Samstag , der 24.08.2019

von Elmar Podlasly

DIE LICHTER DES BROADWAY (LIGHTS OF OLD BROADWAY, USA 1925, Regie: Monta Bell)

Die Lichter des Broadway, Marion Davies (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Die verwaisten Zwillinge Fely und Anne werden als Babys getrennt. Beide werden in New York adoptiert. Anne kommt bei der bei der reichen Bankiersfamilie de Rhonde unter, Fely bei einer armen irischen Familie, den O’Tandys. 1882, etwa 20 Jahre später, spielt Marion Davies beide Frauen. Die burschikose Fely ist Tänzerin an einem Varieté-Theater, wo ihr Annes Adoptivbruder Dirk (Conrad Nagel) begegnet, der sich in sie verliebt. Doch der Vater von Dirk und Anne ist Bankdirektor Lambert de Rhonde (Frank Currier), der mit der Verbindung überhaupt nicht einverstanden ist. Es kommt zum Bruch zwischen Vater und Sohn und Dirk zieht zu den O’Tandys in den Slum. Dumm nur, dass Vater de Rhonde im Besitz des Landes ist, auf dem die irischen Familien leben und sie ihm schon lange ein Dorn im Auge sind. Er stellt Dirk vor die Wahl: Entweder er verlässt Fely und kehrt zu den de Rhondes zurück, oder das Gebiet wird geräumt und die Hütten abgerissen. Währenddessen bereitet Thomas Alva Edison (J. Frank Glendon), für den Dirk arbeitet, die erste elektrische Straßenbeleuchtung von Manhattan vor. Ein Experiment an das wenige zu glauben scheinen. Eine Gruppe radikaler Iren will die Dunkelheit, nachdem das Gaslicht abgedreht wird, nutzen, um de Rhonde Sr. zu ermorden…

Hauptdarstellerin Marion Davies war viele Jahre die Geliebte des Zeitungs-Tycoons William Randolph Hearst, der auch stets versucht hat, ihre Karriere zu fördern. Deswegen wird allgemein angenommen, dass sie das Vorbild war für die Figur der talentlosen Opernsängerin Susan Alexander in Orson Welles filmischer Abrechnung mit Hearst, CITIZEN KANE (1939). Welles hat dies aber mehrfach bestritten. Die Figur basiert eher auf Ganna Walska. Da LIGHTS OF OLD BROADWAY sehr erfolgreich war und Marion Davies als feste Größe auf der Leinwand etablierte, hätte sie zumindest zu der Zeit auch keine Hilfe bezüglich ihrer Karriere nötig gehabt. Außerdem ist sie alles andere als talentlos, was sie hier eindrucksvoll unter Beweis stellt. Als Komödiantin ist sie hervorragend, was sie in der Rolle der Fely ausführlich zeigen kann.

