Samstag , der 24.08.2019

von Elmar Podlasly

DIE LICHTER DES BROADWAY (LIGHTS OF OLD BROADWAY, USA 1925, Regie: Monta Bell)

Die Lichter des Broadway, Marion Davies (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Die verwaisten Zwillinge Fely und Anne werden als Babys getrennt. Beide werden in New York adoptiert. Anne kommt bei der bei der reichen Bankiersfamilie de Rhonde unter, Fely bei einer armen irischen Familie, den O’Tandys. 1882, etwa 20 Jahre später, spielt Marion Davies beide Frauen. Die burschikose Fely ist Tänzerin an einem Varieté-Theater, wo ihr Annes Adoptivbruder Dirk (Conrad Nagel) begegnet, der sich in sie verliebt. Doch der Vater von Dirk und Anne ist Bankdirektor Lambert de Rhonde (Frank Currier), der mit der Verbindung überhaupt nicht einverstanden ist. Es kommt zum Bruch zwischen Vater und Sohn und Dirk zieht zu den O’Tandys in den Slum. Dumm nur, dass Vater de Rhonde im Besitz des Landes ist, auf dem die irischen Familien leben und sie ihm schon lange ein Dorn im Auge sind. Er stellt Dirk vor die Wahl: Entweder er verlässt Fely und kehrt zu den de Rhondes zurück, oder das Gebiet wird geräumt und die Hütten abgerissen. Währenddessen bereitet Thomas Alva Edison (J. Frank Glendon), für den Dirk arbeitet, die erste elektrische Straßenbeleuchtung von Manhattan vor. Ein Experiment an das wenige zu glauben scheinen. Eine Gruppe radikaler Iren will die Dunkelheit, nachdem das Gaslicht abgedreht wird, nutzen, um de Rhonde Sr. zu ermorden…

Hauptdarstellerin Marion Davies war viele Jahre die Geliebte des Zeitungs-Tycoons William Randolph Hearst, der auch stets versucht hat, ihre Karriere zu fördern. Deswegen wird allgemein angenommen, dass sie das Vorbild war für die Figur der talentlosen Opernsängerin Susan Alexander in Orson Welles filmischer Abrechnung mit Hearst, CITIZEN KANE (1939). Welles hat dies aber mehrfach bestritten. Die Figur basiert eher auf Ganna Walska. Da LIGHTS OF OLD BROADWAY sehr erfolgreich war und Marion Davies als feste Größe auf der Leinwand etablierte, hätte sie zumindest zu der Zeit auch keine Hilfe bezüglich ihrer Karriere nötig gehabt. Außerdem ist sie alles andere als talentlos, was sie hier eindrucksvoll unter Beweis stellt. Als Komödiantin ist sie hervorragend, was sie in der Rolle der Fely ausführlich zeigen kann.

Komödiantischer Höhepunkt ist eine Sequenz, in der Fely es schafft, auf einer feinen Gesellschaft im Hause der de Rhondes so ziemlich in jedes mögliche Fettnäpfchen zu treten und dabei noch versehentlich Teile der Einrichtung zu zerstören. Leider ist der Zwillingsplot im Film eigentlich völlig überflüssig und dient vermutlich nur dazu, dass Marion Davies Gelegenheit hat, noch einen anderen Charakter darzustellen. Denn eigentlich hätte es für den Culture-Clash „reiche Bankiersfamilie vs. arme irische Familie“ ausgereicht, dass sie sich in de Rhonde Jr. verliebt. Auch entsteht dadurch die etwas anrüchige Situation, dass Dirk im Grunde scharf auf eine Frau ist, die bis auf die Haarfarbe ein Ebenbild seiner Schwester ist, was der Film aber ignoriert und nicht auslotet. Dann bedient sich der Film einer solchen Masse an Klischees und Vorurteilen gegenüber der irisch-stämmigen Bevölkerung New Yorks, dass man nur hoffen kann, dass diese seinerzeit genug Humor hatte, sich nicht dadurch herabgesetzt zu fühlen. Ansonsten setzt der Film voll auf nostalgische Gefühle der Zuschauer. Er bezieht sich ja auf reale Ereignisse, die zur Entstehungszeit nur etwas mehr als 40 Jahre zurücklagen und sicher noch vielen Kinobesuchern sehr präsent waren. Zwischen uns modernen Zuschauern und der Entstehungszeit des Films wiederum liegen nun mehr als doppelt so viele Jahre. Der Film ist gespickt mit humorvollen Anspielungen auf die Persönlichkeiten der porträtierten Periode. Der spätere US-Präsident Teddy Roosevelt taucht als kleiner Junge auf, der seinem Vater sein hervorragendes Schulzeugnis präsentiert, nur mit einer schlechten Note in Betragen. Zwei Jungs passen den Direktor des Varieté-Theaters ab, um ihm ihre Nummer zu präsentieren, aber er sagt ihnen, sie sollen wiederkommen, wenn sie erwachsen sind. Die beiden sind Weber & Fields, die einige Jahre später ein sehr erfolgreiches Comedy-Team am Broadway wurden.

