PETER PAN, DER TRAUMELF (PETER PAN, USA 1924, Regie: Herbert Brenon)
Peter Pan, der Traumelf (Foto: Förderverein Filmkultur Bonn e.V.)
„…it is necessary that all of you – no matter what age you may have individually attained – should be children. PETER PAN will laughingly blow the fairy dust in your eyes and presto! You’ll all be back in the nursery, and once more you’ll believe in fairies, and the play moves on.”
J.M. Barries
“Vorwort” zur Filmversion seines Stückes.
Viele amerikanische Filme aus der
Stummfilmzeit waren Adaptionen von Theaterstücken, und da bildet
PETER PAN, DER TRAUMELF keine Ausnahme. Er will seine Herkunft aber
auch nicht verleugnen, im Gegenteil. Mit der Nähe zum Theaterstück
und dem Segen des Autors J.M. Barrie versuchte man, an den Erfolg des
beliebten Theaterstücks anzuknüpfen. Viele Szenenbilder erinnern
vom Aufbau her an die Bühne. Dann werden alle Tiere im Film von
Menschen in Tierkostümen gespielt, prominent vor allem der
Familienhund Nana und das Krokodil, das es auf Captain Hook abgesehen
hat. In beiden steckte der Schauspieler George
Ali, der auf Tierdarstellungen im Theater spezialisiert war.
Bemerkenswert ist Nanas Kopf, der durch Ali von innen gesteuert
werden und eine ganze Reihe verschiedener Ausdrücke produzieren
konnte. Nebenbei bemerkt, der Film war auf dem Hof sehr gut besucht
und jemand hatte seinen Hund mitgebracht, der gelegentlich störend
auf sich aufmerksam machte. Aber einmal war sein Bellen zufällig so
gut auf das Erscheinen Nanas auf der Leinwand abgestimmt, dass es
einen Lacher gab.
Wenn man vom Stummfilm als einem Medium
ausgeht, dass dann am stärksten ist, wenn es möglichst wenig
Dialoge/Zwischentitel gibt und sich ganz auf die Kraft der
musikalisch unterstützten Bilder verlassen wird, sind zu viele
Dialoge natürlich hinderlich. Dialoge hat der Film leider sehr
viele, die größtenteils aus dem Theaterstück stammen, so dass man
am Ende des Films eigentlich das ganze Stück mitgelesen hat.
Immerhin wird dadurch viel von der Original-Geschichte bewahrt. Die
größte Sünde des Films bleibt jedoch, Stummfilmstar Anna May Wong
als Tiger Lily zu besetzten und sie dann völlig zu verschwenden. Sie
taucht gerade mal in 2 Szenen kurz auf und hat einen einzigen Satz.
Dafür gibt es immer wieder für die
Entstehungszeit grandiose Spezialeffekte. Vor allem die Darstellung
von Tinkerbell (die damals in der deutschen Fassung „Glühweiße“
genannt wurde) ist sehr gelungen und auch die fliegenden Kinder sind
überzeugend.
Peter Pan wird von der 17jährigen
Betty Bronson mit viel Sinn für Theatralik gespielt. Bereits in den
Theateraufführungen wurden gerne junge Frauen besetzt, da es für
einen kleinen Jungen schlicht unmöglich ist, so viel Text zu lernen.
Nur in einer Großaufnahme irritiert
es, dass man unter Peters Wams Brüste erahnen kann. Eine
zeitgenössische Kritik aus der New York Times, die auszugsweise im
Programmheft abgedruckt ist, meint hingegen, onduliertes Haar
entdeckt zu haben, das das Geschlecht der Hauptdarstellerin verrate.
Bronson hatte eine Ballett-Ausbildung, was ihr sehr zugute kam, da
sie den physischen Anforderungen der Rolle gewachsen war.
Captain Hook wird mit Gusto von
Charakterdarsteller Ernest Torrence gespielt, „the man you loved to
hiss“, bei dem ich immer sofort an seine Rolle als Buster Keatons
Vater in STEAMBOAT BILL JR. (1928) denken muss. Sein Captain Hook
liest Bücher über gutes Benehmen, welches er Frauen gegenüber auch
umsetzt, und benutzt einen Zigarrenhalter, mit dem er zwei Zigarren
gleichzeitig rauchen kann.