Komödiantischer Höhepunkt ist eine Sequenz, in der Fely es schafft, auf einer feinen Gesellschaft im Hause der de Rhondes so ziemlich in jedes mögliche Fettnäpfchen zu treten und dabei noch versehentlich Teile der Einrichtung zu zerstören. Leider ist der Zwillingsplot im Film eigentlich völlig überflüssig und dient vermutlich nur dazu, dass Marion Davies Gelegenheit hat, noch einen anderen Charakter darzustellen. Denn eigentlich hätte es für den Culture-Clash „reiche Bankiersfamilie vs. arme irische Familie“ ausgereicht, dass sie sich in de Rhonde Jr. verliebt. Auch entsteht dadurch die etwas anrüchige Situation, dass Dirk im Grunde scharf auf eine Frau ist, die bis auf die Haarfarbe ein Ebenbild seiner Schwester ist, was der Film aber ignoriert und nicht auslotet. Dann bedient sich der Film einer solchen Masse an Klischees und Vorurteilen gegenüber der irisch-stämmigen Bevölkerung New Yorks, dass man nur hoffen kann, dass diese seinerzeit genug Humor hatte, sich nicht dadurch herabgesetzt zu fühlen. Ansonsten setzt der Film voll auf nostalgische Gefühle der Zuschauer. Er bezieht sich ja auf reale Ereignisse, die zur Entstehungszeit nur etwas mehr als 40 Jahre zurücklagen und sicher noch vielen Kinobesuchern sehr präsent waren. Zwischen uns modernen Zuschauern und der Entstehungszeit des Films wiederum liegen nun mehr als doppelt so viele Jahre. Der Film ist gespickt mit humorvollen Anspielungen auf die Persönlichkeiten der porträtierten Periode. Der spätere US-Präsident Teddy Roosevelt taucht als kleiner Junge auf, der seinem Vater sein hervorragendes Schulzeugnis präsentiert, nur mit einer schlechten Note in Betragen. Zwei Jungs passen den Direktor des Varieté-Theaters ab, um ihm ihre Nummer zu präsentieren, aber er sagt ihnen, sie sollen wiederkommen, wenn sie erwachsen sind. Die beiden sind Weber & Fields, die einige Jahre später ein sehr erfolgreiches Comedy-Team am Broadway wurden.

Der Film enthält zwei frühe Technicolorszenen (hergestellt im „two-strip“-Verfahren), die in der restaurierten Kopie die hier gezeigt wurde, sehr gut zur Geltung kamen. Die erste Sequenz ist eine Tanznummer mit Fely im Varieté-Theater und nicht allzu spektakulär. Die zweite ist hingegen dramaturgisch sehr effektvoll eingesetzt: Nachdem in Manhattan das Gaslicht abgedreht wird, damit Edison als Experiment den Stadtteil nur mit elektrischem Licht beleuchten kann, wofür er den Strom selber mit seinem kleinen Kraftwerk produziert (wirklich so geschehen im September 1882), ist nach einem kurzem Moment verdunkelter Leinwand das plötzlich hell erleuchtete Manhattan farbig, im Mittelpunkt des Bildes eine gigantische amerikanische Flagge. Damit nicht genug, entlarvt das helle Licht die Bande der irischen Attentäter, die de Rhonde Sr. nach dem Leben trachten und alle knallrote Kapuzen tragen. Das Licht vertreibt sie. Insgesamt schlägt der Film selten leise Töne an und setzt oft auf durchaus derben Humor. Vielleicht ist mir deswegen eine winzige Szene besonders im Gedächtnis geblieben. Als der Laternenanzünder, der nicht an einen erfolgreichen Ausgang von Edisons Experiment geglaubt hat, die hell erleuchteten Straßen sieht, weiß er, dass seine Zeit vorbei ist und verkrümelt sich wortlos und mit gesenktem Kopf.

Günter Buchwald begleitete den Film hervorragend am Flügel und der Geige und ließ irische Volkslieder und patriotische amerikanische Melodien mit einfließen.

Günter A. Buchwald (Foto: Elmar Podlasly)

TRAGÖDIE IM ZIRKUS ROYAL (Deutschland 1928, Regie Alfred Lind)