Der Film enthält zwei frühe Technicolorszenen (hergestellt im „two-strip“-Verfahren), die in der restaurierten Kopie die hier gezeigt wurde, sehr gut zur Geltung kamen. Die erste Sequenz ist eine Tanznummer mit Fely im Varieté-Theater und nicht allzu spektakulär. Die zweite ist hingegen dramaturgisch sehr effektvoll eingesetzt: Nachdem in Manhattan das Gaslicht abgedreht wird, damit Edison als Experiment den Stadtteil nur mit elektrischem Licht beleuchten kann, wofür er den Strom selber mit seinem kleinen Kraftwerk produziert (wirklich so geschehen im September 1882), ist nach einem kurzem Moment verdunkelter Leinwand das plötzlich hell erleuchtete Manhattan farbig, im Mittelpunkt des Bildes eine gigantische amerikanische Flagge. Damit nicht genug, entlarvt das helle Licht die Bande der irischen Attentäter, die de Rhonde Sr. nach dem Leben trachten und alle knallrote Kapuzen tragen. Das Licht vertreibt sie. Insgesamt schlägt der Film selten leise Töne an und setzt oft auf durchaus derben Humor. Vielleicht ist mir deswegen eine winzige Szene besonders im Gedächtnis geblieben. Als der Laternenanzünder, der nicht an einen erfolgreichen Ausgang von Edisons Experiment geglaubt hat, die hell erleuchteten Straßen sieht, weiß er, dass seine Zeit vorbei ist und verkrümelt sich wortlos und mit gesenktem Kopf.

Günter Buchwald begleitete den Film hervorragend am Flügel und der Geige und ließ irische Volkslieder und patriotische amerikanische Melodien mit einfließen.

Günter A. Buchwald (Foto: Elmar Podlasly)

TRAGÖDIE IM ZIRKUS ROYAL (Deutschland 1928, Regie Alfred Lind)

Tragödie im Zirkus Royal (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Ein Artistenquartett eröffnet mit einer groß angekündigten neuen Nummer im Zirkus Royal, einem erstklassigen Varieté-Theater. Die Truppe besteht aus der schönen Ziska (Ellen Kürty), Frank (Werner Pittschau), dem Frauenhelden, in den Ziska heimlich verliebt ist, sowie Armand (Carl Auen), der wiederum unsterblich in Ziska verliebt ist und schließlich Atto (Siegfried Arno), der Älteste, der die Truppe zusammenhält. Nach der erfolgreichen Premiere gesteht Armand Ziska seine Liebe, die ihn abweist. Zu Tode betrübt begeht Armand am nächsten Abend Selbstmord, indem er sich beim Hochseilakt in die Manege fallen lässt. Eifersucht unter Artisten endet anscheinend immer mit einem Sturz von der Kuppel. Ziska ist traumatisiert und es findet sich auch kein verlässlicher Ersatz für Armand, so dass die Truppe schnell aus der A-Liga der Artisten zum abgehalfterten Jahrmarktszirkus Saltarelli wechselt. Die Direktorin (Helene von Bolváry) ist scharf auf Frank und will Ziska deswegen am liebsten aus dem Weg haben. Da taucht der unheimliche Dr. Magirus (Bernhard Goetzke, „der Tod“ aus Fritz Langs DER MÜDE TOD, 1921) auf und macht Ziska ein seltsames Geschenk. Er hat einen „radio-mechanischen Menschen“ erfunden, eine lebensgroße Puppe, die durch einen Apparat ferngesteuert in der Lage ist, komplexe Bewegungen auszuführen und ideal dazu geeignet scheint, Armand zu ersetzen. Begeistert nimmt Ziska das Geschenk an, doch Dr. Magirus hat Hintergedanken. Er ist besessen von Ziska und besteht darauf, dass nur er in der Lage ist, seine Erfindung richtig zu steuern, womit er Ziska an sich binden will…