Drollig sind auch die patriotischen
Einschübe, die zumindest für das hiesige Publikum natürlich
komisch wirken, wenn z.B. die Kinder lieber über die Planke gehen
wollen, als bei Captain Hook als Schiffsjunge anzuheuern, weil dieser
sich nicht den „Stars and Stripes“ verpflichtet sieht. Und kaum
hat Peter Pan das Piratenschiff in seine Gewalt gebracht, wird die
Piratenflagge eingeholt und die amerikanische Flagge gehisst.
Eine Überraschung war für mich eine interaktive Szene etwa zu Beginn des letzten Drittels des Films, wo Peter Pan plötzlich die vierte Wand durchbricht und sich ganz unvermittelt ans Publikum wendet und um Hilfe bittet. Tinkerbell, die Peters von Captain Hook vergiftete Medizin ausgetrunken hat, damit Peter sie nicht trinkt, liegt im Sterben. Ihr Licht wird schwächer. Es kann nur vor dem Erlöschen bewahrt werden, wenn wieder viele Kinder an Feen glauben. Peter Pan fragt das Publikum: „Glaubt ihr? Dann klatscht ganz doll in die Hände!“ Eine Aufforderung, der das Bonner Publikum gerne nachkam, und Tinkerbell konnte gerettet werden.
Der Film wurde von Elizabeth-Jane Baldry ausschließlich an der Harfe begleitet. PETER PAN, DER TRAUMELF ist ihr Lieblingsfilm, was der Grund ist, dass Festivalleiter Stefan Drößler ihn ins Programm genommen hat.
Elizabeth-Jane Baldry (Foto: Elmar Podlasly)Franziska Kremser-Klinkertz (Foto: Elmar Podlasly)Stefan Drößler (Foto: Elmar Podlasly)
Am Samstag waren die Filmgötter uns
nicht ganz so gewogen, denn es regnete etwas. Dementsprechend waren
weit weniger Leute gekommen, als es das Programm des Abends
eigentlich verdiente…
Das verbotene Paradies (Foto: Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.)
„Schnurrbartspitzen nach oben!“
DAS VERBOTENE PARADIES
(Forbidden Paradise, USA 1924, R: Ernst Lubitsch)
In einem fiktiven Balkanstaat regiert
Königin Katharina (Pola Negri). Sie verbringt ihre Zeit damit, in
ihrem Palast haufenweise Männer zu vernaschen, während ihr
Hofmarschall (Adolphe Menjou) sich um alle Abläufe diplomatisch
kümmert.
Währenddessen brodelt es in ein einem
anderen Teil des Landes und eine Revolution droht. Davon wird der
junge Offizier Alexei Czerny (Rod La Rocque) Zeuge und macht sich auf
Gedeih und Verderb auf den Weg, um seine Königin zu warnen.
Er kommt in den Palast, in dem auch
seine Verlobte Anna (Pauline Starke) als Kammerzofe der Königin
arbeitet, und verlangt eine Audienz. Der Hofmarschall hält ihn für
verrückt und will ihn abführen lassen, doch es gelingt Alexei, bis
zur Königin vorzudringen. Doch die ist weniger interessiert an dem,
was er zu sagen hat, als an seinem Körper. Sie ernennt ihn zum
Hauptmann ihrer Leibgarde, mit eindeutigen Hintergedanken, sehr zum
Entsetzen von Anna. Der naive Idealist Alexei kann den beachtlichen
Verführungskünsten der Königin nicht lange widerstehen und es
kommt zum Eklat, als Anna die Königin konfrontiert. Diese lässt
Anna wegen Majestätsbeleidigung einsperren, während draußen die
Revolution sich immer weiter ausbreitet…
Der Film wurde erst im letzten Jahr vom
New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) restauriert, davor gab es von
dem Film nur Fragmente, aber keine aufführbare Fassung. Einige
fehlende Teile hat man durch Szenenwiederholungen und durch digitale
Rekonstruktion überbrückt, was nicht immer gut gelungen ist. Aber
alle wichtigen Szenen sind vollständig und die Bildqualität ist
durchweg gut. Was gibt es Schöneres, als einen verschollenen Film
endlich sehen zu können, der dann alle Erwartungen erfüllt und gar
übertrifft? Endlich kann man eine Lücke füllen und einen von
Lubitschs besten amerikanischen Stummfilmen (wieder)sehen.
