Dienstag, der 20.08.2019

von Elmar Podlasly

PETER PAN, DER TRAUMELF (PETER PAN, USA 1924, Regie: Herbert Brenon)

Peter Pan, der Traumelf (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

„…it is necessary that all of you –
no matter what age you may have
individually attained – should be
children. PETER PAN will laughingly
blow the fairy dust in your eyes and
presto! You’ll all be back in the nursery,
and once more you’ll believe in fairies,
and the play moves on.”

J.M. Barries “Vorwort” zur Filmversion seines Stückes.

Viele amerikanische Filme aus der Stummfilmzeit waren Adaptionen von Theaterstücken, und da bildet PETER PAN, DER TRAUMELF keine Ausnahme. Er will seine Herkunft aber auch nicht verleugnen, im Gegenteil. Mit der Nähe zum Theaterstück und dem Segen des Autors J.M. Barrie versuchte man, an den Erfolg des beliebten Theaterstücks anzuknüpfen. Viele Szenenbilder erinnern vom Aufbau her an die Bühne. Dann werden alle Tiere im Film von Menschen in Tierkostümen gespielt, prominent vor allem der Familienhund Nana und das Krokodil, das es auf Captain Hook abgesehen hat. In beiden steckte der Schauspieler George Ali, der auf Tierdarstellungen im Theater spezialisiert war. Bemerkenswert ist Nanas Kopf, der durch Ali von innen gesteuert werden und eine ganze Reihe verschiedener Ausdrücke produzieren konnte. Nebenbei bemerkt, der Film war auf dem Hof sehr gut besucht und jemand hatte seinen Hund mitgebracht, der gelegentlich störend auf sich aufmerksam machte. Aber einmal war sein Bellen zufällig so gut auf das Erscheinen Nanas auf der Leinwand abgestimmt, dass es einen Lacher gab.

Wenn man vom Stummfilm als einem Medium ausgeht, dass dann am stärksten ist, wenn es möglichst wenig Dialoge/Zwischentitel gibt und sich ganz auf die Kraft der musikalisch unterstützten Bilder verlassen wird, sind zu viele Dialoge natürlich hinderlich. Dialoge hat der Film leider sehr viele, die größtenteils aus dem Theaterstück stammen, so dass man am Ende des Films eigentlich das ganze Stück mitgelesen hat. Immerhin wird dadurch viel von der Original-Geschichte bewahrt. Die größte Sünde des Films bleibt jedoch, Stummfilmstar Anna May Wong als Tiger Lily zu besetzten und sie dann völlig zu verschwenden. Sie taucht gerade mal in 2 Szenen kurz auf und hat einen einzigen Satz.

Dafür gibt es immer wieder für die Entstehungszeit grandiose Spezialeffekte. Vor allem die Darstellung von Tinkerbell (die damals in der deutschen Fassung „Glühweiße“ genannt wurde) ist sehr gelungen und auch die fliegenden Kinder sind überzeugend.

Peter Pan wird von der 17jährigen Betty Bronson mit viel Sinn für Theatralik gespielt. Bereits in den Theateraufführungen wurden gerne junge Frauen besetzt, da es für einen kleinen Jungen schlicht unmöglich ist, so viel Text zu lernen.

Nur in einer Großaufnahme irritiert es, dass man unter Peters Wams Brüste erahnen kann. Eine zeitgenössische Kritik aus der New York Times, die auszugsweise im Programmheft abgedruckt ist, meint hingegen, onduliertes Haar entdeckt zu haben, das das Geschlecht der Hauptdarstellerin verrate. Bronson hatte eine Ballett-Ausbildung, was ihr sehr zugute kam, da sie den physischen Anforderungen der Rolle gewachsen war.

Captain Hook wird mit Gusto von Charakterdarsteller Ernest Torrence gespielt, „the man you loved to hiss“, bei dem ich immer sofort an seine Rolle als Buster Keatons Vater in STEAMBOAT BILL JR. (1928) denken muss. Sein Captain Hook liest Bücher über gutes Benehmen, welches er Frauen gegenüber auch umsetzt, und benutzt einen Zigarrenhalter, mit dem er zwei Zigarren gleichzeitig rauchen kann.

Drollig sind auch die patriotischen Einschübe, die zumindest für das hiesige Publikum natürlich komisch wirken, wenn z.B. die Kinder lieber über die Planke gehen wollen, als bei Captain Hook als Schiffsjunge anzuheuern, weil dieser sich nicht den „Stars and Stripes“ verpflichtet sieht. Und kaum hat Peter Pan das Piratenschiff in seine Gewalt gebracht, wird die Piratenflagge eingeholt und die amerikanische Flagge gehisst.

Eine Überraschung war für mich eine interaktive Szene etwa zu Beginn des letzten Drittels des Films, wo Peter Pan plötzlich die vierte Wand durchbricht und sich ganz unvermittelt ans Publikum wendet und um Hilfe bittet. Tinkerbell, die Peters von Captain Hook vergiftete Medizin ausgetrunken hat, damit Peter sie nicht trinkt, liegt im Sterben. Ihr Licht wird schwächer. Es kann nur vor dem Erlöschen bewahrt werden, wenn wieder viele Kinder an Feen glauben. Peter Pan fragt das Publikum: „Glaubt ihr? Dann klatscht ganz doll in die Hände!“ Eine Aufforderung, der das Bonner Publikum gerne nachkam, und Tinkerbell konnte gerettet werden.

Der Film wurde von Elizabeth-Jane Baldry ausschließlich an der Harfe begleitet. PETER PAN, DER TRAUMELF ist ihr Lieblingsfilm, was der Grund ist, dass Festivalleiter Stefan Drößler ihn ins Programm genommen hat.

Elizabeth-Jane Baldry (Foto: Elmar Podlasly)
Franziska Kremser-Klinkertz (Foto: Elmar Podlasly)
Stefan Drößler (Foto: Elmar Podlasly)
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Montag, der 19.08.2019

von Elmar Podlasly

NOGENT (NOGENT, ELDORADO DU DIMANCHE, Frankreich 1929, Regie: Marcel Carné)

Nogent (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Nogent an der Marne war (ist?) ein beliebtes Ausflugsziel der Pariser Arbeiter und einfachen Leute. Der kurze dokumentarische Film zeigt einen typischen Sonntag. Er bündelt seine Eindrücke vom Ablauf des Tages in einer rhythmischen Montage schöner, unverfremdeter Bilder. Die Bahnfahrt nach Nogent wird kurz unterschnitten mit einer stillstehenden Fabrik und einem leeren Großraumbüro mit abgedeckten Schreibmaschinen.Dann gilt es, sich zu amüsieren, hauptsächlich mit Aktivitäten am und im Wasser. Rudern, Schwimmen, ein Sonnenbad Nehmen. Schatten, glitzerndes Sonnenlicht auf dem Wasser. Oder im Ort Tanzen, Trinken und Postkarten Schreiben. Am Abend geht es wieder zurück in die Stadt.

Regisseur Marcel Carné, später ein erfolgreicher Filmemacher mit Meisterwerken wie HAFEN IM NEBEL oder DIE KINDER DES OLYMP, war hier erst 20 Jahre alt und noch einige Jahre von seinem Spielfilmdebüt entfernt, weswegen diese erste Arbeit, über deren Produktionsbedingungen ich leider nichts weiß, als Amateurfilm eingestuft wird. Was man aber eher als eine Auszeichnung als eine Abwertung verstehen sollte, denn der Film hat etwas Frisches, Unmittelbares und auch Freches. Carné kommt ohne Zwischentitel aus, aber über die Montage findet doch ein Kommentar statt, indem er zum Beispiel den Pulk von Badegästen im Wasser mit Fischen in einem Aquarium unterschneidet, oder eine Einstellung von am Strand liegenden Männern zeigt, von denen einer ausgiebig in der Nase bohrt. Der Film erinnert wegen des Themas an MENSCHEN AM SONNTAG (1930), wobei Carné keine Geschichte erzählt, die über das Dokumentieren vom Geschehen in Nogent hinausgeht und auch keine Protagonisten hat.

Es war auch ein interessanter Kontrast zum restlichen Programm des Festivals, mal wieder einen völlig unrestaurierten Film zu sehen. Es handelte sich laut Programmheft um eine 35mm-Kopie, die sicher nicht von einem Original-Negativ gezogen worden ist und wirkte, wie eine Kopie 2. oder 3. Generation. Unscharf, mit ausgerissenen Kontrasten, musste man an manchen Stellen ganz schön die Augen zusammenkneifen, um etwas zu erkennen. Aber bei einer Lauflänge von gerade mal 17 Minuten, und weil es den Film vermutlich nicht anders gibt, nimmt man das gerne in Kauf.