Zirkusfilme hatten während der Stummfilmzeit und nicht erst nach dem Erfolg von VARIETÉ (1925) Konjunktur. Der aus Dänemark stammende Regisseur Alfred Lind galt als Zirkusfilm-Experte, er hatte bereits 1911 den Urvater aller Artistenfilme und einen der frühen dänischen Welterfolge DIE VIER TEUFEL gedreht (Murnaus THE FOUR DEVILS von 1928 ist ein Remake davon). Hier mischt er dem Zirkusplot hier ein paar Horror- und Sci-Fi-Elemente bei, wobei er mit diesen leider so gar nichts anzufangen weiß. Die Tradition, dass die Artisten sich am Trapez möglichst furchterregend verkleiden müssen, hatte Lind bereits in DIE VIER TEUFEL geschaffen und knüpft hier daran an. Der radio-mechanische Mensch im Totenkopf-Kostüm ist aber kein Golem, nicht mal ein Golemchen, denn ohne die Fernsteuerung ist er harmlos und er wird leider auch nicht zu mehr genutzt als zu öden Hochseilnummern. Man erwartet, dass vielleicht der Blitz in die Fernbedienung einschlagen könnte und der Roboter Amok läuft, oder dass Magirus später seine Kreation für seine Rache nutzt – aber nichts dergleichen passiert. Die Schauwerte des Films liegen woanders. Da ist die ungeheure Leinwandpräsenz Goetzkes, dessen Dr. Magirus sich aber schnell ins Lächerliche verkehrt, da man seine Besessenheit von der ziemlich unscheinbaren Ziska nicht nachvollziehen kann. Das Drehbuch mag ihr eine besondere Ausstrahlung zugeschrieben haben, der Zuschauer merkt davon nichts. Außerdem scheint die Bedienung des radio-mechanischen Menschen dann doch super einfach zu sein, da Atto sie später in wenigen Augenblicken drauf hat, was Magirus Plan noch absurder erscheinen lässt. Die einzig gute Charakterisierung des Films zeigt Sigi Arno in einer für ihn ungewöhnlichen Rolle. Er ist zwar der Clown der Truppe, wobei leider auch seine Nummer nicht sonderlich gut ist, aber außerhalb der Manege ist er die Vaterfigur für die anderen und der einzig Vernünftige. Eine leicht amüsante Einlage gibt er nur, wenn er die Tiere füttert und mit ihnen interagiert. Die Tierszenen im Film sind ziemlich gut gelungen, wenn auch fast ausschließlich reißerisch angelegt. Die Tiere sind es, die die Bösewichter während eines Sturms besiegen: Dr. Magirus wird von einer Würgeschlange und einem Tiger angegriffen, während die böse Zirkusdirektorin von einem echten Bären (der zwar nicht sehr bedrohlich wirkt, aber ausnahmsweise mal kein Typ im Bärenkostüm ist) einen Fabrikschornstein hochgejagt wird.

Von einigen überlangen Zirkusnummern abgesehen war der Film aber alles andere als langweilig und schwankte zwischen seltsamen Einfällen und schrägem Schund, was ich sehr liebenswert finde und viel Freude daran hatte. Ich kann aber voll und ganz verstehen, warum der Film damals nach nur kurzem Kinoeinsatz schnell vergessen wurde. Richard Siedhoffs improvisierte Musikbegleitung am Flügel hob besonders die spannenden Szenen sehr gut hervor. Für die Rekonstruktion des Films durch das Bundesarchiv wurden zwei verschiedene Kopien benutzt, wobei eine davon englische Zwischentitel hatte, die von Andrea Kirchhartz unter Zuhilfenahme der Zensurkarte übersetzt wurden. Die Bildqualität war nicht überragend, aber sehr gut guckbar.

Mit besonderem Dank für sachdienliche Hinweise bzgl. des Zirkusfilm-Genres an Andrea Kirchhartz.

