hingegen ist der „Zopfabschneider“, der heimlich Mädchen lange Zöpfe abschneidet. Was er damit vorhat, verrät uns der Film nicht.

Im letzten Teil geht es dann um Zuhälterei und Prostitution, wobei hier (leider) keine Frivolitäten dargeboten werden, sondern vielmehr eine Razzia in allen Details, die nur den Zweck hat, zu zeigen, wie toll die Polizei ist. Aber das ist natürlich auch zu erwarten, in einem Film, für dessen Dreharbeiten die Münchener Polizei ganze Einheiten abgestellt hat, die sichtlich stolz ihre Ausrüstung und Uniformen zur Schau stellen. Dabei wirken die alten Pickelhauben und die offenen Mannschaftswagen mit Holzpritschen ebenso unfreiwillig komisch, wie dass es als große Innovation verkauft wird, dass man jetzt den Polizeihund im Motorradbeiwagen schneller zum Tatort bringen kann. Oder wenn der Zwischentitel beim Stellen eines Verbrechers von „List und Tücke“ spricht, aber darunter eigentlich nur „umschubsen“ verstanden wird. Es gibt auch eine Demonstration, wie man als Passant fliehende Verbrecher „falsch“ aufhält, „richtig“ ist nur „seitlich anspringen“. Trotz der distanzlos abgefeierten Staatsgewalt hat der Film großen Spaß gemacht, woran Stephen Horne am Flügel und Frank Bockius an den Percussion-Instrumenten großen Anteil hatten.

Der Film ist auch eine Schatzkiste für Heimatkundler, da alles wirklich auf den Straßen von München und nicht im Studio gedreht wurde. Es ist schon ein wenig erstaunlich, dass der Film so erfolgreich war, dass er damals auch im Ausland gezeigt wurde. Unter anderem in der Schweiz, wo eine fast vollständige Kopie wiederentdeckt wurde, welche auch die Basis für die exzellente Restaurierung war und der Grund für die zweisprachigen Zwischentitel, französisch und deutsch..

Frank Bockius, Stephen Horne // Foto: Elmar Podlasly

DER ROTE KIMONO (The Red Kimona, USA 1925, Regie: Walter Lang & Dorothy Davenport, die im Vorspann nicht als Regisseurin genannt wird)

The Red Kimona Foto: Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.

Dorothy Davenport war eine Schauspielerin aus der Stummfilmzeit, die mit dem großen Hollywood-Star Wallace Reid verheiratet war, der 1923 im Alter von nur 31 Jahren starb. Er gilt als einer von Hollywoods ersten Drogentoten, wobei es sich bei seiner Morphiumsucht wohl um die Folgen einer falschen medizinischen Behandlung handelte und nicht um Party-Exzesse. Dorothy Davenport war jedenfalls durch den Tod ihres Mannes so erschüttert, dass sie sich fortan dem Kampf gegen die Laster der Menschheit verschrieben und sich als Produzentin und Regisseurin etabliert hat. DER ROTE KIMONO beginnt mit Davenport, hier „Mrs. Wallace Reid“ genannt, die der Authentizität der Geschichte Nachdruck zu verleihen sucht, indem sie direkt das Publikum anblickt und „anspricht“(natürlich nur über die Zwischentitel) und den angeblich wahren Fall anhand von alten Zeitungsberichten vorstellt…

1917: Gabrielle Darley (Priscilla Bonner) ist eine junge Prostituierte in New Orleans, die herausfindet, dass ihr geliebter Verlobter, der ihr Zuhälter ist, eine andere Frau heiraten will. Sie stellt ihn beim Juwelier, wo er die Eheringe aussucht, und erschießt ihn im Affekt. Während der Gerichtsverhandlung erfahren wir als Rückblende, wie sie der Zuhälter aus ärmlichen Verhältnissen und einem wenig liebevollen Elternhaus weggelockt und zur Prostitution gezwungen hat. Wir erleben ihren Ekel vor den Freiern und ihre Verzweiflung. Dabei spielt der titelgebende rote Kimono eine besondere Rolle, da er das Symbol ihrer Schande ist. In einer der visuell stärksten Szenen des Films betrachtet Gabrielle sich im Spiegel und sieht sich in einem Hochzeitskleid, doch die Vision weicht jäh der Realität, denn sie trägt ihre „Arbeitskleidung“, den roten Kimono, der als besonders dramatischer Effekt handkoloriert in roter Farbe leuchtet.