Tragödie im Zirkus Royal (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Ein Artistenquartett eröffnet mit einer groß angekündigten neuen Nummer im Zirkus Royal, einem erstklassigen Varieté-Theater. Die Truppe besteht aus der schönen Ziska (Ellen Kürty), Frank (Werner Pittschau), dem Frauenhelden, in den Ziska heimlich verliebt ist, sowie Armand (Carl Auen), der wiederum unsterblich in Ziska verliebt ist und schließlich Atto (Siegfried Arno), der Älteste, der die Truppe zusammenhält. Nach der erfolgreichen Premiere gesteht Armand Ziska seine Liebe, die ihn abweist. Zu Tode betrübt begeht Armand am nächsten Abend Selbstmord, indem er sich beim Hochseilakt in die Manege fallen lässt. Eifersucht unter Artisten endet anscheinend immer mit einem Sturz von der Kuppel. Ziska ist traumatisiert und es findet sich auch kein verlässlicher Ersatz für Armand, so dass die Truppe schnell aus der A-Liga der Artisten zum abgehalfterten Jahrmarktszirkus Saltarelli wechselt. Die Direktorin (Helene von Bolváry) ist scharf auf Frank und will Ziska deswegen am liebsten aus dem Weg haben. Da taucht der unheimliche Dr. Magirus (Bernhard Goetzke, „der Tod“ aus Fritz Langs DER MÜDE TOD, 1921) auf und macht Ziska ein seltsames Geschenk. Er hat einen „radio-mechanischen Menschen“ erfunden, eine lebensgroße Puppe, die durch einen Apparat ferngesteuert in der Lage ist, komplexe Bewegungen auszuführen und ideal dazu geeignet scheint, Armand zu ersetzen. Begeistert nimmt Ziska das Geschenk an, doch Dr. Magirus hat Hintergedanken. Er ist besessen von Ziska und besteht darauf, dass nur er in der Lage ist, seine Erfindung richtig zu steuern, womit er Ziska an sich binden will…

Zirkusfilme hatten während der Stummfilmzeit und nicht erst nach dem Erfolg von VARIETÉ (1925) Konjunktur. Der aus Dänemark stammende Regisseur Alfred Lind galt als Zirkusfilm-Experte, er hatte bereits 1911 den Urvater aller Artistenfilme und einen der frühen dänischen Welterfolge DIE VIER TEUFEL gedreht (Murnaus THE FOUR DEVILS von 1928 ist ein Remake davon). Hier mischt er dem Zirkusplot hier ein paar Horror- und Sci-Fi-Elemente bei, wobei er mit diesen leider so gar nichts anzufangen weiß. Die Tradition, dass die Artisten sich am Trapez möglichst furchterregend verkleiden müssen, hatte Lind bereits in DIE VIER TEUFEL geschaffen und knüpft hier daran an. Der radio-mechanische Mensch im Totenkopf-Kostüm ist aber kein Golem, nicht mal ein Golemchen, denn ohne die Fernsteuerung ist er harmlos und er wird leider auch nicht zu mehr genutzt als zu öden Hochseilnummern. Man erwartet, dass vielleicht der Blitz in die Fernbedienung einschlagen könnte und der Roboter Amok läuft, oder dass Magirus später seine Kreation für seine Rache nutzt – aber nichts dergleichen passiert. Die Schauwerte des Films liegen woanders. Da ist die ungeheure Leinwandpräsenz Goetzkes, dessen Dr. Magirus sich aber schnell ins Lächerliche verkehrt, da man seine Besessenheit von der ziemlich unscheinbaren Ziska nicht nachvollziehen kann. Das Drehbuch mag ihr eine besondere Ausstrahlung zugeschrieben haben, der Zuschauer merkt davon nichts. Außerdem scheint die Bedienung des radio-mechanischen Menschen dann doch super einfach zu sein, da Atto sie später in wenigen Augenblicken drauf hat, was Magirus Plan noch absurder erscheinen lässt. Die einzig gute Charakterisierung des Films zeigt Sigi Arno in einer für ihn ungewöhnlichen Rolle. Er ist zwar der Clown der Truppe, wobei leider auch seine Nummer nicht sonderlich gut ist, aber außerhalb der Manege ist er die Vaterfigur für die anderen und der einzig Vernünftige. Eine leicht amüsante Einlage gibt er nur, wenn er die Tiere füttert und mit ihnen interagiert. Die Tierszenen im Film sind ziemlich gut gelungen, wenn auch fast ausschließlich reißerisch angelegt. Die Tiere sind es, die die Bösewichter während eines Sturms besiegen: Dr. Magirus wird von einer Würgeschlange und einem Tiger angegriffen, während die böse Zirkusdirektorin von einem echten Bären (der zwar nicht sehr bedrohlich wirkt, aber ausnahmsweise mal kein Typ im Bärenkostüm ist) einen Fabrikschornstein hochgejagt wird.

