Dienstag, der 20.08.2019

von Elmar Podlasly

PETER PAN, DER TRAUMELF (PETER PAN, USA 1924, Regie: Herbert Brenon)

Peter Pan, der Traumelf (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

„…it is necessary that all of you –
no matter what age you may have
individually attained – should be
children. PETER PAN will laughingly
blow the fairy dust in your eyes and
presto! You’ll all be back in the nursery,
and once more you’ll believe in fairies,
and the play moves on.”

J.M. Barries “Vorwort” zur Filmversion seines Stückes.

Viele amerikanische Filme aus der Stummfilmzeit waren Adaptionen von Theaterstücken, und da bildet PETER PAN, DER TRAUMELF keine Ausnahme. Er will seine Herkunft aber auch nicht verleugnen, im Gegenteil. Mit der Nähe zum Theaterstück und dem Segen des Autors J.M. Barrie versuchte man, an den Erfolg des beliebten Theaterstücks anzuknüpfen. Viele Szenenbilder erinnern vom Aufbau her an die Bühne. Dann werden alle Tiere im Film von Menschen in Tierkostümen gespielt, prominent vor allem der Familienhund Nana und das Krokodil, das es auf Captain Hook abgesehen hat. In beiden steckte der Schauspieler George Ali, der auf Tierdarstellungen im Theater spezialisiert war. Bemerkenswert ist Nanas Kopf, der durch Ali von innen gesteuert werden und eine ganze Reihe verschiedener Ausdrücke produzieren konnte. Nebenbei bemerkt, der Film war auf dem Hof sehr gut besucht und jemand hatte seinen Hund mitgebracht, der gelegentlich störend auf sich aufmerksam machte. Aber einmal war sein Bellen zufällig so gut auf das Erscheinen Nanas auf der Leinwand abgestimmt, dass es einen Lacher gab.

Wenn man vom Stummfilm als einem Medium ausgeht, dass dann am stärksten ist, wenn es möglichst wenig Dialoge/Zwischentitel gibt und sich ganz auf die Kraft der musikalisch unterstützten Bilder verlassen wird, sind zu viele Dialoge natürlich hinderlich. Dialoge hat der Film leider sehr viele, die größtenteils aus dem Theaterstück stammen, so dass man am Ende des Films eigentlich das ganze Stück mitgelesen hat. Immerhin wird dadurch viel von der Original-Geschichte bewahrt. Die größte Sünde des Films bleibt jedoch, Stummfilmstar Anna May Wong als Tiger Lily zu besetzten und sie dann völlig zu verschwenden. Sie taucht gerade mal in 2 Szenen kurz auf und hat einen einzigen Satz.

Dafür gibt es immer wieder für die Entstehungszeit grandiose Spezialeffekte. Vor allem die Darstellung von Tinkerbell (die damals in der deutschen Fassung „Glühweiße“ genannt wurde) ist sehr gelungen und auch die fliegenden Kinder sind überzeugend.

Peter Pan wird von der 17jährigen Betty Bronson mit viel Sinn für Theatralik gespielt. Bereits in den Theateraufführungen wurden gerne junge Frauen besetzt, da es für einen kleinen Jungen schlicht unmöglich ist, so viel Text zu lernen.

Nur in einer Großaufnahme irritiert es, dass man unter Peters Wams Brüste erahnen kann. Eine zeitgenössische Kritik aus der New York Times, die auszugsweise im Programmheft abgedruckt ist, meint hingegen, onduliertes Haar entdeckt zu haben, das das Geschlecht der Hauptdarstellerin verrate. Bronson hatte eine Ballett-Ausbildung, was ihr sehr zugute kam, da sie den physischen Anforderungen der Rolle gewachsen war.

Captain Hook wird mit Gusto von Charakterdarsteller Ernest Torrence gespielt, „the man you loved to hiss“, bei dem ich immer sofort an seine Rolle als Buster Keatons Vater in STEAMBOAT BILL JR. (1928) denken muss. Sein Captain Hook liest Bücher über gutes Benehmen, welches er Frauen gegenüber auch umsetzt, und benutzt einen Zigarrenhalter, mit dem er zwei Zigarren gleichzeitig rauchen kann.

Drollig sind auch die patriotischen Einschübe, die zumindest für das hiesige Publikum natürlich komisch wirken, wenn z.B. die Kinder lieber über die Planke gehen wollen, als bei Captain Hook als Schiffsjunge anzuheuern, weil dieser sich nicht den „Stars and Stripes“ verpflichtet sieht. Und kaum hat Peter Pan das Piratenschiff in seine Gewalt gebracht, wird die Piratenflagge eingeholt und die amerikanische Flagge gehisst.

Eine Überraschung war für mich eine interaktive Szene etwa zu Beginn des letzten Drittels des Films, wo Peter Pan plötzlich die vierte Wand durchbricht und sich ganz unvermittelt ans Publikum wendet und um Hilfe bittet. Tinkerbell, die Peters von Captain Hook vergiftete Medizin ausgetrunken hat, damit Peter sie nicht trinkt, liegt im Sterben. Ihr Licht wird schwächer. Es kann nur vor dem Erlöschen bewahrt werden, wenn wieder viele Kinder an Feen glauben. Peter Pan fragt das Publikum: „Glaubt ihr? Dann klatscht ganz doll in die Hände!“ Eine Aufforderung, der das Bonner Publikum gerne nachkam, und Tinkerbell konnte gerettet werden.

Der Film wurde von Elizabeth-Jane Baldry ausschließlich an der Harfe begleitet. PETER PAN, DER TRAUMELF ist ihr Lieblingsfilm, was der Grund ist, dass Festivalleiter Stefan Drößler ihn ins Programm genommen hat.

Elizabeth-Jane Baldry (Foto: Elmar Podlasly)
Franziska Kremser-Klinkertz (Foto: Elmar Podlasly)
Stefan Drößler (Foto: Elmar Podlasly)
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