Einen kurzen Ausschnitt kann man hier sehen:

NACH RECHT UND GESETZ (PRÄSTÄNKAN, Schweden 1920, Regie: Carl Theodor Dreyer)

Nach Recht und Gesetz (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

In einem schwedischen Dorf im 17. Jahrhundert ist eine Pfarrstelle neu zu besetzen, weil der alte Pastor gestorben ist. Der arme, aber quirlige Söfren (Einar Röd) braucht die Stelle dringend, weil er sonst nicht seine geliebte Mari (Greta Almroth) heiraten kann. Es gelingt ihm, seine wohlhabenderen Mitbewerber aus Kopenhagen zu schlagen. Doch Söfren hat nicht damit gerechnet, dass die Pfarrstelle an eine archaische Tradition gebunden ist. Die Witwe des alten Pfarrers, Frau Margarete (Hildur Carlberg) hat das Recht den neuen Pfarrer zu ehelichen, wenn sie es will. Und sie will es, obwohl sie bereits 3 Pastoren überlebt hat und hart auf die 80 zugeht (ihr Alter wird nicht genannt, aber Hildur Carlberg war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits 77 und verstarb kurz danach). Sie will den Pfarrhof und ihr gewohntes Leben nicht aufgeben müssen. Mit Hilfe von gutem Essen und einer Flasche Schnaps bringt sie Sören dazu, einzuwilligen. Mari gibt er als seine Schwester aus, und vertröstet diese damit, dass Frau Margarete ja bereits Erde in der Tasche habe und es nicht lange dauern könne, bis er den Hof erben wird. Es wird Hochzeit gefeiert und Mari kommt mit auf dem Pfarrhof unter. Ziemlich schnell wird klar, dass Frau Margerete weder kurz vor dem Ableben ist, noch sich in irgendeiner Weise von Söfren einwickeln lässt. Sie bleibt der Herr im Haus. Alle Versuche Söfrens, mit Mari allein zu sein, scheitern. Schließlich versucht er, dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen, aber er ist der Alten einfach nicht gewachsen, die obendrein noch ihre altgedienten Hausangestellten, den tumben Kraftprotz Steinar (Emil Helsengreen) und die schräge Gunvor (Mathilde Nielsen), als ständige Verbündete vor Ort hat. Als schließlich durch einen von Söfrens beknackten Einfällen versehentlich Mari schwer verletzt wird, ist er auf Frau Margeretes Hilfe angewiesen, die sich um Mari kümmert. Schließlich gesteht Söfren ihr die Wahrheit. Frau Margaretes Reaktion ist überraschend…

Mit Regisseur Carl Theodor Dreyer assoziiert man sofort Meisterwerke wie JOHANNA VON ORLÉANS (1928) oder VAMPYR (1932), aber hier beweist er, dass er auch Komödien inszenieren konnte. Dabei zeigt er ein gutes Händchen für komische Details, die wiederum viel über die Figuren aussagen, z.B. als Söfren darauf wartet, dass er seine Bewerbungspredigt halten kann, malt er sich, um die Löcher in seiner Kleidung zu kaschieren, die Haut unter den Löchern schwarz an. Und mein Lieblingsgag: Der Küster der Dorfkirche hat eine lange Stange, deren einziger Zweck es ist, alle bei der Predigt Eingenickten wach zu stupsen. Aber nur, wenn wiederum ihn jemand rechtzeitig weckt.

Unter der Komödie verbirgt sich eine genaue Studie der dargestellten Zeit. Um größtmöglicher Authentizität willen ließ Dreyer den Film im Freilicht-Museum Maihaugen

in Norwegen drehen, sowohl die Innen- als auch die Außenaufnahmen, was bei dem damals noch sehr lichtunempfindlichen Filmmaterial und dem engen Holzbauten große Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten verursacht haben wird. Aber das Ergebnis ist, dass man sich wirklich in diese Zeit hineinversetzt fühlt und meint, das Holz knarren zu hören und riechen zu können. Dreyer verwendete auch Originalrequisiten, die er im Museum fand. Besonders gut ist eine Szene, in der Söfren auf seiner Hochzeit mit Frau Margarete zum Löffel greift um ein Stück des Hochzeitskuchens zu essen und feststellen muss, dass sein Löffel mit einer sehr kurzen Kette am Löffel von Frau Margarete befestigt ist. Ein authentisches Objekt, dass hier als Metapher für die zentrale Idee der Geschichte fungiert.

Auffällig ist auch, wie meisterhaft Dreyer – es war immerhin erst sein zweiter Film! – eine mit dem Stummfilm aus der Mode gekommene Technik einsetzt, nämlich die Abdeckung von Teilen des Bildes. Wenn Mari während der Predigt mit dem Einschlafen kämpft, ist sie nur in einer Ecke des Bildes zu erkennen, der Rest ist schwarz verdeckt. Als die Abdeckung gleich darauf entfernt wird und den Blick freigibt auf die anderen Frauen in der Kirche, sieht man diese ebenfalls alle tief und fest schlafen. Die „Enthüllung“ des Bildes sorgt für einen wasserfesten Lacher. Heute würde so etwas über einen Schnitt gelöst werden.

Im letzten Teil des Films wird aus der Komödie ein Drama, in dem die Hauptfiguren eine nachvollziehbare Wandlung durchleben, was mich sehr berührt hat. Den Richtungswechsel des Films vollzogen Stephen Horne (Flügel, Akkordeon, Flöte) und Elizabeth-Jane Baldry (Harfe) meisterhaft mit.

Im übrigen war die neue Restaurierung vom schwedischen Filminstitut hervorragend. Magnus Rosborn vom schwedischen Filminstitut führte, wie schon in vergangenen Jahren, auf deutsch in den Film ein.

Einer meiner Favoriten dieses Festivals, und jetzt schon sicher einer meiner Lieblingsfilme des Jahres.

Nach Recht und Gesetz (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)
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Sonntag, der 18.08.2019 (II)

von Elmar Podlasly

DIE WEISSE HÖLLE VOM PIZ PALÜ (Deutschland 1929, Arnold Fanck, G.W. Pabst)

Leni Riefenstahl & Gustav Diessl in DIE WEISSE HÖLLE VOM PIZ PALÜT (Foto: DFF Deutsches Filminstitut und Filmmuseum)

Das frisch vermählte Paar Hans (Ernst Petersen) und Maria (Leni Riefenstahl) macht eine Bergtour in die Dolomiten. Die Zweisamkeit in einer Berghütte unterbrochen als Dr. Johannes Krafft (Gustav Diessl) in der Hütte auftaucht. Krafft hat vor einigen Jahren seine Verlobte verloren, die nach einer Lawine in eine Gletscherspalte gestürzt ist und deren Leiche nie geborgen werden konnte. Seitdem klettert er in den Bergen herum, in der Hoffnung seine Verlobte wiederzufinden. Die Einheimischen nennen ihn deswegen den „Geist des Berges“. Doch Maria findet Zugang zu dem verschlossenen Krafft und hat Mitleid mit ihm, was Hans eifersüchtig macht. Als Krafft am nächsten Tag einen gefährlichen Aufstieg wagen will, an der er bereits mehrfach gescheitert ist, will Hans ihn begleiten, um vor Maria anzugeben, die er in der Hütte zurücklassen will. Doch Maria lässt sich nicht abhängen und sie klettern zu dritt den Berg hoch. Ihnen auf den Fersen ist eine Gruppe Studenten, die, als sie von weitem Krafft erkennen, diesen aus sportlichen Gründen unbedingt überholen wollen auf dem Weg zum Gipfel und beschließen eine noch gefährlichere Route zu versuchen. Nach einer Weile als dritter Mann in der Seilschaft besteht der ungestüme Hans darauf, die Führung zu übernehmen, was fatale Folgen hat. Er stürzt ab und Krafft muss ihn retten, wobei dieser sich ein Bein bricht. Es löst sich auch noch eine Lawine und begräbt die Gruppe Studenten unter sich, bzw. schubst sie tief in die Gletscherspalten hinab, während Maria, Krafft und der schwerverletzte Hans in der Wand festhängen. Krafft muss seine ganze Erfahrung aufwenden um die drei am Leben zu halten und den Bergführer im Dorf auf sich aufmerksam zu machen. Dieser startet eine Rettungsexpedition doch kann die drei nicht finden. Die Studenten werden nur noch tot geborgen. Schließlich bietet der Flieger Ernst Udet, der zufällig mit Hans und Maria befreundet ist, seine Hilfe an und versucht sie vom Flugzeug aus ausfindig zu machen…