Von einigen überlangen Zirkusnummern abgesehen war der Film aber alles andere als langweilig und schwankte zwischen seltsamen Einfällen und schrägem Schund, was ich sehr liebenswert finde und viel Freude daran hatte. Ich kann aber voll und ganz verstehen, warum der Film damals nach nur kurzem Kinoeinsatz schnell vergessen wurde. Richard Siedhoffs improvisierte Musikbegleitung am Flügel hob besonders die spannenden Szenen sehr gut hervor. Für die Rekonstruktion des Films durch das Bundesarchiv wurden zwei verschiedene Kopien benutzt, wobei eine davon englische Zwischentitel hatte, die von Andrea Kirchhartz unter Zuhilfenahme der Zensurkarte übersetzt wurden. Die Bildqualität war nicht überragend, aber sehr gut guckbar.

Mit besonderem Dank für sachdienliche Hinweise bzgl. des Zirkusfilm-Genres an Andrea Kirchhartz.

Standard

Mittwoch, der 21.08.2019

von Elmar Podlasly

DAS LIED VOM ALTEN MARKT (KAIN I ARTEM, UdSSR 1929, Regie: Pawel Petrow-Bytow)

Das Lied vom alten Markt (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

„Als fürchte die Sonne, ihre Strahlen durch den Schmutz zu besudeln, blickte sie nur frühmorgens in diese Straße, und nicht lange.“

(Zitat aus „Kain und Artem“ von Maxim Gorki)

Der Film ist eine freie Adaption einer Erzählung von Maxim Gorki aus dem Jahr 1898.

Er spielt in einer nicht näher bezeichneten Stadt an den Ufern der Wolga auf dem überfüllten Marktplatz eines Elendsquartiers. In der wuseligen Masse gibt es drei Protagonisten.

I. Kain

„Jeder, der dies Lächeln sah, erkannte sogleich, daß das Grundgefühl eines Menschen, der so lächelt, – Furcht vor allem und allen ist, Furcht, im Nu bereit, sich zum Entsetzen zu steigern.“ (Zitat aus „Kain und Artem“, von Maxim Gorki).

Der jüdische Flickschuster Chaim (Emil Gal), den alle nur abwertend Kain nennen. Er versucht, auf dem Markt seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sieht sich aber oft den Erniedrigungen seiner Mitmenschen ausgesetzt, da er, klein und schwach, sich nicht gut verteidigen kann. Als ihn einmal jemand um die Bezahlung für seine Dienste betrügt, wendet sich Kain hilfesuchend an einen Polizisten, der ihm eröffnet, dass Gesetz gelte „für Menschen, aber nicht für Juden“.

„Er lebte unter Leuten, die vom Schicksal benachteiligt waren, und solchen ist es stets angenehm, ihren Nächsten zu kränken; sie verstehen es auch sehr gut, denn einstweilen können sie sich nur so rächen.“ (Zitat aus „Kain und Artem“, von Maxim Gorki)

In Gorkis Erzählung handelt Kain noch mit Kurz- und Gemischtwaren und verleiht gelegentlich sogar Geld. Nur mit dem Judentum nimmt er es nicht so genau:

„…er beobachtete nicht den Sabbat und nahm nicht »koscheres« Fleisch zur Nahrung. Bittend und fordernd wurde ihm zugesetzt, er solle erklären, wie er zu essen wagen dürfe, was seine Religion verbot. – Dann kroch er ganz in sich zusammen, lächelte, machte sich mit einem Spaß los oder lief fort, ohne jemals etwas über die Religion und die Gebräuche der Juden zu äußern.“ (Zitat aus „Kain und Artem“, von Maxim Gorki)

Was steckt hinter Kains Ablehnung der Religion? War es das, was den Drehbuchautoren die Idee gab, aus Kain einen Sozialisten zu machen, der stets Bücher mit entsprechenden Texten bei sich trägt?