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Freitag, 16.08.2019

von Elmar Podlasly

DIE GEFAHREN DER GROSSSTADT-STRASSE (Deutschland 1924, R: Toni Attenberger)

Der Film entstand in enger Zusammenarbeit mit der Münchener Polizei. Es ist kein Spielfilm, sondern ein Aufklärungs- oder Lehrfilm, der in einer lose sortierten Aneinanderreihung von Szenen eine Art Katalog von Ordnungswidrigkeiten und Verbrechen vorstellt. Der erste Teil beschäftigt sich hauptsächlich mit Problemen des modernen Stadtverkehrs. So moniert der im Festivalprogramm zitierte „Film-Kurier“ vom 15.12.1924: „[Der Film] demonstriert die Kunst, den Damm zu überqueren, eine Fähigkeit, über die die Mehrzahl unser lieben Mitmenschen, namentlich die holde Weiblichkeit und die Kinder, noch immer nicht verfügen.“ Auch wenn 1924 noch nicht so viele Autos unterwegs waren wie heute, auf den Straßen der Münchner Innenstadt tobte das Leben, wobei hier viele verschieden schnelle Verkehrsmittel und Fußgänger aufeinandertrafen. Der größte „Verkehrsstörer“ sind aber immer die Fußgänger, von denen viele Verkehrserziehung dringend nötig zu haben scheinen, zumindest aber bedarf es der Verkehrspolizei um das Chaos im Zaum zu halten. Die verschiedenen Möglichkeiten eine Straße zu überqueren werden gezeigt, aber auch wie man auf dem Gehweg um die Ecke biegt.

Besonders schön sind einige Szenen mit der Straßenbahn, etwa wie man richtig aussteigt, ohne überfahren zu werden, die mir vielleicht deshalb besonders gefallen haben, weil wir in Hamburg leider seit 1978 keine Straßenbahn mehr haben. Ein Kuriosum war die Demonstration einer lebensrettenden Vorrichtung die vorne an Straßenbahnen angebracht waren, eine Art „Kuhfänger“: War jemand auf die Schienen gestürzt, ließ der Fahrer schnell ein Gitter herunter, das den Mensch wie eine Schaufel aufnahm. Der Film rät dazu, dabei ruhig auf den Schienen liegen zu bleiben, aber die Demonstration wirkte, als ob es ohne aktive Mitarbeit des Darstellers nicht funktioniert hätte.

Überhaupt geht der Film nicht zimperlich mit seinen (größtenteils Laien-)Darstellern um. Das wird am deutlichsten in einer Sequenz über Kinder im Straßenverkehr. „Gefährliche Spiele“ wie auf fahrende Autos aufspringen, oder herannahenden Autos in letzter Sekunde ausweichen, werden in ziemlich halsbrecherisch wirkenden Bildern von echten Münchener Kindern demonstriert. Anscheinend war es damals auch normal, das zwei 5jährige Kinder alleine durch die Stadt gehen durften, für die dann der freundliche Verkehrspolizist für einen Moment den gesamten Münchener Innenstadtverkehr lahmlegt, um die Kinder sicher auf die andere Seite der Straße zu führen. Die brutalste Szene des Films geht über die bloße Demonstration von richtig und falsch hinaus. Eine Nachbarin ist genervt von einer Gruppe lärmender Kinder im Hof und scheucht sie alle raus auf die Straße zum Spielen, wo kurze Zeit später ein Junge überfahren wird. Die weinende Mutter trägt ihr totes Kind zurück auf den Hof, umringt von den anderen Kindern und die Nachbarin steht schockiert daneben. „Das habe ich doch nicht gewollt!“ Die Botschaft wird dem Zuschauer mit dem Holzhammer beigebracht, verfehlt aber ihre Wirkung nicht.

Davon abgesehen verbreitet der Film im Verkehrsteil eine leichte Stimmung, da alle Beteiligten offensichtlich großen Spaß an der Inszenierung der Unfälle und den sonstigen Verfehlungen haben. Einige gucken nicht nur ständig in die Kamera, sondern schmeißen sich mit solcher Inbrunst auf den Asphalt, dass man sich Sorgen um sie macht.