„Die weiße Hölle vom Piz Palü“ (Foto: DFF Deutsches Filminstitut und Filmmuseum)

Der Produzent Harry R. Sokal stellte Fanck, dem Bergfilm-Spezialisten, den Regisseur G.W. Pabst an die Seite, damit dieser sich um die Personenregie in den Innenaufnahmen kümmern sollte, weil Fanck nicht gut mit Schauspielern umgehen konnte. Pabst mischte sich aber auch in andere Teile der Dreharbeiten ein, was Fanck nicht gefallen haben kann. Man erkennt aber die Handschriften beider in dem Film wieder. Die bombastischen überwältigenden Bergaufnahmen, in denen die Schauspieler klein und verloren wirken und dem gegenüber die Intimität des jungen Paares, mit Gesichtern in Großaufnahme. Ich glaube es ist auch der einzige Film, in dem ich Leni Riefenstahl als Schauspielerin etwas abgewinnen kann. Gustav Diessl hat eine wahnsinnig starke Leinwandpräsenz und man glaubt ihm auch den erfahrenen Bergsteiger. Ernst Petersen bleibt etwas blass, aber das passt auch zu seiner Rolle. Alle Beteiligten wurden vor der Kamera Situationen ausgesetzt, die lebensbedrohlich wirken und es wohl auch in Wirklichkeit waren. Was letztendlich den Reiz des Films ausmacht, da er sich durch Authentizität von allen Pappmaché-Kunstschnee-Bergsteigerdramen abhebt. Dafür waren neben den zwei Regisseuren gleich 3 Kameramänner nötig: Sepp Allgeier, Richard Angst und Hans Schneeberger.

Vor allem die unglaubliche Sequenz, wo die Retter mit den brennenden Pechfackeln durch die Gletscherspalten kraxeln um nach den Vermissten zu suchen, ist so beeindruckend, dass man diese im Tonfilm-Remake von 1950 unter dem Titel FÖHN (mit Hans Albers, Lilo Pulver und Adrian Hoven) einfach nochmal verwendet hat.

DIE WEISSE HÖLLE VOM PIZ PALÜ ist aber mit 2 Stunden und 15 Minuten Laufzeit ein ziemlicher Klopper, der mir bei früheren Sichtungen immer zu lang vorkam. Spätestens wenn sie die dritte Nacht in in Folge in der Wand ausharren und Ernst Udet seine endlosen Loopings fliegt, hatte der Film meine Geduld überbeansprucht. Da zeigte sich hier in Bonn mal wieder, was eine gute Musikbegleitung ausmachen kann. Sabrina Zimmermann (Geige) und Mark Pogolski (Flügel) haben es geschafft, mit der von Zimmermann komponierten Musik (die wieder Motive ihres Vaters Aljoscha Zimmermann aufgreift, die dieser für andere Bergfilme von Arnold Fanck komponiert hat) die Längen des Films zu verkürzen. Stetig treibend und aufwühlend, konnte durch Musik die Spannung gehalten werden und die vielen Szenen mit Beinahe-Abstürzen und Menschen die am Seil über dem Abgrund baumeln wurden mit zusätzlicher Dramatik aufgeladen, so das ich einige Male wirklich wirklich kurz die Luft angehalten habe. Die Vorführung verfehlte auch die Wirkung beim Publikum nicht, was dieses mit stehenden Ovationen bekundete.

Sigrid Limprecht, Sabrina Zimmermann, Mark Pogolski (Foto: Elmar Podlasly)
Sigrid Limprecht, Sabrina Zimmermann, Mark Pogolski (Foto: Elmar Podlasly)
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Sonntag, der 18.08.2019 (I)

von Elmar Podlasly

An den Sonntagen des Bonner Festivals findet immer noch ein Rahmenprogramm statt, dieses Jahr nicht wie gewohnt im Landesmuseum, da dieses gerade renoviert wird, sondern im Kulturzentrum Brotfabrik.

Alice Guy, 1906 (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

Der erste Sonntag war ganz der Regisseurin und Produzentin Alice Guy gewidmet, mit deren Filmen MADAME IN NÖTEN und EMANZIPATION DER FRAUEN das Festival ja am Donnerstag eröffnet wurde. Als besondere Überraschung wurden noch zwei Filme wiederholt, die es letztes Jahr bereits in Bonn zu sehen gab, DIE FRÜHLINGSFEE und DIE MAUS IN DER KRINOLINE. Grund hierfür war, dass Festivalleiter Stefan Drößler mit den Farben in der digitalisierten Version von der FRÜHLINGSFEE nicht zufrieden war und jetzt eine bessere Fassung vorliegt.

Der 4minütige DIE FRÜHLINGSFEE (La fée printemps, Frankreich 1906) ist ein besonderer Genuss, da hier bereits viele technische Möglichkeiten des noch jungen Mediums in poetischer Weise genutzt werde. Ein Mann und eine Frau wohnen in einer ärmlichen Hütte, draußen ist tiefster Winter. Sie nehmen eine alte Bettlerin auf, die sich als „Frühlingsfee“ entpuppt, welche den Winter in einen bunten Frühling verwandelt und dem Paar einen Strauß Blumen schenkt. Als das Paar die Blumen im Haus auf den Tisch legt, finden sich darin zwei Babys. Die Frühlingsfee und die Blumenpracht sind in verschiedenen leuchtenden Farben handkoloriert. Alice Guy benutzt zudem Stopptricks, Überblendungen, Zeitlupe und rückwärts laufenden Film um die kurze märchenhafte Geschichte zu erzählen. Mit der Begleitung von Elizabeth-Jane Baldry an der Harfe war das einfach zauberhaft.

Elizabeth-Jane Baldry (Foto: Elmar Podlasly)

DIE MAUS IN DER KRINOLINE (La crinoline, Frankreich 1906) ist eine in 2 Minuten flott inszenierte Slapstickkomödie über die Probleme einer Frau mit ihrer Krinoline (ein weit abstehender Unterrock, auch Reifrock genannt), weil man sich damit weder hinsetzen kann, noch durch eine Zugtür passt. Zumindest nicht, ohne allen zu zeigen, was sie drunter trägt, was wiederum ihr Ehemann unbedingt zu verhindern sucht.

Anschließend gab es einen Dokumentarfilm mit dem Titel ALICE GUY-BLACHÉ (1873 – 1968) – HOMMAGE AN DIE ERSTE FILMEMACHERIN DER WELT (Deutschland 1997, Regie: Katja Raganelli). Ein schöner Film über das Leben und Werk von Alice Guy, produziert als Teil einer Reihe von Filmen über Filmregisseurinnen für Arte. Der Film kombiniert Archivmaterial und Interviews mit Spielszenen in denen Eva Mattes Alice Guy darstellt.

Highlights des Films waren für mich Original-Aufnahmen von Dreharbeiten einer Phonoscène, wo man Alice Guy hinter der Kamera bei der Inszenierung einer Operntruppe beobachten konnte, sowie die Interviews. Regisseurin Katja Raganelli hatte bereits Anfang der 80er Gelegenheit, die Tochter von Alice Guy in Amerika zu interviewen, wo diese, bereits hochbetagt, mit ihrem Bruder zusammen wohnte, der sich aber nicht interviewen lassen wollte. Die Tochter Simone, die ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Mutter gehabt hatte, gibt viele Einblicke in deren fast vergessene Geschichte und gewährte Raganelli Zugriff auf eine Fülle von Material, was diese Dokumentation zu einem einzigartigen Zeitdokument macht. Ein weiteres schönes Interview im Film führt Raganelli mit dem Stummfilmstar Bessie Love in London.

Im letzten Jahr entstand in Amerika unter dem Titel BE NATURAL: THE UNTOLD STORY OF ALICE GUY-BLACHÉ (Regie: Pamela B. Green) ein neuer Dokumentarfilm über Alice Guy, der sicher auch in Deutschland zu sehen sein wird – das wäre eigentlich ein schöner Anlass, Katja Raganellis Film mal wieder im Fernsehen zu wiederholen.

Katja Raganelli, Stefan Drößler (Foto: Elmar Podlasly)
Katja Raganelli (Foto: Elmar Podlasly)

Im zweiten Teil des Nachmittags wurden 5 jeweils zwischen 12 und 16 Minuten lange Filme aus Alice Guys amerikanischer Periode gezeigt, wobei sich Joachim Bärenz, Stephen Horne (beide Flügel) und Elizabeth-Jane Baldry (Harfe) die Musikbegleitung teilten.