Hauptdarstellerin Pola Negri gebührt ein großer Teil des Erfolgs,
ihr ist einfach kein Mann gewachsen. Ernst Lubitsch, ihr Entdecker,
soll es sehr gekränkt haben, dass ihr noch vor ihm der Sprung nach
Hollywood gelungen ist. Leider blieb DAS VERBOTENE PARADIES die
einzige amerikanische Zusammenarbeit der beiden, was angesichts
dieses Films umso mehr verwundert. Ansonsten ist der Film der
wahrscheinlich frivolste aller Lubitsch-Filme, wobei alles mit
Andeutungen, Gesten, Blicken und Gags erzählt wird und natürlich
keine nackte Haut zu sehen ist, dafür aber nach oben gezwirbelte
Schnurrbart-Enden. Lubitsch schafft es, die Zuschauer erahnen und
verstehen zu lassen, dass es immer nur um das Eine geht, ohne dass
dieses Eine je benannt wird. Der berühmte Lubitsch-Touch eben. Mein
Lieblingsgag ist ein ominöser pompöser Orden, den die Königin nur
für eine ganz bestimmte Leistung zu verleihen scheint.
Wie immer bei Lubitsch spielen Türen eine große Rolle. Hier vor allem die Tür zu den Gemächern der Königin, die zwar nicht verschlossen ist, die aber trotzdem nur bestimmte Personen öffnen dürfen, und auf deren Klinke sich von außen viele erwartungsvolle Blicke richten. Nur der Hofmarschall darf durchs Schlüsselloch gucken, wovon er bereits Rückenschmerzen hat, bis die Königin ihm durch einen Vorhang den Blick versperrt. Der Großteil des Films spielt sich auf beiden Seiten dieser Tür ab, doch wenn man mal mehr vom Palast zu sehen bekommt, ist dieser geradezu lächerlich riesig und es würde ohne Schnitt ewig dauern, bis jemand seine gigantischen Hallen durchschritten hat. Der Ton des Films bleibt kontinuierlich leicht, und auch die Revolution findet ein überraschendes unblutiges Ende. Weil Lubitsch seine Figuren liebt, werden sie am Ende nicht bestraft oder geläutert. Die Königin wird nicht verheiratet und tugendhaft, sondern sie macht genau so weiter, wie es ihre Art ist. Der nächste Orden wird bereits verliehen…
Mark Pogolski, Sabrina Zimmermann (Foto: Elmar Podlasly)
Der Film wurde fantastisch begleitet von Sabrina Zimmermann an der Geige und Mark Pogolski am Flügel. Bei der Musik von Sabrina Zimmermann griff sie auf Motive ihres Vaters Aljoscha Zimmermann zurück.
Ich habe mitbekommen, dass einige Zuschauer irritiert waren, weil die deutsche Zwischentitelübersetzung, die ja hier in Bonn neben den Film projiziert wird, zum Teil deutlich von der englischen Originalversion abwich. Das kommt daher, dass die deutschen Titel hier keine Übersetzung der englischen Zwischentitel waren, sondern die originalen deutschen Zwischentitel der 20er Jahre aus der Zensurkarte.
Was ist eigentlich eine Zensurkarte?
Eine Zensurkarte, auch Zulassungskarte
oder Erlaubniskarte genannt, ist ein historisches amtliches Dokument
der Filmzensur. In Berlin wurde 1906 die polizeiliche Filmzensur
eingeführt und jeder Film musste, um überhaupt in den Kinos
vorgeführt werden zu können, bei der Polizei zur Kontrolle
eingereicht werden. Die füllte die Zensurkarte aus und fügte sie
jeder Filmkopie bei, als Nachweis das der Film die Zensur durchlaufen
hatte. Viele dieser Karten haben die Zeit überdauert und lagern im
Bundesarchiv Filmarchiv. Das Bemerkenswerte an diesen Karten und ihre
Bedeutung für die Restaurierung von Filmen liegt darin, dass darauf
der Text aller Zwischentitel eines Films vermerkt ist. So kann man
z.B. einen Eindruck von nicht mehr existierenden Filmen gewinnen oder
Unterschiede zwischen verschiedenen Fassungen erkennen. Oder, wie im
Fall von DAS VERBOTENE PARADIES, die deutsche Fassung
wiederherstellen, so wie sie einst in Deutschland aufgeführt wurde.