Weniger freundlich wird der Film wenn er sich den Verbrechern zuwendet. Es werden verschiedene „Bettler-Typen“ vorgestellt: Der Bedürftigkeitsbettler (der einzig legitime, der auch sein „Geschenk“, wie der Film das Almosen nennt, nur für Lebensmittel ausgibt), der Gewohnheitsbettler und schließlich der betrügerische Bettler, der z.B. eine Behinderung vortäuscht. Solche Darstellungen sind, sagen wir es mal vorsichtig, heute nicht mehr üblich, und das ist auch gut so. Spannender sind da schon die Vorführungen der Methoden von Taschendieben, wobei mich insbesondere ein Ring mit einem ausklappbaren Mini-Messer beeindruckt hat, mit dem der Dieb mit kurzen Schnitten eine Jacke aufschlitzt, um an die Brieftasche seines Opfers zu gelangen.

Unheimlich hingegen ist der „Zopfabschneider“, der heimlich Mädchen lange Zöpfe abschneidet. Was er damit vorhat, verrät uns der Film nicht.

Im letzten Teil geht es dann um Zuhälterei und Prostitution, wobei hier (leider) keine Frivolitäten dargeboten werden, sondern vielmehr eine Razzia in allen Details, die nur den Zweck hat, zu zeigen, wie toll die Polizei ist. Aber das ist natürlich auch zu erwarten, in einem Film, für dessen Dreharbeiten die Münchener Polizei ganze Einheiten abgestellt hat, die sichtlich stolz ihre Ausrüstung und Uniformen zur Schau stellen. Dabei wirken die alten Pickelhauben und die offenen Mannschaftswagen mit Holzpritschen ebenso unfreiwillig komisch, wie dass es als große Innovation verkauft wird, dass man jetzt den Polizeihund im Motorradbeiwagen schneller zum Tatort bringen kann. Oder wenn der Zwischentitel beim Stellen eines Verbrechers von „List und Tücke“ spricht, aber darunter eigentlich nur „umschubsen“ verstanden wird. Es gibt auch eine Demonstration, wie man als Passant fliehende Verbrecher „falsch“ aufhält, „richtig“ ist nur „seitlich anspringen“. Trotz der distanzlos abgefeierten Staatsgewalt hat der Film großen Spaß gemacht, woran Stephen Horne am Flügel und Frank Bockius an den Percussion-Instrumenten großen Anteil hatten.

Der Film ist auch eine Schatzkiste für Heimatkundler, da alles wirklich auf den Straßen von München und nicht im Studio gedreht wurde. Es ist schon ein wenig erstaunlich, dass der Film so erfolgreich war, dass er damals auch im Ausland gezeigt wurde. Unter anderem in der Schweiz, wo eine fast vollständige Kopie wiederentdeckt wurde, welche auch die Basis für die exzellente Restaurierung war und der Grund für die zweisprachigen Zwischentitel, französisch und deutsch..

Frank Bockius, Stephen Horne // Foto: Elmar Podlasly

DER ROTE KIMONO (The Red Kimona, USA 1925, Regie: Walter Lang & Dorothy Davenport, die im Vorspann nicht als Regisseurin genannt wird)

The Red Kimona Foto: Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.

Dorothy Davenport war eine Schauspielerin aus der Stummfilmzeit, die mit dem großen Hollywood-Star Wallace Reid verheiratet war, der 1923 im Alter von nur 31 Jahren starb. Er gilt als einer von Hollywoods ersten Drogentoten, wobei es sich bei seiner Morphiumsucht wohl um die Folgen einer falschen medizinischen Behandlung handelte und nicht um Party-Exzesse. Dorothy Davenport war jedenfalls durch den Tod ihres Mannes so erschüttert, dass sie sich fortan dem Kampf gegen die Laster der Menschheit verschrieben und sich als Produzentin und Regisseurin etabliert hat. DER ROTE KIMONO beginnt mit Davenport, hier „Mrs. Wallace Reid“ genannt, die der Authentizität der Geschichte Nachdruck zu verleihen sucht, indem sie direkt das Publikum anblickt und „anspricht“(natürlich nur über die Zwischentitel) und den angeblich wahren Fall anhand von alten Zeitungsberichten vorstellt…