Joachim Bärenz (Foto: Elmar Podlasly)

WENN DIE BLÄTTER FALLEN (FALLING LEAVES, USA 1912) beinhaltet einen schönen Gedanken über die ganz eigene Logik von Kindern und macht aus daraus einen Plot Point. Ein kleines Mädchen, deren große Schwester mit Schwindsucht im Bett liegt, hört wie der Arzt sagt, wenn das letzte Blatt gefallen ist, wird die Schwester gestorben sein. Also versucht das Mädchen im Vorgarten die Blätter an den Bäumen festzubinden, denn wenn diese nicht fallen, kann auch die Schwester nicht sterben. Dies beobachtet ein Passant, der stehen bleibt und sich über das Verhalten des Kindes wundert. Es stellt sich heraus, dass der Mann ein berühmter Arzt ist, der gerade ein Heilmittel entdeckt hat, mit dem er die Schwester erst retten, dann heiraten kann.

Dann gab es einen Western, ZWEI KLEINE RANGER (TWO LITTLE RANGERS, USA 1912), in dem völlig selbstverständlich zwei junge Mädchen als Revolverhelden vorkommen, die den Bösewicht besiegen und ihren Vater retten, ohne dass es irgendwie von Männern kommentiert oder in Frage gestellt wird. Sehr unterhaltsam.

DER PREIS DES LEBENS (THE HIGH COST OF LIVING, USA 1912) Ein Drama in dem es um einen Streikbrecher geht, das ich leider überhaupt nicht kapiert habe und deswegen leider auch keinen Zugang gefunden habe. Kommt auch mal vor.

DER SONNENSTRAHL (THE COMING OF SUNBEAM, USA 1913) Ein Melodram, in dem ein verbitterter alter Mann, der „Colonel“, seine Tochter verstößt, weil er ihrer Heirat nicht zustimmen will. Einige Jahre später wird vor seinem Haus in einem Wäschekorb ein kleines Mädchen namens „Sunbeam“ abgegeben, die seine Enkelin ist. Der alte Mann will zunächst nichts von dem Kind wissen, aber nach und nach erbarmt er sich ihrer, die beiden werden ein Herz und eine Seele und der alte Mann blüht auf. Als Sunbeam schwer erkrankt, trifft es den Colonel hart und er ist verzweifelt. Er sitzt in seinem Schaukelstuhl und umarmt das Spielzeug, dass er für Sunbeam gekauft hat. Die Haushälterin holt die Tochter des Colonels zurück ins Haus, die sich als Krankenschwester ausgibt, damit sie sich um Sunbeam kümmert. Schließlich wird die Familie vereint. Der Film hat mich wirklich berührt, nicht nur wegen der wundervollen Harfenmusik von Elizabeth-Jane Baldry, sondern weil hier schnörkellos eine simple Geschichte erzählt wird, von durchaus überzeugenden Darstellern getragen, was erahnen lässt, was Alice Guy als Filmemacherin noch hätte leisten können, wäre es ihr später möglich gewesen, lange Filme zu drehen.

HEIRAT IM EILTEMPO (MATRIMONY´S SPEED LIMIT, USA 1913) ist wiederum eine Slapstickkomödie, ein filmischer Vorfahr von Buster Keatons SEVEN CHANCES (USA 1925). Ein Mann, der sein Vermögen bei einem Börsencrash verloren hat, will aus stolz seine Geliebte nicht mehr heiraten, obwohl diese selber vermögend ist. Da schmiedet sie einen Plan, ihn doch noch zur Hochzeit zu bewegen und schickt ihm einen Brief, der ihn über eine angebliche Erbschaft von einer alten Tante informiert. Doch an die Erbschaft ist eine eine Bedingung geknüpft: Er muss bis um 12:00 Uhr verheiratet sein, und es ist bereits 11:30 Uhr. In einer wilden Hetzjagd durch die Stadt versucht er, irgendeine eine Frau aufzutreiben, die bereit ist, ihn zu heiraten, da er nicht weiß, wo seine Geliebte sich befindet, dabei ist diese nur schnell einen Priester holen… Bemerkenswert ist hier, wie sich die Frau als der klügere Partner über den männlichen Stolz hinwegsetzt. Auch wie gegen Ende des Films versucht wird, in Echtzeit zu erzählen, ist interessant.

Heirat im Eiltempo (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

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Samstag, 17.08.2019

von Elmar Podlasly

Am Samstag waren die Filmgötter uns nicht ganz so gewogen, denn es regnete etwas. Dementsprechend waren weit weniger Leute gekommen, als es das Programm des Abends eigentlich verdiente…

Das verbotene Paradies (Foto: Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.)

„Schnurrbartspitzen nach oben!“

DAS VERBOTENE PARADIES (Forbidden Paradise, USA 1924, R: Ernst Lubitsch)

In einem fiktiven Balkanstaat regiert Königin Katharina (Pola Negri). Sie verbringt ihre Zeit damit, in ihrem Palast haufenweise Männer zu vernaschen, während ihr Hofmarschall (Adolphe Menjou) sich um alle Abläufe diplomatisch kümmert.

Währenddessen brodelt es in ein einem anderen Teil des Landes und eine Revolution droht. Davon wird der junge Offizier Alexei Czerny (Rod La Rocque) Zeuge und macht sich auf Gedeih und Verderb auf den Weg, um seine Königin zu warnen.

Er kommt in den Palast, in dem auch seine Verlobte Anna (Pauline Starke) als Kammerzofe der Königin arbeitet, und verlangt eine Audienz. Der Hofmarschall hält ihn für verrückt und will ihn abführen lassen, doch es gelingt Alexei, bis zur Königin vorzudringen. Doch die ist weniger interessiert an dem, was er zu sagen hat, als an seinem Körper. Sie ernennt ihn zum Hauptmann ihrer Leibgarde, mit eindeutigen Hintergedanken, sehr zum Entsetzen von Anna. Der naive Idealist Alexei kann den beachtlichen Verführungskünsten der Königin nicht lange widerstehen und es kommt zum Eklat, als Anna die Königin konfrontiert. Diese lässt Anna wegen Majestätsbeleidigung einsperren, während draußen die Revolution sich immer weiter ausbreitet…

Der Film wurde erst im letzten Jahr vom New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) restauriert, davor gab es von dem Film nur Fragmente, aber keine aufführbare Fassung. Einige fehlende Teile hat man durch Szenenwiederholungen und durch digitale Rekonstruktion überbrückt, was nicht immer gut gelungen ist. Aber alle wichtigen Szenen sind vollständig und die Bildqualität ist durchweg gut. Was gibt es Schöneres, als einen verschollenen Film endlich sehen zu können, der dann alle Erwartungen erfüllt und gar übertrifft? Endlich kann man eine Lücke füllen und einen von Lubitschs besten amerikanischen Stummfilmen (wieder)sehen. Hauptdarstellerin Pola Negri gebührt ein großer Teil des Erfolgs, ihr ist einfach kein Mann gewachsen. Ernst Lubitsch, ihr Entdecker, soll es sehr gekränkt haben, dass ihr noch vor ihm der Sprung nach Hollywood gelungen ist. Leider blieb DAS VERBOTENE PARADIES die einzige amerikanische Zusammenarbeit der beiden, was angesichts dieses Films umso mehr verwundert. Ansonsten ist der Film der wahrscheinlich frivolste aller Lubitsch-Filme, wobei alles mit Andeutungen, Gesten, Blicken und Gags erzählt wird und natürlich keine nackte Haut zu sehen ist, dafür aber nach oben gezwirbelte Schnurrbart-Enden. Lubitsch schafft es, die Zuschauer erahnen und verstehen zu lassen, dass es immer nur um das Eine geht, ohne dass dieses Eine je benannt wird. Der berühmte Lubitsch-Touch eben. Mein Lieblingsgag ist ein ominöser pompöser Orden, den die Königin nur für eine ganz bestimmte Leistung zu verleihen scheint.

Wie immer bei Lubitsch spielen Türen eine große Rolle. Hier vor allem die Tür zu den Gemächern der Königin, die zwar nicht verschlossen ist, die aber trotzdem nur bestimmte Personen öffnen dürfen, und auf deren Klinke sich von außen viele erwartungsvolle Blicke richten. Nur der Hofmarschall darf durchs Schlüsselloch gucken, wovon er bereits Rückenschmerzen hat, bis die Königin ihm durch einen Vorhang den Blick versperrt. Der Großteil des Films spielt sich auf beiden Seiten dieser Tür ab, doch wenn man mal mehr vom Palast zu sehen bekommt, ist dieser geradezu lächerlich riesig und es würde ohne Schnitt ewig dauern, bis jemand seine gigantischen Hallen durchschritten hat. Der Ton des Films bleibt kontinuierlich leicht, und auch die Revolution findet ein überraschendes unblutiges Ende. Weil Lubitsch seine Figuren liebt, werden sie am Ende nicht bestraft oder geläutert. Die Königin wird nicht verheiratet und tugendhaft, sondern sie macht genau so weiter, wie es ihre Art ist. Der nächste Orden wird bereits verliehen…

Mark Pogolski, Sabrina Zimmermann (Foto: Elmar Podlasly)

Der Film wurde fantastisch begleitet von Sabrina Zimmermann an der Geige und Mark Pogolski am Flügel. Bei der Musik von Sabrina Zimmermann griff sie auf Motive ihres Vaters Aljoscha Zimmermann zurück.