Man kann eigentlich davon ausgehen, dass die meisten Zuschauer des
Festivals Englisch verstehen. So eröffnet sich eine neue
Rezeptionsebene, da man die beiden Fassungen miteinander vergleichen
kann. Wer das ablenkend findet, kann sich nur für eine Version
entscheiden. Problematisch wird es, wenn sich die Zensurkarte und die
Vorführfassung stark unterscheiden. Dann muss eine Anpassung
vorgenommen werden. Auch wenn Begriffe auftauchen, die einem heutigen
Zuschauer nichts mehr sagen. So übersetzte man bei DAS VERBOTENE
PARADIES den „Lord Chamberlain“ laut Zensurkarte damals mit einem
Begriff aus dem preußischen Hofprotokoll: „Der Minister des
königlichen Hauses“. Weil das aber niemandem mehr etwas sagt,
entschied sich die Übersetzerin des Festivals, Andrea Kirchhartz,
für den Begriff „Hofmarschall“. Ansonsten hat die alte deutsche
Fassung eine sehr schöne altmodisch-blumige Sprache. Aus „Alexei
had promised to meet his fiancée at eight o’clock in the Royal
gardens.”
wird in der deutschen Fassung dann „Wenn der Hofdienst beendet ist und der Abend seine Schatten über die Büsche der königlichen Gärten deckt, verlangt auch die Liebe nach ihrem Recht.“
KAMPF UMS GLÜCK (FEN DOU, China 1932, Regie: Shi Dongshan)
In einem Mehrfamilienhaus wohnt unten
der alte Grundschullehrer Herr Liu mit seiner Frau, darüber zwei
junge Fabrikarbeiter (Zheng Junli und Yuan Congmei), die in ständigem
Wettkampf miteinander stehen und obendrein beide in dasselbe Mädchen,
genannt „Kleine Schwalbe“ (Yanyan Chen), verliebt sind, die mit
ihrem brutalen Adoptivvater über ihnen wohnt.
Der Adoptivvater will Kleine Schwalbe
für Geld an einen Mann verheiraten und schlägt sie, als sie sich
verweigert. Es gelingt ihr, dem Adoptivvater zu entkommen, und Zheng
und Yuan verstecken sie in ihrer Wohnung.
Wieder entbrennt ein Streit zwischen
den beiden um Kleine Schwalbe. Herr Liu will schlichten, doch der
Adoptivvater kommt dazwischen. Es gelingt Zheng, der „Junger Tiger“
genannt wird, mit Kleiner Schwalbe zu fliehen. Doch nicht nur der
Adoptivvater, sondern auch der eifersüchtige Yuan, von Herrn Liu auf
eine falsche Fährte geschickt, ist ihnen auf den Fersen. Während
Herr Liu mit seiner Frau in sein Heimatdorf zurückkehrt, weil er
Angst vor Yuans Rache hat, heiraten Junger Tiger und Kleine Schwalbe
in einer anderen Stadt und leben glücklich zusammen, bis Yuan sie
dort aufspürt. Es kommt zu einem Kampf auf Leben und Tod, der nur
durch Zufall von der Polizei unterbrochen werden kann.