II. Artjom

Artjom (Nikolai Simonow) wie er hier in Bonn in den Untertiteln übersetzt war, schreibt sich im Original und auch in der deutschen Übersetzung der Erzählung Artem. Es ist aber derselbe Name.

„Vor etwa drei Jahren war er […] in der Stadt erschienen und nach beendeter Schiffahrt dageblieben, […] da er die Erfahrung gemacht hatte, daß er auch ohne zu arbeiten, vermöge seiner Kraft und Schönheit, angenehm leben könne. Und siehe da, seit jener Zeit hatte er sich aus einem Dorfburschen und Auflader in den Liebling der Krämerfrauen, Kloßverkäuferinnen und anderer Weiber […] verwandelt. Diese Beschäftigungsart versorgte ihn stets mit Nahrung, Schnaps und Tabak, sobald er es wünschte; weiter wußte er sich nichts zu wünschen, und so lebte er.“

(Zitat aus „Kain und Artem“, von Maxim Gorki, Übers. Bodo von Loßberg, 1920).

Auch im Film wird Artjom wegen seiner physischen Stärke auf dem Markt allgemein gefürchtet und von den Frauen geliebt, aber er gewinnt auch jeden Wettbewerb im Bösegucken und Leute-Niederstarren. Auch Aljom ist nicht nett zu Kain:

„Nicht selten ist auch Kain in Artems grausame Hände gefallen, der mit ihm spielte, wie ein neugieriges Kind mit einem Käferchen.“ (Zitat aus„Kain und Artem“, von Maxim Gorki).

Ihre erste Begegnung im Film, endet damit, dass Artjom lose Buchseiten bei Kain findet.

… und solange es Fabrikanten,
Großgrundbesitzer und Kaufleute gibt,

findest du auf Erden keine Gerechtigkeit
und der Mensch…
ist dem Menschen ein Wolf…“

(Zwischentitel)

Artjom wirft die Seiten achtlos in den Dreck, wo Kain sie wieder aufklaubt.

III. Die Ehefrau

Von der jungen Frau (Jelena Jegorowa) des ekligen alten Fischhändlers (Georgij Uwarow) sagen die Leute:

Ein guter Mensch hat ihr Kleider und Schuhe gekauft, hat diese Bettlerin zur Frau genommen“ (Zwischentitel).

Der Fischhändler ist aber kein guter Mensch. Sie hat mit Artjom ein Verhältnis und versucht, ihn dazu zu bewegen, mit ihr aufs Land zu ziehen, woran Artjom wenig Interesse hat. Der Fischhändler weiß von ihrem Verhältnis und trachtet Artjom nach dem Leben. Die Frauenfigur ist eine Erfindung der Drehbuchautoren, die in der Geschichte von Maxim Gorki gar nicht vorkommt.

Der Fischhändler stachelt einen Muskelprotz dazu auf, sich mit Aljom zu messen, doch dieser unterliegt ihm natürlich. Schließlich bezahlt der Fischhändler eine Gruppe von Schlägern dafür, Artjom zu beseitigen. Als er sich eines Abends in der Kneipe betrinkt, sehen die Schläger ihre Chance gekommen und lauern ihm auf. Kain, der die Situation durchschaut, versucht Artjom zu warnen, wird aber nicht gehört. Auch in der Kneipe, wo Kain nach Hilfe sucht, interessiert es keinen, dass draußen ein Verbrechen geschieht. Die Gleichgültigkeit der Leute ist ein Aspekt, den der Regisseur wieder und wieder betont, vor allem durch die in sowjetischen Stummfilmen nicht untypische ständige Wiederholung von nur sehr kurz gezeigten Zwischentiteln, als ob damit eine Art subliminale Wirkung erzielt werden soll.

Ein Mensch

Ein Mensch

wird erschlagen

EIN MENSCH...