Ich habe mitbekommen, dass einige Zuschauer irritiert waren, weil die deutsche Zwischentitelübersetzung, die ja hier in Bonn neben den Film projiziert wird, zum Teil deutlich von der englischen Originalversion abwich. Das kommt daher, dass die deutschen Titel hier keine Übersetzung der englischen Zwischentitel waren, sondern die originalen deutschen Zwischentitel der 20er Jahre aus der Zensurkarte.

Was ist eigentlich eine Zensurkarte?

Eine Zensurkarte, auch Zulassungskarte oder Erlaubniskarte genannt, ist ein historisches amtliches Dokument der Filmzensur. In Berlin wurde 1906 die polizeiliche Filmzensur eingeführt und jeder Film musste, um überhaupt in den Kinos vorgeführt werden zu können, bei der Polizei zur Kontrolle eingereicht werden. Die füllte die Zensurkarte aus und fügte sie jeder Filmkopie bei, als Nachweis das der Film die Zensur durchlaufen hatte. Viele dieser Karten haben die Zeit überdauert und lagern im Bundesarchiv Filmarchiv. Das Bemerkenswerte an diesen Karten und ihre Bedeutung für die Restaurierung von Filmen liegt darin, dass darauf der Text aller Zwischentitel eines Films vermerkt ist. So kann man z.B. einen Eindruck von nicht mehr existierenden Filmen gewinnen oder Unterschiede zwischen verschiedenen Fassungen erkennen. Oder, wie im Fall von DAS VERBOTENE PARADIES, die deutsche Fassung wiederherstellen, so wie sie einst in Deutschland aufgeführt wurde. Man kann eigentlich davon ausgehen, dass die meisten Zuschauer des Festivals Englisch verstehen. So eröffnet sich eine neue Rezeptionsebene, da man die beiden Fassungen miteinander vergleichen kann. Wer das ablenkend findet, kann sich nur für eine Version entscheiden. Problematisch wird es, wenn sich die Zensurkarte und die Vorführfassung stark unterscheiden. Dann muss eine Anpassung vorgenommen werden. Auch wenn Begriffe auftauchen, die einem heutigen Zuschauer nichts mehr sagen. So übersetzte man bei DAS VERBOTENE PARADIES den „Lord Chamberlain“ laut Zensurkarte damals mit einem Begriff aus dem preußischen Hofprotokoll: „Der Minister des königlichen Hauses“. Weil das aber niemandem mehr etwas sagt, entschied sich die Übersetzerin des Festivals, Andrea Kirchhartz, für den Begriff „Hofmarschall“. Ansonsten hat die alte deutsche Fassung eine sehr schöne altmodisch-blumige Sprache. Aus „Alexei had promised to meet his fiancée at eight o’clock in the Royal gardens.”

wird in der deutschen Fassung dann „Wenn der Hofdienst beendet ist und der Abend seine Schatten über die Büsche der königlichen Gärten deckt, verlangt auch die Liebe nach ihrem Recht.“

KAMPF UMS GLÜCK (FEN DOU, China 1932, Regie: Shi Dongshan)

Kampf ums Glück (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)

In einem Mehrfamilienhaus wohnt unten der alte Grundschullehrer Herr Liu mit seiner Frau, darüber zwei junge Fabrikarbeiter (Zheng Junli und Yuan Congmei), die in ständigem Wettkampf miteinander stehen und obendrein beide in dasselbe Mädchen, genannt „Kleine Schwalbe“ (Yanyan Chen), verliebt sind, die mit ihrem brutalen Adoptivvater über ihnen wohnt.

Der Adoptivvater will Kleine Schwalbe für Geld an einen Mann verheiraten und schlägt sie, als sie sich verweigert. Es gelingt ihr, dem Adoptivvater zu entkommen, und Zheng und Yuan verstecken sie in ihrer Wohnung.

Wieder entbrennt ein Streit zwischen den beiden um Kleine Schwalbe. Herr Liu will schlichten, doch der Adoptivvater kommt dazwischen. Es gelingt Zheng, der „Junger Tiger“ genannt wird, mit Kleiner Schwalbe zu fliehen. Doch nicht nur der Adoptivvater, sondern auch der eifersüchtige Yuan, von Herrn Liu auf eine falsche Fährte geschickt, ist ihnen auf den Fersen. Während Herr Liu mit seiner Frau in sein Heimatdorf zurückkehrt, weil er Angst vor Yuans Rache hat, heiraten Junger Tiger und Kleine Schwalbe in einer anderen Stadt und leben glücklich zusammen, bis Yuan sie dort aufspürt. Es kommt zu einem Kampf auf Leben und Tod, der nur durch Zufall von der Polizei unterbrochen werden kann.

Die beiden kommen ins Gefängnis. Dort erfahren sie vom bevorstehenden Krieg gegen die japanischen Invasoren und Junger Tiger will sich freiwillig melden und provoziert Yuan es auch zu tun. Als Junger Tiger sich von Kleiner Schwalbe in den Fronteinsatz verabschiedet, versteht er nicht warum sie weint. Sie solle ihm doch Erfolg wünschen und fröhlich sein. Während Junger Tiger sich an der Front bewährt und Yuan geläutert den Heldentod stirbt, bleibt Kleine Schwalbe bei Herrn Liu im Dorf. Sie wartet sehnsüchtig auf seine Rückkehr und wird darüber schließlich schwer krank…

Dieser erst vor kurzem wiederentdeckte Film ist eine neue Restaurierung vom China Film Archive. Er ist deutlich besser erhalten als die meisten bisher hier in Bonn gezeigten chinesischen Stummfilme und wurde wunderbar begleitet von Stephen Horne am Flügel und Frank Bockius an den Percussioninstrumenten. Der Grund dafür, dass der Film vergessen war, liegt wahrscheinlich darin, dass es sich nicht um einen kommunistischen Film handelt, sondern einen sehr westlich orientierten. Regisseur Shi Dongshan der (laut Programmheft) im kommunistischen China politisch verfolgt wurde und sich 1955 das Leben nahm, hat sich eine Menge abgeguckt von den amerikanischen Filmen seiner Zeit, insbesondere wohl von Frank Borzages 7TH HEAVEN (USA 1927). Hinzu kommt, wenn der Held gegen Ende in den Krieg zieht, tut er das nicht unter der Flagge der Kommunisten, sondern derer der nationalchinesischen Kuomintang, wobei sich diese beiden verfeindeten Gruppen kurzzeitig vereinten, um gegen die Japaner zu kämpfen, die während des lange währenden chinesischen Bürgerkrieges (1927-1949) Teile des Landes besetzten. Davon abgesehen tut der amerikanische Einfluss dem Film sehr gut, denn zumindest in der ersten Hälfte des Films, die in dem Mietshaus spielt, besticht er durch sehr gute Kameraarbeit. Die Kamera fährt oft im Treppenhaus zwischen den Stockwerken hin und her, während die Bewohner diese hinauf oder hinab stürmen.

Eine schöne Szene ist auch, als Junger Tiger auf einem Jahrmarkt in einer Wurfbude 4 Dämonen-Figuren umwerfen will, um einen Preis für Kleine Schwalbe zu gewinnen. Es gelingt ihm, die Dämonen der Krankheit, des Krieges und des Geldes umzuwerfen, doch den Dämon der Lust will er partout nicht treffen. Eine böse Vorahnung der kommenden Szene mit Yuan.

Etwas genervt hat mich die Figur des Lehrers Liu, der einfach ständig und für jeden weise Ratschläge parat hat. Selbst als gegen Ende des Films der böse Adoptivvater wieder auftaucht und von den Männern des Dorfes verprügelt wird, rät ihm der Lehrer, erst zurückzukehren, wenn er sich geändert habe und ein besserer Mensch geworden ist, was dieser demütig annimmt und sagt, er wisse zu würdigen, was Herr Liu ihm geraten habe.