Die beiden kommen ins Gefängnis. Dort
erfahren sie vom bevorstehenden Krieg gegen die japanischen Invasoren
und Junger Tiger will sich freiwillig melden und provoziert Yuan es
auch zu tun. Als Junger Tiger sich von Kleiner Schwalbe in den
Fronteinsatz verabschiedet, versteht er nicht warum sie weint. Sie
solle ihm doch Erfolg wünschen und fröhlich sein. Während Junger
Tiger sich an der Front bewährt und Yuan geläutert den Heldentod
stirbt, bleibt Kleine Schwalbe bei Herrn Liu im Dorf. Sie wartet
sehnsüchtig auf seine Rückkehr und wird darüber schließlich
schwer krank…
Dieser erst vor kurzem wiederentdeckte
Film ist eine neue Restaurierung vom China Film Archive. Er ist
deutlich besser erhalten als die meisten bisher hier in Bonn
gezeigten chinesischen Stummfilme und wurde wunderbar begleitet von
Stephen Horne am Flügel und Frank Bockius an den
Percussioninstrumenten. Der Grund dafür, dass der Film vergessen
war, liegt wahrscheinlich darin, dass es sich nicht um einen
kommunistischen Film handelt, sondern einen sehr westlich
orientierten. Regisseur Shi Dongshan der (laut Programmheft) im
kommunistischen China politisch verfolgt wurde und sich 1955 das
Leben nahm, hat sich eine Menge abgeguckt von den amerikanischen
Filmen seiner Zeit, insbesondere wohl von Frank Borzages 7TH HEAVEN
(USA 1927). Hinzu kommt, wenn der Held gegen Ende in den Krieg zieht,
tut er das nicht unter der Flagge der Kommunisten, sondern derer der
nationalchinesischen Kuomintang, wobei sich diese beiden verfeindeten
Gruppen kurzzeitig vereinten, um gegen die Japaner zu kämpfen, die
während des lange währenden chinesischen
Bürgerkrieges (1927-1949) Teile des Landes besetzten. Davon
abgesehen tut der amerikanische Einfluss dem Film sehr gut, denn
zumindest in der ersten Hälfte des Films, die in dem Mietshaus
spielt, besticht er durch sehr gute Kameraarbeit. Die Kamera fährt
oft im Treppenhaus zwischen den Stockwerken hin und her, während die
Bewohner diese hinauf oder hinab stürmen.
Eine schöne Szene ist auch, als Junger
Tiger auf einem Jahrmarkt in einer Wurfbude 4 Dämonen-Figuren
umwerfen will, um einen Preis für Kleine Schwalbe zu gewinnen. Es
gelingt ihm, die Dämonen der Krankheit, des Krieges und des Geldes
umzuwerfen, doch den Dämon der Lust will er partout nicht treffen.
Eine böse Vorahnung der kommenden Szene mit Yuan.
Etwas genervt hat mich die Figur des
Lehrers Liu, der einfach ständig und für jeden weise Ratschläge
parat hat. Selbst als gegen Ende des Films der böse Adoptivvater
wieder auftaucht und von den Männern des Dorfes verprügelt wird,
rät ihm der Lehrer, erst zurückzukehren, wenn er sich geändert
habe und ein besserer Mensch geworden ist, was dieser demütig
annimmt und sagt, er wisse zu würdigen, was Herr Liu ihm geraten
habe.
Als Kleine Schwalbe sich sorgt, ob ihr Junger Tiger wieder von der Front zurückkehren wird, erzählt er ihr, Krieg wäre gar nicht so schlimm, und dass Kugeln tapferen Soldaten ausweichen würden. Man könnte meinen, er sagt das nur, um sie zu beruhigen, aber es passt zu der völlig unkritischen Haltung des Films Krieg gegenüber. Dieser ist scheinbar nur dazu da, damit „richtige Männer“ wie Junger Tiger sich beweisen können, während die anderen an der Front sterben, so dass der Film sich letzten Endes doch als Propaganda entlarvt. Schon am Anfang des Films, wird Herr Liu eingeführt, als er zwei streitende Schüler trennt (wieder eine Vorschau auf das Verhältnis zwischen Yuan und Zheng/Junger Tiger). Junger Tiger zeigt sich dabei beeindruckt von dem einen Jungen, der den anderen verprügelt hat, weil dieser seine Familie beleidigt habe. Der Junge sei kein Feigling und kämpfe für seine Ehre. Darauf antwortet Herr Liu: „Ein Mann, der nicht kämpfen kann, findet nie einen Platz in der Welt“.
Gefahren der Großstadtstrasse Foto: Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.