EIN MENSCH...

wird erschlagen

wird erschlagen

Ein Mensch

wird erschlagen
(Zwischentitel)

Die Schläger schaffen es, den betrunkenen Artjom zu bezwingen und prügeln so lange auf ihn ein, bis sie ihn für tot halten. Anschließend wollen sie ihn im Fluss entsorgen und werfen ihn die Böschung hinunter, wo er liegenbleibt. Aber weil sich gleichzeitig ein alter Baumstumpf von der Böschung löst und ins Wasser fällt, denken seine Mörder, Artjom wäre in der Wolga versunken. Kain findet Artjom am Ufer und versteckt ihn bei sich zu Hause, wo er ihn langsam aber sicher gesund pflegt.

Währenddessen findet die Frau des Fischhändlers heraus, dass ihr Ehemann hinter dem Verschwinden Artjoms steckt und verlässt ihn endgültig. Sie versucht die Leute auf dem Markt davon zu überzeugen, dass der Fischhändler Artjom umbringen ließ, doch auch ihr schlägt nur Gleichgültigkeit und Spott entgegen. Sie geht ins Kloster. Doch lange hält sie es dort nicht aus. Die Macher des Films nutzen diese Sequenz als einen Seitenhieb auf die Religion.

Das sind keine lebenden Menschen, sondern… seelenlose Gegenstände!“

(Zwischentitel)

Sie verlässt das Kloster und sieht keinen Ausweg mehr für sich. Sie ertränkt sich in der Wolga. Was aber niemand mitbekommt und was keine weiteren Konsequenzen für die Geschichte hat.

Kain, der überraschenderweise Freunde hat, von denen man auf dem Markt nichts weiß, versteckt indes weiter den rekonvaleszenten Artjom. Dabei hört dieser den Diskussionen und Lesungen von Kain und seinen Freunden zu:

Betriebe, Fabriken, Felder und Wälder,
der gesamte Erdkreis befindet sich
in der Macht der Besitzenden,
die legale Räuber und Mörder sind...

Man muss die Millionen Arbeiter
zum Kampf für ein besseres Leben
und für Grund und Boden emporführen.

Felder, Wälder, Betriebe und Fabriken
werden neue Herren haben:
die Werktätigen...
(Zwischentitel)

Die Worte verfehlen ihre Wirkung nicht und Artjom beginnt, sich zu verändern. Er liest jetzt die Bücher, die er noch vor kurzem in den Dreck geworfen hat.

Vielleicht hatte Artjom sein ganzes
Leben auf solche Worte gewartet.
(Zwischentitel)

Einige Zeit später, abends in der Kneipe, erniedrigen wieder einige Leute, darunter auch die vermeintlichen Mörder Artjoms, Kain. Sie zwingen ihn, bis zur Erschöpfung zu tanzen und lachen ihn aus. Da kommt Artjom hinzu. Er rastet aus und will die Peiniger, die ja auch seine Peiniger waren, umbringen. Doch Kain hält ihn im letzten Moment zurück und verhindert das Blutbad. Artjom erkennt, dass er ein neuer Mensch geworden ist. Artjom und Kain gehören nicht mehr auf den alten Markt. Sie verlassen das Lokal und blicken dem Sonnenaufgang entgegen.

Morgen wird ein schöner Tag werden.“Morgen scheint die Sonne...“
 (Zwischentitel). 
Original-Plakat

Bei Gorki endet die Geschichte anders. Nachdem sich die beiden nach Artems Rettung durch Kain einander angenähert haben, ist der dankbare Artem für kurze Zeit Kains Beschützer, welcher durch die neu gewonnene Freiheit aufblüht. Aber viel zu sagen haben sich die beiden nicht.

„So bemitleidete zuerst der Starke den Klugen, dann bemitleidete die Klugheit die Stärke, und zwischen den beiden Gefährten entstand ein Rapport, der sie einander etwas näherte.“ (Zitat aus „Kain und Artem“, von Maxim Gorki).