Als Kleine Schwalbe sich sorgt, ob ihr Junger Tiger wieder von der Front zurückkehren wird, erzählt er ihr, Krieg wäre gar nicht so schlimm, und dass Kugeln tapferen Soldaten ausweichen würden. Man könnte meinen, er sagt das nur, um sie zu beruhigen, aber es passt zu der völlig unkritischen Haltung des Films Krieg gegenüber. Dieser ist scheinbar nur dazu da, damit „richtige Männer“ wie Junger Tiger sich beweisen können, während die anderen an der Front sterben, so dass der Film sich letzten Endes doch als Propaganda entlarvt. Schon am Anfang des Films, wird Herr Liu eingeführt, als er zwei streitende Schüler trennt (wieder eine Vorschau auf das Verhältnis zwischen Yuan und Zheng/Junger Tiger). Junger Tiger zeigt sich dabei beeindruckt von dem einen Jungen, der den anderen verprügelt hat, weil dieser seine Familie beleidigt habe. Der Junge sei kein Feigling und kämpfe für seine Ehre. Darauf antwortet Herr Liu: „Ein Mann, der nicht kämpfen kann, findet nie einen Platz in der Welt“.

Frank Bockius (Foto: Elmar Podlasly)
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Freitag, 16.08.2019

von Elmar Podlasly

DIE GEFAHREN DER GROSSSTADT-STRASSE (Deutschland 1924, R: Toni Attenberger)

Der Film entstand in enger Zusammenarbeit mit der Münchener Polizei. Es ist kein Spielfilm, sondern ein Aufklärungs- oder Lehrfilm, der in einer lose sortierten Aneinanderreihung von Szenen eine Art Katalog von Ordnungswidrigkeiten und Verbrechen vorstellt. Der erste Teil beschäftigt sich hauptsächlich mit Problemen des modernen Stadtverkehrs. So moniert der im Festivalprogramm zitierte „Film-Kurier“ vom 15.12.1924: „[Der Film] demonstriert die Kunst, den Damm zu überqueren, eine Fähigkeit, über die die Mehrzahl unser lieben Mitmenschen, namentlich die holde Weiblichkeit und die Kinder, noch immer nicht verfügen.“ Auch wenn 1924 noch nicht so viele Autos unterwegs waren wie heute, auf den Straßen der Münchner Innenstadt tobte das Leben, wobei hier viele verschieden schnelle Verkehrsmittel und Fußgänger aufeinandertrafen. Der größte „Verkehrsstörer“ sind aber immer die Fußgänger, von denen viele Verkehrserziehung dringend nötig zu haben scheinen, zumindest aber bedarf es der Verkehrspolizei um das Chaos im Zaum zu halten. Die verschiedenen Möglichkeiten eine Straße zu überqueren werden gezeigt, aber auch wie man auf dem Gehweg um die Ecke biegt.

Besonders schön sind einige Szenen mit der Straßenbahn, etwa wie man richtig aussteigt, ohne überfahren zu werden, die mir vielleicht deshalb besonders gefallen haben, weil wir in Hamburg leider seit 1978 keine Straßenbahn mehr haben. Ein Kuriosum war die Demonstration einer lebensrettenden Vorrichtung die vorne an Straßenbahnen angebracht waren, eine Art „Kuhfänger“: War jemand auf die Schienen gestürzt, ließ der Fahrer schnell ein Gitter herunter, das den Mensch wie eine Schaufel aufnahm. Der Film rät dazu, dabei ruhig auf den Schienen liegen zu bleiben, aber die Demonstration wirkte, als ob es ohne aktive Mitarbeit des Darstellers nicht funktioniert hätte.

Überhaupt geht der Film nicht zimperlich mit seinen (größtenteils Laien-)Darstellern um. Das wird am deutlichsten in einer Sequenz über Kinder im Straßenverkehr. „Gefährliche Spiele“ wie auf fahrende Autos aufspringen, oder herannahenden Autos in letzter Sekunde ausweichen, werden in ziemlich halsbrecherisch wirkenden Bildern von echten Münchener Kindern demonstriert. Anscheinend war es damals auch normal, das zwei 5jährige Kinder alleine durch die Stadt gehen durften, für die dann der freundliche Verkehrspolizist für einen Moment den gesamten Münchener Innenstadtverkehr lahmlegt, um die Kinder sicher auf die andere Seite der Straße zu führen. Die brutalste Szene des Films geht über die bloße Demonstration von richtig und falsch hinaus. Eine Nachbarin ist genervt von einer Gruppe lärmender Kinder im Hof und scheucht sie alle raus auf die Straße zum Spielen, wo kurze Zeit später ein Junge überfahren wird. Die weinende Mutter trägt ihr totes Kind zurück auf den Hof, umringt von den anderen Kindern und die Nachbarin steht schockiert daneben. „Das habe ich doch nicht gewollt!“ Die Botschaft wird dem Zuschauer mit dem Holzhammer beigebracht, verfehlt aber ihre Wirkung nicht.

Davon abgesehen verbreitet der Film im Verkehrsteil eine leichte Stimmung, da alle Beteiligten offensichtlich großen Spaß an der Inszenierung der Unfälle und den sonstigen Verfehlungen haben. Einige gucken nicht nur ständig in die Kamera, sondern schmeißen sich mit solcher Inbrunst auf den Asphalt, dass man sich Sorgen um sie macht.

Weniger freundlich wird der Film wenn er sich den Verbrechern zuwendet. Es werden verschiedene „Bettler-Typen“ vorgestellt: Der Bedürftigkeitsbettler (der einzig legitime, der auch sein „Geschenk“, wie der Film das Almosen nennt, nur für Lebensmittel ausgibt), der Gewohnheitsbettler und schließlich der betrügerische Bettler, der z.B. eine Behinderung vortäuscht. Solche Darstellungen sind, sagen wir es mal vorsichtig, heute nicht mehr üblich, und das ist auch gut so. Spannender sind da schon die Vorführungen der Methoden von Taschendieben, wobei mich insbesondere ein Ring mit einem ausklappbaren Mini-Messer beeindruckt hat, mit dem der Dieb mit kurzen Schnitten eine Jacke aufschlitzt, um an die Brieftasche seines Opfers zu gelangen.

Unheimlich hingegen ist der „Zopfabschneider“, der heimlich Mädchen lange Zöpfe abschneidet. Was er damit vorhat, verrät uns der Film nicht.

Im letzten Teil geht es dann um Zuhälterei und Prostitution, wobei hier (leider) keine Frivolitäten dargeboten werden, sondern vielmehr eine Razzia in allen Details, die nur den Zweck hat, zu zeigen, wie toll die Polizei ist. Aber das ist natürlich auch zu erwarten, in einem Film, für dessen Dreharbeiten die Münchener Polizei ganze Einheiten abgestellt hat, die sichtlich stolz ihre Ausrüstung und Uniformen zur Schau stellen. Dabei wirken die alten Pickelhauben und die offenen Mannschaftswagen mit Holzpritschen ebenso unfreiwillig komisch, wie dass es als große Innovation verkauft wird, dass man jetzt den Polizeihund im Motorradbeiwagen schneller zum Tatort bringen kann. Oder wenn der Zwischentitel beim Stellen eines Verbrechers von „List und Tücke“ spricht, aber darunter eigentlich nur „umschubsen“ verstanden wird. Es gibt auch eine Demonstration, wie man als Passant fliehende Verbrecher „falsch“ aufhält, „richtig“ ist nur „seitlich anspringen“. Trotz der distanzlos abgefeierten Staatsgewalt hat der Film großen Spaß gemacht, woran Stephen Horne am Flügel und Frank Bockius an den Percussion-Instrumenten großen Anteil hatten.

Der Film ist auch eine Schatzkiste für Heimatkundler, da alles wirklich auf den Straßen von München und nicht im Studio gedreht wurde. Es ist schon ein wenig erstaunlich, dass der Film so erfolgreich war, dass er damals auch im Ausland gezeigt wurde. Unter anderem in der Schweiz, wo eine fast vollständige Kopie wiederentdeckt wurde, welche auch die Basis für die exzellente Restaurierung war und der Grund für die zweisprachigen Zwischentitel, französisch und deutsch..

Frank Bockius, Stephen Horne // Foto: Elmar Podlasly

DER ROTE KIMONO (The Red Kimona, USA 1925, Regie: Walter Lang & Dorothy Davenport, die im Vorspann nicht als Regisseurin genannt wird)

The Red Kimona Foto: Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.