DIE GEFAHREN DER GROSSSTADT-STRASSE
(Deutschland 1924, R: Toni Attenberger)
Der Film entstand in enger
Zusammenarbeit mit der Münchener Polizei. Es ist kein Spielfilm,
sondern ein Aufklärungs- oder Lehrfilm, der in einer lose sortierten
Aneinanderreihung von Szenen eine Art Katalog von
Ordnungswidrigkeiten und Verbrechen vorstellt. Der erste Teil
beschäftigt sich hauptsächlich mit Problemen des modernen
Stadtverkehrs. So moniert der im Festivalprogramm zitierte
„Film-Kurier“ vom 15.12.1924: „[Der Film] demonstriert die
Kunst, den Damm zu überqueren, eine Fähigkeit, über die die
Mehrzahl unser lieben Mitmenschen, namentlich die holde Weiblichkeit
und die Kinder, noch immer nicht verfügen.“ Auch wenn 1924 noch
nicht so viele Autos unterwegs waren wie heute, auf den Straßen der
Münchner Innenstadt tobte das Leben, wobei hier viele verschieden
schnelle Verkehrsmittel und Fußgänger aufeinandertrafen. Der größte
„Verkehrsstörer“ sind aber immer die Fußgänger, von denen
viele Verkehrserziehung dringend nötig zu haben scheinen, zumindest
aber bedarf es der Verkehrspolizei um das Chaos im Zaum zu halten.
Die verschiedenen Möglichkeiten eine Straße zu überqueren werden
gezeigt, aber auch wie man auf dem Gehweg um die Ecke biegt.
Besonders schön sind einige Szenen mit
der Straßenbahn, etwa wie man richtig aussteigt, ohne überfahren zu
werden, die mir vielleicht deshalb besonders gefallen haben, weil wir
in Hamburg leider seit 1978 keine Straßenbahn mehr haben. Ein
Kuriosum war die Demonstration einer lebensrettenden Vorrichtung die
vorne an Straßenbahnen angebracht waren, eine Art „Kuhfänger“:
War jemand auf die Schienen gestürzt, ließ der Fahrer schnell ein
Gitter herunter, das den Mensch wie eine Schaufel aufnahm. Der Film
rät dazu, dabei ruhig auf den Schienen liegen zu bleiben, aber die
Demonstration wirkte, als ob es ohne aktive Mitarbeit des
Darstellers nicht funktioniert hätte.
Überhaupt geht der Film nicht
zimperlich mit seinen (größtenteils Laien-)Darstellern um. Das wird
am deutlichsten in einer Sequenz über Kinder im Straßenverkehr.
„Gefährliche Spiele“ wie auf fahrende Autos aufspringen, oder
herannahenden Autos in letzter Sekunde ausweichen, werden in ziemlich
halsbrecherisch wirkenden Bildern von echten Münchener Kindern
demonstriert. Anscheinend war es damals auch normal, das zwei
5jährige Kinder alleine durch die Stadt gehen durften, für die dann
der freundliche Verkehrspolizist für einen Moment den gesamten
Münchener Innenstadtverkehr lahmlegt, um die Kinder sicher auf die
andere Seite der Straße zu führen. Die brutalste Szene des Films
geht über die bloße Demonstration von richtig und falsch hinaus.
Eine Nachbarin ist genervt von einer Gruppe lärmender Kinder im Hof
und scheucht sie alle raus auf die Straße zum Spielen, wo kurze Zeit
später ein Junge überfahren wird. Die weinende Mutter trägt ihr
totes Kind zurück auf den Hof, umringt von den anderen Kindern und
die Nachbarin steht schockiert daneben. „Das habe ich doch nicht
gewollt!“ Die Botschaft wird dem Zuschauer mit dem Holzhammer
beigebracht, verfehlt aber ihre Wirkung nicht.
Davon abgesehen verbreitet der Film im
Verkehrsteil eine leichte Stimmung, da alle Beteiligten
offensichtlich großen Spaß an der Inszenierung der Unfälle und den
sonstigen Verfehlungen haben. Einige gucken nicht nur ständig in die
Kamera, sondern schmeißen sich mit solcher Inbrunst auf den Asphalt,
dass man sich Sorgen um sie macht.
Weniger freundlich wird der Film wenn
er sich den Verbrechern zuwendet. Es werden verschiedene
„Bettler-Typen“ vorgestellt: Der Bedürftigkeitsbettler (der
einzig legitime, der auch sein „Geschenk“, wie der Film das
Almosen nennt, nur für Lebensmittel ausgibt), der Gewohnheitsbettler
und schließlich der betrügerische Bettler, der z.B. eine
Behinderung vortäuscht. Solche Darstellungen sind, sagen wir es mal
vorsichtig, heute nicht mehr üblich, und das ist auch gut so.