1917: Gabrielle Darley (Priscilla Bonner) ist eine junge Prostituierte in New Orleans, die herausfindet, dass ihr geliebter Verlobter, der ihr Zuhälter ist, eine andere Frau heiraten will. Sie stellt ihn beim Juwelier, wo er die Eheringe aussucht, und erschießt ihn im Affekt. Während der Gerichtsverhandlung erfahren wir als Rückblende, wie sie der Zuhälter aus ärmlichen Verhältnissen und einem wenig liebevollen Elternhaus weggelockt und zur Prostitution gezwungen hat. Wir erleben ihren Ekel vor den Freiern und ihre Verzweiflung. Dabei spielt der titelgebende rote Kimono eine besondere Rolle, da er das Symbol ihrer Schande ist. In einer der visuell stärksten Szenen des Films betrachtet Gabrielle sich im Spiegel und sieht sich in einem Hochzeitskleid, doch die Vision weicht jäh der Realität, denn sie trägt ihre „Arbeitskleidung“, den roten Kimono, der als besonders dramatischer Effekt handkoloriert in roter Farbe leuchtet.

Überraschenderweise sprechen die Geschworenen, natürlich nur Männer, sie frei.

Gabrielle möchte nun Krankenschwester werden, um sich dadurch von ihren Sünden reinzuwaschen. Diese Pläne durchkreuzt eine nach Aufmerksamkeit gierende Society-Lady, die Gabrielle bei sich aufnimmt, um sich mit ihrer durch den Fall gewonnen Prominenz zu profilieren. Gabrielle wird nun als neues Spielzeug der High Society auf Partys vorgeführt und schamlos ausgenutzt. Lediglich der Chauffeur Freddy (Theodore von Eltz) meint es gut mit ihr. Die beiden verlieben sich ineinander. Doch während Freddy mit der Chefin auf Reisen ist, wird Gabrielle vor die Tür gesetzt. Sie versucht verzweifelt ihren ursprünglichen Plan wieder aufzunehmen, doch beim Vorstellungsgespräch erkennt sie der Krankenhausdirektor aus der Zeitung wieder. Hier kommt wieder die rote Einfärbung zum Einsatz, als ein glühend rotes „A“ der Schande auf Gabrielle erscheint, frei nach Nathaniel Hawthorne. Sie ist gebrandmarkt. Hungrig und verzweifelt macht sie sich auf den Weg zurück nach New Orleans, um wieder als Prostituierte zu arbeiten. Doch Freddy, der von ihrem Vorleben weiß, ist ihr dicht auf den Fersen, um sie zu retten. Doch wird er sie rechtzeitig finden? Dann kommt auch noch die Nachricht vom Kriegseintritt der USA…

Die Geschichte vom „gefallenem Mädchen“ ist weder neu noch originell und war es auch schon 1925 nicht. Trotzdem hat mich der Film im Bann gehalten. Hauptdarstellerin Priscilla Bonner hat so schöne große traurige Augen, die man in vielen Großaufnahmen bestaunen kann. Abgesehen von dem Gott sei Dank nur sparsam eingesetzten Farbeffekt, der obendrein nicht sehr gut gelungen ist und mir etwas zu sehr als „Gimmick“ erschien, findet der Film immer wieder ziemlich treffende Bilder, wo einfach aber klar erzählt wird. Zum Beispiel wenn Gabrielle ihre zukünftigen Freier nur als Schatten am Fenster sieht, man aber sofort begreift, dass es sich nicht um angenehme Zeitgenossen handelt. Auch hat mir gefallen, dass die Zwischentitel stets auf der Seite der Protagonistin waren und sich spöttisch-sarkastisch über ihre Peiniger äußern.

Der Film wurde sehr schön am Flügel begleitet vom Sommerkino-Urgestein Joachim Bärenz, der hier voll in seinem Element war.

Übrigens: Die echte Gabrielle Darley führte zur Zeit der Veröffentlichung des Films mittlerweile ein angeblich unbescholtenes bürgerliches Leben und war alles andere als begeistert, dass der Film, noch dazu mit ihrem richtigen Namen, ihr Vorleben wieder ans Licht holte. Sie verklagte die Produzenten, sprich: Dorothy Davenport, und gewann. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass es ein Recht auf Privatsphäre gibt. Das Urteil ist in den USA ein heute noch zitierter Präzedenzfall. Die wahre Geschichte der Gabrielle Darley war aber nicht so, wie im Film dargestellt. Wie man hier nachlesen kann, war sie nicht nur Prostituierte, sondern führte selber ein Bordell und es sind im Laufe der Zeit nicht nur einer, sondern 5 Männer in ihrem Leben auf mysteriöse Weise gestorben, wobei sie mit 4 davon verheiratet war…

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