Dorothy Davenport war eine Schauspielerin aus der Stummfilmzeit, die mit dem großen Hollywood-Star Wallace Reid verheiratet war, der 1923 im Alter von nur 31 Jahren starb. Er gilt als einer von Hollywoods ersten Drogentoten, wobei es sich bei seiner Morphiumsucht wohl um die Folgen einer falschen medizinischen Behandlung handelte und nicht um Party-Exzesse. Dorothy Davenport war jedenfalls durch den Tod ihres Mannes so erschüttert, dass sie sich fortan dem Kampf gegen die Laster der Menschheit verschrieben und sich als Produzentin und Regisseurin etabliert hat. DER ROTE KIMONO beginnt mit Davenport, hier „Mrs. Wallace Reid“ genannt, die der Authentizität der Geschichte Nachdruck zu verleihen sucht, indem sie direkt das Publikum anblickt und „anspricht“(natürlich nur über die Zwischentitel) und den angeblich wahren Fall anhand von alten Zeitungsberichten vorstellt…

1917: Gabrielle Darley (Priscilla Bonner) ist eine junge Prostituierte in New Orleans, die herausfindet, dass ihr geliebter Verlobter, der ihr Zuhälter ist, eine andere Frau heiraten will. Sie stellt ihn beim Juwelier, wo er die Eheringe aussucht, und erschießt ihn im Affekt. Während der Gerichtsverhandlung erfahren wir als Rückblende, wie sie der Zuhälter aus ärmlichen Verhältnissen und einem wenig liebevollen Elternhaus weggelockt und zur Prostitution gezwungen hat. Wir erleben ihren Ekel vor den Freiern und ihre Verzweiflung. Dabei spielt der titelgebende rote Kimono eine besondere Rolle, da er das Symbol ihrer Schande ist. In einer der visuell stärksten Szenen des Films betrachtet Gabrielle sich im Spiegel und sieht sich in einem Hochzeitskleid, doch die Vision weicht jäh der Realität, denn sie trägt ihre „Arbeitskleidung“, den roten Kimono, der als besonders dramatischer Effekt handkoloriert in roter Farbe leuchtet.

Überraschenderweise sprechen die Geschworenen, natürlich nur Männer, sie frei.

Gabrielle möchte nun Krankenschwester werden, um sich dadurch von ihren Sünden reinzuwaschen. Diese Pläne durchkreuzt eine nach Aufmerksamkeit gierende Society-Lady, die Gabrielle bei sich aufnimmt, um sich mit ihrer durch den Fall gewonnen Prominenz zu profilieren. Gabrielle wird nun als neues Spielzeug der High Society auf Partys vorgeführt und schamlos ausgenutzt. Lediglich der Chauffeur Freddy (Theodore von Eltz) meint es gut mit ihr. Die beiden verlieben sich ineinander. Doch während Freddy mit der Chefin auf Reisen ist, wird Gabrielle vor die Tür gesetzt. Sie versucht verzweifelt ihren ursprünglichen Plan wieder aufzunehmen, doch beim Vorstellungsgespräch erkennt sie der Krankenhausdirektor aus der Zeitung wieder. Hier kommt wieder die rote Einfärbung zum Einsatz, als ein glühend rotes „A“ der Schande auf Gabrielle erscheint, frei nach Nathaniel Hawthorne. Sie ist gebrandmarkt. Hungrig und verzweifelt macht sie sich auf den Weg zurück nach New Orleans, um wieder als Prostituierte zu arbeiten. Doch Freddy, der von ihrem Vorleben weiß, ist ihr dicht auf den Fersen, um sie zu retten. Doch wird er sie rechtzeitig finden? Dann kommt auch noch die Nachricht vom Kriegseintritt der USA…

Die Geschichte vom „gefallenem Mädchen“ ist weder neu noch originell und war es auch schon 1925 nicht. Trotzdem hat mich der Film im Bann gehalten. Hauptdarstellerin Priscilla Bonner hat so schöne große traurige Augen, die man in vielen Großaufnahmen bestaunen kann. Abgesehen von dem Gott sei Dank nur sparsam eingesetzten Farbeffekt, der obendrein nicht sehr gut gelungen ist und mir etwas zu sehr als „Gimmick“ erschien, findet der Film immer wieder ziemlich treffende Bilder, wo einfach aber klar erzählt wird. Zum Beispiel wenn Gabrielle ihre zukünftigen Freier nur als Schatten am Fenster sieht, man aber sofort begreift, dass es sich nicht um angenehme Zeitgenossen handelt. Auch hat mir gefallen, dass die Zwischentitel stets auf der Seite der Protagonistin waren und sich spöttisch-sarkastisch über ihre Peiniger äußern.

Der Film wurde sehr schön am Flügel begleitet vom Sommerkino-Urgestein Joachim Bärenz, der hier voll in seinem Element war.

Übrigens: Die echte Gabrielle Darley führte zur Zeit der Veröffentlichung des Films mittlerweile ein angeblich unbescholtenes bürgerliches Leben und war alles andere als begeistert, dass der Film, noch dazu mit ihrem richtigen Namen, ihr Vorleben wieder ans Licht holte. Sie verklagte die Produzenten, sprich: Dorothy Davenport, und gewann. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass es ein Recht auf Privatsphäre gibt. Das Urteil ist in den USA ein heute noch zitierter Präzedenzfall. Die wahre Geschichte der Gabrielle Darley war aber nicht so, wie im Film dargestellt. Wie man hier nachlesen kann, war sie nicht nur Prostituierte, sondern führte selber ein Bordell und es sind im Laufe der Zeit nicht nur einer, sondern 5 Männer in ihrem Leben auf mysteriöse Weise gestorben, wobei sie mit 4 davon verheiratet war…

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Donnerstag, der 15.08.2019

von Elmar Podlasly

Die 35. Ausgabe des Bonner Sommerkinos wurde am Donnerstagabend eröffnet, trotz laufender Renovierungsarbeiten in der gewohnten Location, dem Arkadenhof der Universität.

Da es wohl den ganzen Tag immer wieder Regenschauer gegeben hatte, war der Hof zur Eröffnung leider nicht voll besetzt, aber trotzdem noch gut besucht. Das Stammpublikum lässt sich von etwas Wetter nicht abschrecken, und der harte Kern erst recht nicht. Von den 35 Festivals habe ich zwar leider nur 5 selbst erlebt, aber ich kann mich an Vorstellungen im strömenden Regen erinnern, wo trotzdem hunderte Besucher geblieben sind. Und wer nicht an seine Regenjacke gedacht hat, kann im Eingangsbereich einen Poncho erwerben. Es gibt also keine Ausreden und die hatte man auch gar nicht nötig, denn das Wetter blieb uns gewogen, mal von ein paar verirrten Tropfen kurz vor Schluss abgesehen. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Bonner Bürgermeister Ashok-Alexander Sridharan ergriffen die Festivalleiter Sigrid Limprecht und Stefan Drössler nacheinander das Wort.

Stefan Drössler erzählte dabei, dass er immer wieder gefragt werde, was denn das Thema des Festivals wäre, wobei es eigentlich keins gibt, es geht mehr darum möglichst viele Epochen und Stilrichtungen der Stummfilmzeit abzudecken. Aber es ergeben sich bei der Filmauswahl immer wieder thematische Bezüge, „rote Fäden“, die sich durch das Festival ziehen. Ein solcher thematischer Faden sind dieses Jahr Filme, die sich mit Geschlechterfragen auseinandersetzten. Seit #metoo wird sich verstärkt an Filme von Frauen erinnert, von denen viele, vergessen sind, vor allem aus der Frühzeit des Films (also sowohl die Filme als auch die Macherinnen). Ein besonderes Beispiel ist Alice Guy, die als erste Filmemacherin der Welt gilt, von 1897 bis 1906 das Studio von Léon Gaumont leitete und der als Regisseurin über 1000 Filme zugeschrieben werden. In der Frühzeit des Films waren die Macher hinter der Kamera in der Regel unbekannt, bzw. sie wurden selten namentlich genannt oder in Programmen erwähnt. Da Alice Guy derzeit Thema eines neuen amerikanischen Dokumentarfilms ist und einiges über sie geschrieben wird (und wir auch schon letztes Jahr einige ihrer kurzen Filme hier in Bonn zu sehen bekamen), war es naheliegend, das Festival mit 2 Filmen von ihr zu eröffnen.

MADAME IN NÖTEN (Madame a des envies, Frankreich 1906)

Eine hochschwangere Frau zieht durch die Stadt, stets gefolgt von ihrem gestressten Ehemann mit bereits einem Baby im Kinderwagen, und nimmt sich alles, wonach es ihr gelüstet: Sie klaut einem Kind den Lutscher, einem Bettler den Hering, einem Zecher den Absinth und auch vor der Pfeife eines Straßenkehrers macht sie nicht halt. Das verursacht allerlei Tumult, was die Frau aber nicht abschreckt. Die Binge-Tour endet in einem Kohl-Beet, wo ihr Baby innerhalb einer Sekunde auf die Welt kommt. 5 sehr kurzweilige Minuten, die mit einer wunderbaren Leichtigkeit die Verhältnisse seiner Zeit auf die Schippe nehmen. Die Schwangere setzt sich über alles hinweg, aber letztendlich kann ihr dank ihrer Umstände keiner lange böse sein, schon gar nicht das Publikum.