Die Freundschaft währt nicht lange. Bald hat Artem die Täter identifiziert, die ihn totschlagen wollten, und plant seine Rache. Kain ist ihm dabei lästig. Er erklärt ihm:

„Alle! Jetzt beginnt meine Abrechnung mit ihnen . . . Und du hinderst mich . . .«

»Wieso kann ich dich hindern?« rief der Jude aus.

»Nicht gerade hindern, aber . . . das ist die Sache – ich bin auf alle Leute erbittert. Bin ich schlechter als sie? Das ist es . . ., und du bist mir folglich – überflüssig. Verstanden?«

[…]

„Man muß alles der Wahrheit gemäß machen . . . Dem Herzen nach . . . Was nicht darin ist – das nicht . . . Und mir, Bruder, ich sag‘ es geradezu, ist es zuwider, daß du so bist . . . ja! Darauf kommt’s hinaus.“

(Zitate aus„ Kain und Artem“, von Maxim Gorki).

Während Artem seine Rache plant, schleicht Kain voller Angst zurück auf den Markt.

Die Erweiterung der Gorki-Erzählung zur sozialistischen Erweckungsgeschichte ist für sich betrachtet wenig glaubwürdig. Aber in vielen Aspekten ist der Film eben doch eine gute filmische Umsetzung von Gorkis pessimistischer Geschichte. Obendrein feuert Regisseur Pawel Petrow-Bytow gekonnt, mutig und stilsicher das gesamte Arsenal sowjetischer Filmkunst auf das Publikum ab. Die Kamera fängt die Gesichter der Armen in Großaufnahmen ein und unterschneidet ihre starren Mienen mit Eindrücken des Marktgewirrs, Detailaufnahmen von fliegenübersäten toten Fischen usw. In der Szene gegen Ende des Films, wo Kain zum Tanzen gezwungen wird, werden die betrunkenen, lachenden Fratzen seiner Peiniger wie durch einen Hohlspiegel verzerrt. Eine Technik, die Petrow-Bytow nicht erfunden hat (siehe DER LETZTE MANN von F.W. Murnau), aber perfekt einsetzt. Der Film passt natürlich nicht zu den Sehgewohnheiten unserer Zeit, wo er doch schon ein Angriff war auf die Sehgewohnheiten seiner Zeit. Mich hat er vielleicht gerade deswegen sehr mitgerissen und er gefiel mir trotz der propagandistischen Einschübe sehr. Ein Publikumserfolg war er übrigens seinerzeit in der Sowjetunion auch nicht und auch für viele Festival-Zuschauer hier auf dem Hof eine harte Prüfung.

Den sehr selten zu sehenden Film, der hier in Bonn als Teil des Projekts „Russian Seasons“ gezeigt wurde, begleitete Filipp Cheltsov aus Russland am Flügel in einer echten Meisterleistung. Ich hatte das Gefühl, dass Cheltsov, der ohne Partitur spielte, den Film perfekt auswendig kennt. Ein paarmal habe ich ungläubig zu ihm rüber geschaut, ob da wirklich nur ein Mann am Klavier sitzt und nicht zwei!

Umso überraschter war ich nach der Vorführung im Gespräch mit ihm, als er erzählte, dass die hier gezeigte Fassung deutlich länger war, als die ihm bekannte. Anscheinend hat man damals in der europäischen Exportfassung die sozialistischen Aspekte der Geschichte und auch die Frauenfigur gekürzt (und war somit wieder dichter an Gorkis Erzählung) welches die Fassung war, zu der Cheltsov bisher immer gespielt hatte. Dass der Film länger war als gewohnt, hat Cheltsov erst während der Vorführung gemerkt, was bemerkenswerterweise seinen Spielfluss in keinster Weise unterbrochen hat.

Filipp Cheltsov (Foto: Elmar Podlasly)

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