Spannender sind da schon die Vorführungen der Methoden von
Taschendieben, wobei mich insbesondere ein Ring mit einem
ausklappbaren Mini-Messer beeindruckt hat, mit dem der Dieb mit
kurzen Schnitten eine Jacke aufschlitzt, um an die Brieftasche seines
Opfers zu gelangen.
Unheimlich hingegen ist der
„Zopfabschneider“, der heimlich Mädchen lange Zöpfe
abschneidet. Was er damit vorhat, verrät uns der Film nicht.
Im letzten Teil geht es dann um
Zuhälterei und Prostitution, wobei hier (leider) keine Frivolitäten
dargeboten werden, sondern vielmehr eine Razzia in allen Details, die
nur den Zweck hat, zu zeigen, wie toll die Polizei ist. Aber das ist
natürlich auch zu erwarten, in einem Film, für dessen Dreharbeiten
die Münchener Polizei ganze Einheiten abgestellt hat, die sichtlich
stolz ihre Ausrüstung und Uniformen zur Schau stellen. Dabei wirken
die alten Pickelhauben und die offenen Mannschaftswagen mit
Holzpritschen ebenso unfreiwillig komisch, wie dass es als große
Innovation verkauft wird, dass man jetzt den Polizeihund im
Motorradbeiwagen schneller zum Tatort bringen kann. Oder wenn der
Zwischentitel beim Stellen eines Verbrechers von „List und Tücke“
spricht, aber darunter eigentlich nur „umschubsen“ verstanden
wird. Es gibt auch eine Demonstration, wie man als Passant fliehende
Verbrecher „falsch“ aufhält, „richtig“ ist nur „seitlich
anspringen“. Trotz der distanzlos abgefeierten Staatsgewalt hat der
Film großen Spaß gemacht, woran Stephen Horne am Flügel und Frank
Bockius an den Percussion-Instrumenten großen Anteil hatten.
Der Film ist auch eine Schatzkiste für Heimatkundler, da alles wirklich auf den Straßen von München und nicht im Studio gedreht wurde. Es ist schon ein wenig erstaunlich, dass der Film so erfolgreich war, dass er damals auch im Ausland gezeigt wurde. Unter anderem in der Schweiz, wo eine fast vollständige Kopie wiederentdeckt wurde, welche auch die Basis für die exzellente Restaurierung war und der Grund für die zweisprachigen Zwischentitel, französisch und deutsch..
Frank Bockius, Stephen Horne // Foto: Elmar Podlasly
DER ROTE KIMONO (The Red Kimona, USA 1925, Regie: Walter Lang & Dorothy Davenport, die im Vorspann nicht als Regisseurin genannt wird)
The Red Kimona Foto: Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.
Dorothy Davenport war eine
Schauspielerin aus der Stummfilmzeit, die mit dem großen
Hollywood-Star Wallace Reid verheiratet war, der 1923 im Alter von
nur 31 Jahren starb. Er gilt als einer von Hollywoods ersten
Drogentoten, wobei es sich bei seiner Morphiumsucht wohl um die
Folgen einer falschen medizinischen Behandlung handelte und nicht um
Party-Exzesse. Dorothy Davenport war jedenfalls durch den Tod ihres
Mannes so erschüttert, dass sie sich fortan dem Kampf gegen die
Laster der Menschheit verschrieben und sich als Produzentin und
Regisseurin etabliert hat. DER ROTE KIMONO beginnt mit Davenport,
hier „Mrs. Wallace Reid“ genannt, die der Authentizität der
Geschichte Nachdruck zu verleihen sucht, indem sie direkt das
Publikum anblickt und „anspricht“(natürlich nur über die
Zwischentitel) und den angeblich wahren Fall anhand von alten
Zeitungsberichten vorstellt…
1917: Gabrielle Darley (Priscilla
Bonner) ist eine junge Prostituierte in New Orleans, die
herausfindet, dass ihr geliebter Verlobter, der ihr Zuhälter ist,
eine andere Frau heiraten will. Sie stellt ihn beim Juwelier, wo er
die Eheringe aussucht, und erschießt ihn im Affekt. Während der
Gerichtsverhandlung erfahren wir als Rückblende, wie sie der
Zuhälter aus ärmlichen Verhältnissen und einem wenig liebevollen
Elternhaus weggelockt und zur Prostitution gezwungen hat. Wir erleben
ihren Ekel vor den Freiern und ihre Verzweiflung. Dabei spielt der
titelgebende rote Kimono eine besondere Rolle, da er das Symbol ihrer
Schande ist. In einer der visuell stärksten Szenen des Films
betrachtet Gabrielle sich im Spiegel und sieht sich in einem
Hochzeitskleid, doch die Vision weicht jäh der Realität, denn sie
trägt ihre „Arbeitskleidung“, den roten Kimono, der als
besonders dramatischer Effekt handkoloriert in roter Farbe leuchtet.