EMANZIPATION DER FRAUEN (Les résultats du féminisme, Frankreich 1906)

In einer fiktiven Umkehrsituation haben Männer und Frauen die Rollen getauscht. Und zwar nicht in der üblichen Klamauk-Variante, wo Männer für einen Lacher in Frauenklamotten rumlaufen, sondern konsequent zu Ende gedacht. Die Frauen sitzen bewaffnet in der Kneipe und saufen, während die Männer daheim nähen und bügeln und sich um die Kinder kümmern müssen. Obendrein sind sie auf der Straße den ständigen Belästigungen von Frauen ausgesetzt. Es kommt dank der ständigen Misshandlung und Unterdrückung zur Revolte, bei der die Männer sich gegen die Frauen auflehnen.

Der Film wird von manchen auch als anti-feministisch gedeutet, aber mir schien er eindeutig das Gegenteil zu wollen. Unter dem Deckmantel der Komödie hält er der Geschlechterordnung schonungslos den Spiegel vor und zeigt den Aufstand der Unterdrückten (hier ist wohl besonders die Suffragetten-Bewegung gemeint) nur als logische und verständliche Konsequenz. Man(n) sollte sich auch während des 8-Minutenfilms fragen, warum das Gezeigte über 100 Jahre später immer noch so komisch ist.

GLEICHE MORAL (The Single Standard, USA 1929, R:John S. Robertson)

Als erster Langfilm des Festivals lief einer von Greta Garbos letzten Stummfilmen, THE SINGLE STANDARD.

Der Film zeigt die 20er Jahre als eine Zeit der Doppelmoral. Während die Männer sich im Nachtleben mit leichten Mädchen vergnügen, müssen die Frauen daheim nicht nur Heim und Herd hüten, sondern auch ihre Tugend.

Ada (oder Arden, wie sie in der US-Version heißt), gespielt von Greta Garbo, ist jung, vermögend und alleinstehend, und hat ihren eigenen Willen. Die Heiratsanträge von Tommy (Johnny Mack Brown) lehnt sie ab und vergnügt sich lieber mit dessen Chauffeur. Dieser ist ein verarmter Adeliger und gesellschaftlich abgestuft, aber sie begegnet ihm auf Augenhöhe. Als Tommy davon Wind bekommt, feuert er den Chauffeur, der mit dieser erneuten Abstufung nicht klarkommt und sich auf der Stelle und vor Adas Augen mit seinem Wagen in den Tod fährt.

Einige Zeit später gerät Ada durch Zufall in eine Ausstellung des erfolgreichen Malers Cannon (Nils Asther), der seine Boxerkarriere für die Kunst aufgegeben hat. Zwischen den beiden herrscht sofort eine starke Anziehungskraft. Noch während der Ausstellung wird Cannon zu einem Boxkampf herausgefordert, der unverzüglich ausgeführt wird und aus dem er natürlich als Sieger hervorgeht. Während des Kampfes gibt es diverse Zwischenschnitte auf Ada, und der Ausdruck auf ihrem Gesicht ist eine Mischung aus Sorge, Abscheu und Erregung – einer von Garbos besten Momenten im Film.

So viel Männlichkeit kann sie schwer widerstehen und sie begibt sich spontan mit ihm auf eine Segelreise mit seinem Schiff, der „All Alone“. Dort erleben die beiden eine traumhaft romantische Zeit, und der Zuschauer einige sehr schön fotografierte Sequenzen (ein Bild daraus ist das diesjährige Plakatmotiv des Festivals geworden). Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer, der Name des Schiffs hätte ihr eine Warnung sein müssen. Der „malende Matrosenboxer“(Zitat aus der Lichtbild-Bühne, laut Programmheft) trennt sich von ihr, da er nur für seine Kunst lebt und frei sein will. Die enttäuschte Ada kehrt zurück in ihr ödes Society-Leben, wo man ihr ihre Affären sehr übel genommen hat. Da erscheint Tommy wieder auf dem Plan und erneuert seinen Heiratsantrag. 4 Jahre später haben Ada und Tommy einen kleinen Sohn und führen ein scheinbar glückliches Familienleben. Doch dann kehrt Cannon aus dem „fieberverseuchten Inneren Chinas“ zurück und läuft durch Zufall Ada in die Arme, nach der er sich die ganze Zeit gesehnt hat. Die Gefühle flammen sofort wieder auf und Cannon will sie wiederhaben, diesmal für immer. Wie wird Ada sich entscheiden?

1929 war der Siegeszug des Tonfilms in Amerika bereits weit fortgeschritten und der Stummfilm eigentlich erledigt. Große Ausnahmen waren Chaplin, der sich dem Tonfilm noch lange verweigerte, und die Garbo. Der Grund für die Verzögerung ihres Tonfilmdebüts soll gewesen sein, dass man bei MGM fürchtete, das Publikum mit dem schwedischen Akzent der Diva zu verschrecken; sie brauchte noch Zeit, um ihr Englisch zu verbessern. Sicherheitshalber spielte sie dann in ihrem ersten richtigen Tonfilm, ANNA CHRISTIE, eine schwedische Prostituierte. Auch THE SINGLE STANDARD wurde in den USA bereits als Tonfilm vermarktet, auf der Tonspur war jedoch lediglich Musik mit ein paar Soundeffekten. Da die Tonspur auf den Filmstreifen platziert wird, man das beim Dreh des Films aber noch nicht eingeplant hatte, wurde das Bild seitlich beschnitten, um Platz für den Ton zu haben. Es fehlte also bei der amerikanischen Fassung links ein Teil des Bildes. In Europa und anderen Teilen der Welt, wo noch nicht alle Kinos auf Tonfilm umgerüstet waren, lief der Film als Stummfilm, dafür mit intaktem Bild. Zu sehen war die österreichische Version mit dem Titel GLEICHE MORAL (in Deutschland lief der Film unter dem passenderen Titel UNSICHTBARE FESSELN). Die hier in Bonn gezeigte 35mm-Kopie war nicht restauriert, etwas dunkel und mit ein paar Unschärfen, aber immer noch sehr schön anzusehen, so dass man die zwei großen Stärken des Films genießen konnte. Da ist einmal die „Göttliche“ Garbo, in einer für sie bis dato eher ungewöhnlichen Rolle. Sie spielt sehr gut und sieht fantastisch aus – zum Anschmachten schön – aber ist eben nicht der typische „Vamp“, wie sie ihn in ihren vorherigen amerikanischen Filmen so erfolgreich verkörperte (zum Beispiel in FLESH AND THE DEVIL, der letztes Jahr hier bei den Stummfilmtagen zu sehen war). Sie ist vielmehr eine moderne, selbstbewusste Frau, die unter den „unsichtbaren Fesseln“ leidet, die die Gesellschaft ihr anlegt: Wer sich nicht an die Regeln hält, dem droht gesellschaftliche Ächtung. Und auch wenn der Film diese Ansätze nie vertieft und eben Hollywood-typisch an der glänzenden Oberfläche bleibt, leidet man mit Ada, deren Freiheit sich am Ende darauf beschränkt, zwischen dem boxenden Matrosenmaler und der Mutterrolle entscheiden zu müssen. Wobei man der Garbo die Mutterrolle vollends abnimmt und die Szenen mit ihr und dem Kind sehr schön sind.

Ausschnitt aus der amerikanischen Fassung: Garbo mit Kind

Die andere Stärke ist der wunderschöne Look des Films, mit der exzellenten Kameraarbeit von Oliver T. Marsh (der die Garbo bereits ein Jahr zuvor in THE DIVINE WOMAN vor der Linse hatte) sowie exquisiten Art-Deco-Sets und -Kleidern.

Irgendwie ist es auch mal ganz nett, dass der Film nicht damit endet, dass sich jemand erschießt oder ins Wasser geht, was ja in den Dramen der Zeit durchaus häufiger passiert.

Der Film wurde von Stephen Horne am Piano begleitet, der gelegentlich auch zur Flöte und anderen Instrumenten griff. Dabei gelang es ihm auch, einige komödiantische Momente hervorzuheben, die in dem ansonsten ernsten Drama vielleicht untergegangen wären. Die Szenen mit Garbo und dem Kind waren mit der Flöte gut unterstützt.

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