Überraschenderweise sprechen die Geschworenen, natürlich nur Männer, sie frei.

Gabrielle möchte nun Krankenschwester werden, um sich dadurch von ihren Sünden reinzuwaschen. Diese Pläne durchkreuzt eine nach Aufmerksamkeit gierende Society-Lady, die Gabrielle bei sich aufnimmt, um sich mit ihrer durch den Fall gewonnen Prominenz zu profilieren. Gabrielle wird nun als neues Spielzeug der High Society auf Partys vorgeführt und schamlos ausgenutzt. Lediglich der Chauffeur Freddy (Theodore von Eltz) meint es gut mit ihr. Die beiden verlieben sich ineinander. Doch während Freddy mit der Chefin auf Reisen ist, wird Gabrielle vor die Tür gesetzt. Sie versucht verzweifelt ihren ursprünglichen Plan wieder aufzunehmen, doch beim Vorstellungsgespräch erkennt sie der Krankenhausdirektor aus der Zeitung wieder. Hier kommt wieder die rote Einfärbung zum Einsatz, als ein glühend rotes „A“ der Schande auf Gabrielle erscheint, frei nach Nathaniel Hawthorne. Sie ist gebrandmarkt. Hungrig und verzweifelt macht sie sich auf den Weg zurück nach New Orleans, um wieder als Prostituierte zu arbeiten. Doch Freddy, der von ihrem Vorleben weiß, ist ihr dicht auf den Fersen, um sie zu retten. Doch wird er sie rechtzeitig finden? Dann kommt auch noch die Nachricht vom Kriegseintritt der USA…

Die Geschichte vom „gefallenem Mädchen“ ist weder neu noch originell und war es auch schon 1925 nicht. Trotzdem hat mich der Film im Bann gehalten. Hauptdarstellerin Priscilla Bonner hat so schöne große traurige Augen, die man in vielen Großaufnahmen bestaunen kann. Abgesehen von dem Gott sei Dank nur sparsam eingesetzten Farbeffekt, der obendrein nicht sehr gut gelungen ist und mir etwas zu sehr als „Gimmick“ erschien, findet der Film immer wieder ziemlich treffende Bilder, wo einfach aber klar erzählt wird. Zum Beispiel wenn Gabrielle ihre zukünftigen Freier nur als Schatten am Fenster sieht, man aber sofort begreift, dass es sich nicht um angenehme Zeitgenossen handelt. Auch hat mir gefallen, dass die Zwischentitel stets auf der Seite der Protagonistin waren und sich spöttisch-sarkastisch über ihre Peiniger äußern.

Der Film wurde sehr schön am Flügel begleitet vom Sommerkino-Urgestein Joachim Bärenz, der hier voll in seinem Element war.

Übrigens: Die echte Gabrielle Darley führte zur Zeit der Veröffentlichung des Films mittlerweile ein angeblich unbescholtenes bürgerliches Leben und war alles andere als begeistert, dass der Film, noch dazu mit ihrem richtigen Namen, ihr Vorleben wieder ans Licht holte. Sie verklagte die Produzenten, sprich: Dorothy Davenport, und gewann. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass es ein Recht auf Privatsphäre gibt. Das Urteil ist in den USA ein heute noch zitierter Präzedenzfall. Die wahre Geschichte der Gabrielle Darley war aber nicht so, wie im Film dargestellt. Wie man hier nachlesen kann, war sie nicht nur Prostituierte, sondern führte selber ein Bordell und es sind im Laufe der Zeit nicht nur einer, sondern 5 Männer in ihrem Leben auf mysteriöse Weise gestorben, wobei sie mit 4 davon verheiratet war…

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