Überraschenderweise sprechen die
Geschworenen, natürlich nur Männer, sie frei.
Gabrielle möchte nun Krankenschwester
werden, um sich dadurch von ihren Sünden reinzuwaschen. Diese Pläne
durchkreuzt eine nach Aufmerksamkeit gierende Society-Lady, die
Gabrielle bei sich aufnimmt, um sich mit ihrer durch den Fall
gewonnen Prominenz zu profilieren. Gabrielle wird nun als neues
Spielzeug der High Society auf Partys vorgeführt und schamlos
ausgenutzt. Lediglich der Chauffeur Freddy (Theodore von Eltz) meint
es gut mit ihr. Die beiden verlieben sich ineinander. Doch während
Freddy mit der Chefin auf Reisen ist, wird Gabrielle vor die Tür
gesetzt. Sie versucht verzweifelt ihren ursprünglichen Plan wieder
aufzunehmen, doch beim Vorstellungsgespräch erkennt sie der
Krankenhausdirektor aus der Zeitung wieder. Hier kommt wieder die
rote Einfärbung zum Einsatz, als ein glühend rotes „A“ der
Schande auf Gabrielle erscheint, frei nach Nathaniel
Hawthorne. Sie ist gebrandmarkt. Hungrig und verzweifelt macht
sie sich auf den Weg zurück nach New Orleans, um wieder als
Prostituierte zu arbeiten. Doch Freddy, der von ihrem Vorleben weiß,
ist ihr dicht auf den Fersen, um sie zu retten. Doch wird er sie
rechtzeitig finden? Dann kommt auch noch die Nachricht vom
Kriegseintritt der USA…
Die Geschichte vom „gefallenem
Mädchen“ ist weder neu noch originell und war es auch schon 1925
nicht. Trotzdem hat mich der Film im Bann gehalten. Hauptdarstellerin
Priscilla Bonner hat so schöne große traurige Augen, die man in
vielen Großaufnahmen bestaunen kann. Abgesehen von dem Gott sei Dank
nur sparsam eingesetzten Farbeffekt, der obendrein nicht sehr gut
gelungen ist und mir etwas zu sehr als „Gimmick“ erschien, findet
der Film immer wieder ziemlich treffende Bilder, wo einfach aber klar
erzählt wird. Zum Beispiel wenn Gabrielle ihre zukünftigen Freier
nur als Schatten am Fenster sieht, man aber sofort begreift, dass es
sich nicht um angenehme Zeitgenossen handelt. Auch hat mir gefallen,
dass die Zwischentitel stets auf der Seite der Protagonistin waren
und sich spöttisch-sarkastisch über ihre Peiniger äußern.
Der Film wurde sehr schön am Flügel
begleitet vom Sommerkino-Urgestein Joachim Bärenz, der hier voll in
seinem Element war.
Übrigens: Die echte Gabrielle Darley
führte zur Zeit der Veröffentlichung des Films mittlerweile ein
angeblich unbescholtenes bürgerliches Leben und war alles andere als
begeistert, dass der Film, noch dazu mit ihrem richtigen Namen, ihr
Vorleben wieder ans Licht holte. Sie verklagte die Produzenten,
sprich: Dorothy Davenport, und gewann. Das Gericht sah es als
erwiesen an, dass es ein Recht auf Privatsphäre gibt. Das Urteil ist
in den USA ein heute noch zitierter Präzedenzfall. Die wahre
Geschichte der Gabrielle Darley war aber nicht so, wie im Film
dargestellt. Wie man hier
nachlesen kann, war sie nicht nur Prostituierte, sondern führte
selber ein Bordell und es sind im Laufe der Zeit nicht nur einer,
sondern 5 Männer in ihrem Leben auf mysteriöse Weise gestorben,
wobei sie mit 4 davon verheiratet war…